Jerichow l Es könnte das erste Jahr werden, in dem die Stiftung Kloster Jerichow mehr als 30.000 Besucher in den mittelalterlichen Gemäuern begrüßen konnte. Bereits im Juli war die Vorjahreszahl von 29.700 Besuchern um zehn Prozent überschritten, sagt Bernd Witt, seit 2017 Verwaltungsleiter des Klosters. Beste Voraussetzungen, um positiv in die nächste Saison zu schauen. Eigentlich. Gäbe es da nicht noch ein großes Fragezeichen.

Obwohl längst die Vorbereitungen für den Veranstaltungsplan 2020 laufen, ist bislang nicht sicher, ob Marco Reiß als künstlerischer Leiter an Bord bleibt. Noch ist sein Vertrag trotz Beteuerungen von allen Seiten, gemeinsam das Kloster als Kulturleuchtturm voranbringen zu wollen, nicht verlängert. Roland Maiwald, der nach dem Tod von Tilman Tögel den Vorstandsvorsitz bei der Stiftung Kloster Jerichow übernommen hat, spricht davon, man sei dabei, gemeinsam die letzten kleinen Hürden zu nehmen. Auch Bernd Witt versichert, er hoffe, dass Marco Reiß dem Kloster auch 2020 zu Verfügung steht. „Marco Reiß muss Ja sagen. Der Weg ist vom Vorstand geebnet“, sagt Bernd Witt.

Klarere Absprachen gefordert

Marco Reiß hatte im September vor einem Jahr die künstlerische Leitung im Kloster – zunächst für ein Jahr – übernommen. Den Mitbegründer des Rossini-Quartetts und Intendanten des Telemann-Festjahres „Telemania“ 2017 hatte Tilman Tögel nach Jerichow geholt. Er selbst ist vorsichtig, was seine Weiterarbeit als künstlerischer Leiter angeht. Auch er wolle weitermachen im Sinne von Tilman Tögel, der viele Pläne dafür hatte, das Kloster als überregional interessanten Ort der Kultur zu etablieren. Aber, so die Einschränkung von Reiß: „Wir müssen noch professioneller zusammenarbeiten.“ Und: „Die Absprachen müssen klarer funktionieren.“ Im Moment fühle er sich noch in einer Vertragsverhandlungssituation, noch nicht an deren Ende.

Abgesehen vom Vertrag für den künstlerischen Leiter sind sich die Akteure in wesentlichen Punkten einig: Soll das Kloster eine wirkliche Zukunft haben, braucht es vor allem mehr Unterstützung von Land und Landkreis.

„Es ist eine Frage des Geldes.“ Dieser Satz fällt, egal, ob man mit Maiwald, Witt oder Reiß spricht. Es geht um Werbung in den Nachbarbundesländern für große, ausstrahlende Veranstaltungen wie die Sommermusiken und das Jazzfestival, das auch 2020 wieder stattfinden soll und zu dem einige der Musiker bereits signalisiert hätten, gern ein weiteres Mal in Jerichow auftreten zu wollen, sagt Marco Reiß.

Knackpunkt Finanzen

„Wir können aus Jerichow noch viel mehr rausholen. Wir müssen nach draußen und Werbung machen in Brandenburg, Niedersachsen, Thüringen, die müssen alle vom Kloster wissen. Aber das kostet“, so Reiß. Und das Kloster habe die Zone der tiefroten Zahlen in diesem Jahr nach finanziell schwierigen Zeiten gerade verlassen, sagt Witt.

Es geht aber auch um Personal. 15 bis 16 hauptamtliche Kräfte arbeiten derzeit im Kloster, darunter bei weitem nicht alle für den Veranstaltungsbereich. „Darunter sind Gärtner, Schreiner, Hausmeister“, sagt Roland Maiwald. Veranstaltungen wie das Jazzfest seien mit dem kleinen Stamm kaum zu schaffen. Er sei positiv überrascht gewesen, dass die dreitägige Veranstalltung so reibungslos verlaufen ist. „Das habe ich mir so nicht vorgestellt.“ Mehr Personal bedeutet aber auch wieder mehr Geld. Müsste das Kloster die Kosten übernehmen, ginge das nur über höhere Eintrittspreise. Ein Weg, den Maiwald für kontraproduktiv hält: „Wenn wir die Eintrittspreise erhöhen, schaufeln wir unser eigenes Grab.“ Teurere Karten seien in der ländlichen Region nicht darstellbar.

Deswegen hofft auch er auf eine stärkere Unterstützung vom Land. Demnächst soll es Gespräche im Kulturministerium geben.

Schon heute Abend tagen der Ausschuss für Bildung und Kultur und der Finanzausschuss des Kreistags gemeinsam im Kloster. Einer der Tagesordnungspunkte der um 17 Uhr beginnenden öffentichen Sitzung ist die Situation der Stiftung Kloster Jerichow, deren Kuratoriumsvorsitzender Landrat Steffen Burchhardt (SPD) ist.