Bahnunfall

Betroffenheit über Unglück

Der tödliche Bahnunfall am vergangenen Wochenende in Biederitz beschäftigt die Leitung und Geschäftsführung des Seniorendomizils.

Biederitz l Simone Garnich , Einrichtungsleiterin des Seniorenomizils Biederitz, konnte ihre Tränen nicht unterdrücken. Auch Geschäftsführer Marc Kollmeier und Gemeindebürgermeister Kay Gericke zeigten sich von dem tragischen Unglück schwer betroffen.

Am Sonnabendnachmittag, 7. Februar, war ein 86-jähriger Bewohner der Senioreneinrichtung zu Fuß auf den Bahngleisen der Strecke Magdeburg - Berlin unterwegs gewesen. Den herannahenden Intercity bemerkte der Mann nicht oder zu spät. Trotz eingeleiteter Gefahrenbremsung durch den Zugführer war es gegen 17.30 Uhr, kurz vor der Bahnbrücke über die Landesstraße 52, zu einem Zusammenstoß gekommen. Der 86-Jährige wurde dabei schwer verletzt und erlag kurze Zeit später noch im Rettungswagen seinen Verletzungen.

Der Senior litt an Demenz. Die Menschen würden mit fortschreitender Demenz immer mobiler, erklärte Marc Kollmeier gestern. Als Einrichtung hätten sie nicht die Möglichkeit, dagegen besondere Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Im Juni des vergangenen Jahres hatten Anwohner des angrenzenden Wohngebietes im Vechelder Weg in Biederitz das Gespräch mit dem Geschäftsführer gesucht, weil Bewohner der Einrichtung immer mal wieder „umherirren“ würden. Damals hatte der Geschäftsführer bereits erklärt, das Seniorendomizil sei keine geschlossene Einrichtung. Die Bewohner seien auch nicht in dem Status, um einen so genannten Unterbringungsbeschluss zu bekommen. Spaziergänge der Bewohner dürften und müssten deshalb stattfinden. Es gebe keine rechtliche Grundlage für freiheitsentziehende Maßnahmen.

Gestern betonte der Gesschäftsführer mit Blick auf das tödliche Unglück, die Gesetzgebung müsste sich dennoch Gedanken darüber machen, wie geeignete Schutzmaßnahmen aussehen könnten. Die Regelungen für die Einrichtungen wären aus seiner Sicht klar überarbeitungswürdig, so Kollmeier. Unter den derzeitigen gesetzlichen Umständen sei kein hundertprozentiger Schutz der Bewohner möglich, so bedauerlich das auch sei.

Marc Kollmeier erklärte auch, aufgrund der Pandemie erkenne man aber zurzeit nicht nur die Schwachstellen in der Pflege, sondern im gesamten Gesundheitswesen.

Einen Zusammenhang mit der aktuellen coronabedingten Situation in der Einrichtung schloss Kollmeier aus. Allerdings sei aktuell die Tagespflege zurück gefahren worden, um die dortigen Kräfte bei den Bewohnern der Einrichtung einsetzen zu können.

Der Geschäftsführer machte darauf aufmerksam, dass seine Pflegekräfte „in einem Kontroll- und Vorschriftenwahn“ gefangen wären. 45 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringe die durchschnittliche Pflegekraft mittlerweile am Schreibtisch. Und der bürokratische Anspruch an eine Pflegekraft werde nicht weniger, sondern immer höher.

Seit vergangenen Donnerstag sei das Seniorendomizil intensiv auf der Suche nach Unterstützung gewesen, weil ihnen Pflegekräfte fehlen, sagte Marc Kollmeier. Anfragen seien an die Heimaufsicht beim Landesverwaltungsamt und auch das Sozialministerium in Magdeburg gegangen. Am Montag nun hätten sie die Zusage erhalten, dass ab dem heutigen Dienstag zwei Kräfte der Bundeswehr die Arbeit der Einrichtung unterstützen werden. Außerdem soll heute endlich mit den Impfungen von Bewohnern und Pflegekräften begonnen werden.

Nach dem tragischen Unfall hätten am Wochenende Seelsorger und Vertreter der Kirchengemeinde die Arbeit der Pflegekräfte unterstützt.

Einrichtungsleiterin Simone Garnicht bat Angehörige der Bewohner eindringlich um die Einhaltung der Mundschutzpflicht und Abstandsregeln. Es habe eine ganze Reihe von Verstößen gegeben, was die Arbeit der Pflegekräfte erschwert.

Gemeindebürgermeister Kay Gericke wandte sich an die Einwohner der Gemeinde. Vielleicht gebe es Menschen, die Zeit erübrigen könnten, um die Arbeit der Pflegekräfte zu unterstützen, indem sie Bewohnern beispielsweise Gesellschaft leisten würden.