Dornburg l Ein strenger Lehrer, aber einer, bei dem man etwas gelernt habe, sei Karl Ulrich gewesen, blickten seine ehemaligen Schüler zurück. Wie sehr dabei der Rohrstock eine Rolle gespielt habe, darüber gingen die Erinnerungen auseinander. Karl Ulrich, der von 1907 bis 1951 als Lehrer in Dornburg arbeitete, verfasste nebenbei eine umfassende Ortschronik. Lange galten seine intensiven Recherchen als verschollen. „Diese Chronik müssten wir haben!“, habe Erhard Micklisch, Gründungsmitglied der Stengelgesellschaft, immer geschwärmt, erinnerte sich Stefan Schüler zum Plaudernachmittag des Heimat- und Stengelvereins in Dornburg.

Aufwendige Arbeit

Der Wunsch ging in Erfüllung: Urenkelin Astrid Utpatel-Hartwig stellte dem Verein die Dornburger Chronik zur Verfügung. Stefan Schüler machte sich an die aufwendige Arbeit, die inzwischen verblassten Schreibmaschinenseiten zu digitalisieren. Gut ein halbes Jahr war er damit beschäftigt und bat um Verständnis, sollten in der neuen Auflage immer noch Fehler vorhanden sein. „M und N oder 5 und 8 waren im Original nicht mehr zu unterscheiden.“ Er habe sich große Mühe gegeben, dass alle Jahreszahlen stimmen.

Von der Siedlungsgeschichte über die Geschichte sämtlicher Häuser Dornburgs (ab 1700) bis zu den Geschehnissen in den letzten Kriegstagen 1945 beantwortet die Chronik viele Fragen. Auch über das Schloss informiert Karl Ulrich ausführlich. Zum Plaudernachmittag stellte Stefan Schüler exemplarisch die Kapitel Schule und Zweiter Weltkrieg vor.

„Ist das nicht Roland? Und ist das dort nicht Manfred?“ Die Besucher des Plaudernachmittags waren schon mit den ersten Klassenfotos, die Stefan Schüler zeigte, vollends in die Diskussion vertieft. Bei dem Jahrgangsfoto 1949 gelang es ihnen sogar, in kurzer Zeit eine komplette Reihe Schülerinnen und Schüler mit Namen zu benennen.

Erinnerungen

Andere Fotografien erinnerten an die Kinderfeste, die Karl Ulrich in Dornburg etabliert hatte und die sich zu richtigen Volksfesten entwickelten. Gesammelt wurde zu dieser Gelegenheit beispielsweise für einen Lichtbildapparat. 1925 kamen 88 Mark zusammen, ein Jahr später fast dieselbe Summe. „Zum Schluss konnte der Projektor für die Schule angeschafft werden“, sagte Stefan Schüler.

Der Wechsel zu Karl Ulrichs Aufzeichnungen zu den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg in Dornburg war ein herbes Kontrastprogramm. Statt fröhlicher Kinder ging es nun um Fliegeralarme, als die Einwohner im Schlosskeller oder im Neugarten angelegten Splittergraben Schutz suchen mussten. Für Städte seien diese Aufzeichnungen nicht ungewöhnlich, aber für ein Dorf etwas ganz Seltenes, setzte Stefan Schüler hinzu. An den Tod des 15-jährigen Ernst Fritze im April 1945 durch Sprengstücke konnten sich Ältere noch erinnern. Die Besucher reagierten betroffen auf die Schilderungen, wie der Krieg einst vor ihrer eigenen Haustür tobte.

Um den Nachmittag mit einer etwas positiveren Note abzuschließen, berichtete Stefan Schüler, weshalb Robert Petschow gerade von Dornburg ein Luftbild geschossen hat. Der Freiluftballonpilot hatte eine nicht ganz freiwillige Zwischenlandung in Dornburg machen müssen. „Da fand gerade Handarbeitsunterricht statt. Als der Ballon landete, sind alle Schüler rausgerannt“, wurde eine Erinnerung geteilt.

Handarbeitsunterricht erteilte Selma Ulrich, Karls Ehefrau. „Freitagnachmittags von 13 bis 15 Uhr.“ Karl Ulrich sei sicherlich ein strenger Lehrer gewesen, betonten die älteren Dornburger, die ihn noch kennengelernt hatten, aber sie erinnerten sich auch: „Zuhause hatte Selma das Sagen“.

Große Freude hatten die Dornburger an den akribischen Auflistungen zu allen Häusern. Wann wurden sie erbaut? Wer hat wann drin gewohnt? Weshalb musste oder konnte das Haus verkauft werden? Stefan Schüler stellte einige Beispiele vor. Den Rest wollten die Dornburger selbst nachlesen. Die erste Auflage der Ulrich-Chronik, die der Heimat- und Stengelverein, hatte drucken lassen, fand schnellen Absatz.