Burg/Genthin l Was steht einem am besten? Die Requisitenkammer im Soziokulturellen Zentrum (SKZ) in Burg gleicht einer großen Schatzkammer. Kleider, Anzüge, Mützen… Die Auswahl ist riesengroß. „Valentina, du könntest dieses Kleid anziehen“, sagt Marlon König zu seiner Schauspielerkollegin. „Oder doch ein anderes?“ Beide durchsuchen die Regale und haben ihren Spaß dabei. Marlon setzt eine Mütze auf, die ihn etwas strenger aussehen lässt. Valentina macht große Augen. „Oh, wie ein richtiger Herr“, lacht sie – und bleibt an einem mehrfarbigen Kleid stehen, das wie geschneidert zu ihrem lebensfrohen Naturell passen könnte – und möglicherweise zu den „Geschichten aus dem Wiener Wald“, die derzeit für dieses Jahr einstudiert werden und die Burger Bühne noch bekannter machen sollen. „Das wird sicher eine schöne Zeit“, sagt Valentina, die Optimismus und Elan nur so versprüht. Vielleicht auch, weil das Stück so manche tragische zwischenmenschliche Begebenheit widerspiegelt.

Marianne, das „süße Wiener Mädel“, läuft ihrer Verlobung mit dem biederen Fleischhauer Oskar davon, der sein Geschäft neben der Puppenklinik ihres Vaters im achten Bezirk in Wien hat. Sie bekommt ein Kind von Alfred, der ein Schuft und Hallodri ist, und sie werden todunglücklich im Wiener 18. Bezirk. Alfred gibt das Kind zu seiner Großmutter, die mit Alfreds Mutter in der schönen frischen Luft der Wachau an der Donau wohnt. Es entfaltet sich eine Geschichte mit immer düsteren Ausblicken für die Protagonistin.

Am Ende gibt es nicht die Wendung zum Guten, sondern die Fortsetzung trostloser Brutalitäten wird besiegelt.

Das Stück von Josef von Horváth, Ende der 1920er Jahre geschrieben, demaskiert das Klischee der Wiener Gemütlichkeit. Für die Laienschauspieler ist es mehr als eine Herausforderung, die Persönlichkeiten mit ihren eigensinnigen Charakteren darzustellen. „Man muss sich auch in diese Zeit hineinversetzen und innerlich dabei sein“, sagt Valentina König, die in der Schauspielerei aufgeht. Auch deshalb, weil das Theater schon immer wichtig für sie war. „Neben Singen, Tanzen und Yoga“, sagt die 68-Jährige. Sie schätzt die Gemeinschaft mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten beim Proben ganz besonders. Und die Tatsache, „dass jeder unheimlich viel lernt“. Ob Sprache, Ausdruck, Gestik - „wir spielen eine Rolle und müssen das Handwerkszeug erlernen. Das ist etwas Schönes und Forderndes zugleich“, sagt Valentina. Und es kostet Zeit. Aber die nimmt sie sich gern und kommt deshalb immer wieder voller Elan von Tryppehna nach Burg.

Alle bringen sich ein

Wie Marlon Reich. Der 30-Jährige aus Genthin hat schon auf und hinter der Bühne bei Theatergruppen in Berlin mitgemacht oder geholfen. „Das ist eine tolle Gemeinschaft hier, wo ich trotz meines Handicaps akzeptiert und gebraucht werde“, versichert der junge Mann. Vor allem die Bandbreite habe ihren Reiz. Ob Licht, Ton, Schauspiel oder Bühne. „Ein Stück funktioniert nur richtig, wenn alle Bereiche einwandfrei aufeinander abgestimmt sind. Da bringen sich alle prima ein.“

Das kann Christina Etzold, Projektleiterin des Tea-Treff, nur bestätigen. Das Ensemble ist mit den Monaten gewachsen und hat im vergangenen Jahr viel Zuspruch bei den Aufführungen erfahren. „Auch in Dörfern wie Niegripp oder Ihleburg gab es eine große Resonanz.“

Die Burger Bühne ist Teil des Bundesprogramms Ländliche Entwicklung (BULE). Ziel ist es unter anderem, die Kultur im ländlichen Raum zu unterstützen. Der Vorteil: Das Bundeslandwirtschaftsministerium finanziert das Projekt drei Jahre, damit es sich anschließend selbstständig trägt und fortgesetzt werden kann.

Dabei helfen professionelle Schauspieler, Regisseure und Ausstatter den Laien. Auch eine mobile Kulturbühne soll aufgebaut werden.

Ein Vorhaben, das auch Bürgermeister Jörg Rehbaum (SPD) unterstützt. „Die Burger Bühne ist ein kultureller Gewinnen für unsere Stadt und den Landkreis“, sagt er. Bereits das erste Stück habe gezeigt, wieviel Herzblut die Schauspieler an den Tag legen.

Aufgeführt wurde das Stück „In seinem Garten liebt Don Perlimplin Fräulein Belisa“. Der büchervernarrte Don Perlimplin ist ein Einzelgänger, wie er im Buche steht. An das Eheleben ist bei ihm nicht zu denken, bis irgendwann seine Haushälterin Marcolfa die Zügel in die Hand nimmt und ihn dazu bringt, um die schöne Nachbarstochter Belisa zu werben.

Da deren Mutter der Verbindung ohne Widerworte zustimmt, kommt es schneller zur Hochzeit als der Tochter lieb ist. Doch zeigt sich in der Nacht der Nächte schnell, dass ihr Ehemann ihre Begierde nicht zu stillen vermag.

Eine Romanze des spanischen Dramatikers Federico Gracia Lorca, die manche Rollenvorstellungen auf den Kopf stellt. Wie manchmal im wirklichen Leben …