Lostau/Magdeburg/Halle l „Dieser Geruch verursacht Übelkeit, Kopfschmerzen. Man würde zum Lüften das Fenster nicht mehr öffnen.“ Der Magdeburger Peter Lenke steht an seinem im vorigen Jahr erworbenen Grundstück in Alt-Lostau und ist besorgt. Er will hier ein neues Heim für seine vierköpfige Familie bauen. Die Gerüche, die aus dem Industrie-Gebiet Magdeburg-Rothensee hinüberziehen, will er nicht hinnehmen. „Die Konzentration der Geruchsstoffe muss am Ort, wo sie entstehen, so hoch sein, das kann nicht gesund sein.“

Lenke hat in den letzten Monaten akribisch versucht zu ermitteln, wer der Verursacher des Gestanks ist. Er hat Windrichtungen untersucht. Vorherrschend ist Westwind, Im Korridor liegen Hohenwarthe, Lostau und Gerwisch.

Öliger, verbrannter Geruch

Lenke ist das Industriegebiet abgefahren, war bis zur Steinkopfinsel. Auch nach Norden bis nach Barleben (Börde) sowie in Richtung Stadtmitte, am Hasselbach-Platz, wo er jetzt noch wohnt, oder am „Mückenwirt“ in Buckau hat er „den öligen, verbrannten Geruch nach ranzigen Popcorn oder Pommes Frites“ wahrgenommen. Lenke hat sich im Magdeburger Umweltamt und im Landesverwaltungsamt gemeldet. Er erwartet Antworten und Lösungen.

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„Im Industriegebiet Magdeburg-Rothensee sind mehrere Unternehmen, die als mögliche Geruchsemittenten in Frage kommen, ansässig. Abschließende Ergebnisse liegen noch nicht vor“, räumte Gabriele Staedter, Pressesprecherin des Landesverwaltungsamtes in Halle, auf Volksstimme-Nachfrage ein. Wann Ergebnisse vorliegen werden, ist offen.

Noch keine Ergebnisse

Staedter verweist auf die Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt bei der Überwachung der Firmen und bei der Untersuchung des Problems. Es „wurden bereits erste Ortstermine zur Lokalisierung der bzw. des Geruchsemittenten durchgeführt. Im Rahmen der Sachverhaltsaufklärung sind weitere Ortstermine geplant.“

Im Müllheizkraftwerk Rothensee hatte es bei in Frage kommenden Zeiträumen laut Onlineüberwachung und Kontrollen keine Überschreitung der Grenzwerte gegeben. Unweit des Müllheizkraftwerkes produziert das Unternehmen Glencore Biodiesel und Rapsöl. Die Firma äußerte sich bisher nicht zum Problem.

Unmut wächst

Derweil wächst der Unmut in den betroffenen Dörfern im Jerichower Land. Und die Spekulation, wer der Verursacher seien könnte. Evelyn Beims aus Lostau sorgt sich seit längerem. „Mit dem unangenehmen, popcornähnlicher-süßlichen Geruch kommen auch schädliche Stoffe nach Lostau, die alle einatmen.“ Mehr als einmal hat sie sich beim Landesverwaltungsamt beschwert, führt sogar seit 2016 ein Gestankstagebuch. Dafür hat sie sich den Erhebungsbogen für Geruchswahrnehmungen der Behörde heruntergeladen. Auffällig ist, dass Kreuzchen gesetzt wurden, wenn Westwind herrschte.

Woher der Geruch kommt, das ist für Beims aber klar. „Das Bioölwerk in Magdeburg-Rothensee ist schuld. Dort wird ihm Heißpressverfahren Biodiesel hergestellt, der dem normalen Diesel beigemischt wird. Das kann nicht gesund sein“, meint sie. „Es stinkt mehrfach die Woche, Sommer wie Winter.“

Bioölwerk als Verursacher?

Thomas Bethge, Anwohner des Weinberges, hält das Bioölwerk nicht für den Verursacher. „Ich kann von mir aus gut die Windkrafträder in Rothensee beobachten, sehe wie der Wind steht. Daraus schließe ich, dass es nicht das Bioölwerk sein kann, sondern vermutlich das Pelletwerk schuld ist. Dort werden mit Wasserdampf Holzschnitzel zu Pellets gepresst. Wenn dort die Silos geöffnet werden, dann bewegt sich bei Südwind eine gelbe Wolke über die Autobahn. Die kommt bei Westwind dann bei uns an“, meint er.

Lostau hat wegen seiner guten Luft eine Lungenklinik, 1902 als TBC-Heilstätte gründet. Wie steht es hier um Erfahrungen mit den aktuellen Luftproblemen? „Mir ist bislang nichts Geruchsbelästigendes aufgefallen und ich habe diesbezüglich auch noch nicht von Patientenbeschwerden gehört“, erklärte Geschäftfsführer der Lungenklinik Lostau gGmbH, Tobias Bruckhaus. „Aber selbst, wenn es so wäre, hätte es keinen Einfluss auf die Behandlung der Patienten. Diese findet ja im Klinikgebäude statt. Die Luftqualität der Umgebung spielt mittlerweile kaum noch eine Rolle für die Behandlung der Patienten.“

Ständige Messungen

Auch in der Verwaltung der Gemeinde Möser sind etliche Beschwerden eingegangen. „Wir haben den Landkreis und das Landesverwaltungsamt angeschrieben“, erklärt Gemeindebürgermeister Bernd Köppen (parteilos). „Zudem stehen wir im Kontakt mit der Stadt Magdeburg. Dort wurde uns versichert, dass sich gekümmert wird.“ Köppen plädiert für ständige Messungen in Lostau und Hohenwarthe durch das Landesverwaltungsamt. „Wenn etwas riecht, dann ist das sicher auch messbar, das muss hier erfolgen“, fordert er.

Den Lostauern ist das zu wenig. Ortschaftsrätin Nancy Wienke, die ebenfalls Gestankstagebuch führt, und andere wollen eine Unterschriftensammlung organisieren. „Sollten die Unterschriften nichts bringen, dann könnte eine Bürgerinitiative der nächste Schritt sein“, erklärt sie. Sie verweist auf eine Bürgerinitiative in Kyritz in Brandenburg. Auch dort habe es wegen einer Fabrikanlage gestunken. „Ihre Proteste haben Wirkung gezeigt. Das schaffen wir auch“, meint Wienke. Die Bürger fordern klare Ansagen und Handlungen der Verantwortlichen. Der Verursacher müsse gefunden und gezwungen werden, Filter zu verwenden.

Bürgerinitiative im Gespräch

Peter Lenke, der Bald-Lostauer, will in diesem Jahr mit dem Hausbau beginnen und Widerstand gegen die Gestanksverursacher aus Magdeburg-Rothensee leisten. Wenn hier „nicht in Luftreinigungstechnologie investiert wird, um Profite zu erhöhen, wäre das eine dreiste Unterlassung, die unsere Luft verschmutzt, in unseren Straßen, Gärten, Wohnungen, Schulen und Kindergärten. Das lassen wir uns nicht gefallen.“