Biederitz l Die Begeisterung der Archäologen beim Termin in der Biederitzer Ortsmitte ist ansteckend. Mit einem Team aus fünf Mitarbeitern hat das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie hier an der Kantorwiese, auf einer Fläche von 1060 Quadratmetern, bis Ende Oktober gegraben. „Auf einem in die Elbe hineinreichenden Geländesporn wurde ein Ausschnitt eines karolingerzeitlichen Kastells aufgedeckt“, teilten sie nun mit.

Bedeutender Fund

„Es ist einer der bedeutendsten Funde dieses Jahres im Jerichower Land“, erklärt Dr. Donat Wehner, zuständiger Gebietsreferent des Landesamtes für den Landkreis. Das Kastell stamme aus der Zeit um 806 und sei vermutlich von Karl dem Großen beauftragt worden. In Abschriften einer karolingischem Chronik, die sich in französischen Klöstern befindet, ist die Rede von einem Militärkastell, das „ad aquilonem partem Albie contra Magadaburg“ liegt, also im nördlich gelegenen Teil der Elbe gegenüber von Magdeburg. Hier in Biederitz war es aber nicht vermutet worden, so Wehner. Überliefert ist, dass bereits Mitte des 18. Jahrhunderts nach dem Kastell gesucht worden war.

Eines von zwei Kastellen Karl des Großen

Schon bevor die Voruntersuchungen des Landesamtes im Zuge von Bauarbeiten für ein Mehrgenerationenhaus begannen sei klar gewesen, dass es hier im Ortskern von Biederitz und nah an der evangelischen Kirche gelegen archäologische Funde geben wird. Dass dabei eines von nur zwei Kastellen Karl des Großen im heutigen Sachsen-Anhalt entdeckt wird – damit hatte niemand gerechnet. Das zweite Militärkastell dieser Art soll östlich von Halle an der Saale liegen. Es ist noch nicht gefunden.

Bilder

Zunächst, so Donat Wehner, hätten die Archäologen vermutet, dass es sich um eine Burg handelt. Schnell sei aber klar gewesen, dass nicht nur die Überlieferung zur Lage des Kastells mit dem Funden übereinstimmt. Auch die Art der Befestigungsanlage ist vergleichbar mit bereits bekannten karolingischen Befestigungswerken. Es handelt sich um zwei Wälle mit jeweils vorgelagertem Graben. Der innere Graben ist 13 Meter breit und 3,5 Meter tief. Der äußere Graben misst in der Breite fünf Meter und in der Tiefe 1,5 Meter.

Muss Ortsgeschichte umgeschrieben werden?

In der Forschung hatte es bereits etliche Vorschläge zur Identifikation des karolingischen Gegenkastells von Magdeburg gegeben. Aus Sicht des Landesamtes sind sie aus topografischer sowie chronologischer Sicht oder aufgrund zu großer Distanzen zu der in den Quellen beschriebenen Lage aber unwahrscheinlich.

Die Militär-Anlage in der heutigen Ortsmitte von Biederitz wurde unmittelbar nach Beendigung der Sachsenkriege (772 bis 805 n.Chr.) an der Ostgrenze des Fränkischen Reiches errichtet. Sie sollte den östlichen Saum des sächsischen Siedlungsgebietes zur Reichsgrenze gegenüber den Slawen festlegen und die neu entstandene Grenze absichern. Bereits im Dezember 805 hatte Karl der Große im so genannten Diedenhofer Kapitular verordnet, dass in Magdeburg und anderen Grenzorten die Kaufleute, die mit Slawen und Awaren Handel trieben, kontrolliert werden sollten. Auf diese Weise sollte insbesondere die Ausfuhr von Waffen verhindert werden.

Spannender Grabungsplatz

Einen „hochspannenden Grabungsplatz“ nennt Wehner die tiefe Grube an der Breiten Straße 34 und 35. Das Team unter der Leitung von Archäologin Claudia Schaller hat in den Gräben Holzkohle, Tierknochen und Keramikfragmente zu Tage befördert. Die Anlage selbst besteht aus Holz-Erde-Mauern, also Palisaden, so Schaller.

Vor der Befestigungsanlage wurden zudem zwei Grubenhäuser entdeckt, in denen wahrscheinlich die vor dem Kastell ansässige Bevölkerung gewohnt hat.

Keramik und Knochen

Claudia Schaller zeigt einige der Funde: vorwiegend unverziertes Keramikmaterial, Spinnwirteln, ein Knochenpfriem und Backtellerfragmente aus dem 8./9. Jahrhundert. Die Funde der Archäologen zeugen von Siedlungstätigkeit zu dieser Zeit im heutigen Ortskern von Biederitz. „Muss unsere Geschichte jetzt neu geschrieben werden?“, fragt Bauherr Dirk Nowak. Denn immerhin wird die Siedlung „Bidrizi“ nach bisherigen Erkenntnissen erstmalig im Zehntverzeichnis des Magdeburger Moritzklosters im Jahr 938 erwähnt. Schreiben die Beweise für Siedlungstätigkeit bereits im 8. Jahrhundert die Geschichte der Ortschaft also um? Nicht zwingend, sagt Donat Wehner. Der Fund der zwei Grubenhäuser vor dem Kastell bedeute nicht unbedingt, dass es zu dieser Zeit bereits eine ganze Siedlung gab.

Die Orts-Jubiläen werden in Biederitz deshalb wohl weiterhin auf Basis der so genannten urkundlichen Ersterwähnung im Jahr 938 gefeiert werden.