Burg l Noch bevor auch nur einer der vier Zeugen am fünften Verhandlungstag im Prozess gegen den Leiter einer Sekundarschule im Jerichower Land ein einzige Wort ausgesagt hatte, meldete sich dessen Verteidiger zu Wort. „Ich muss leider wieder die nächste Bombe platzen lassen“, machte er es spannend. Am dritten Verhandlungstag hatte eine Schülerin, die auch von dem Angeklagten sexuell belästigt worden sein soll, ausgesagt, sie habe vor ihrer Anhörung anonyme Nachrichten bekommen. Unter anderem sei sie gewarnt worden: „Pass auf, was du vor Gericht sagst, sonst wird es böse enden“. In einer anderen Nachricht sei sie gefragt worden, ob sie sich nicht dumm vorkomme, anderen Menschen das Leben kaputt zu machen. Im Gerichtssaal erklärte sie, Anzeige gegen den Angeklagten erstattet zu haben.

Die Polizei stellte ein Auskunftsersuchen bei dem sozialen Medium „Tellonym“, über das die drei anonymen Nachrichten eingegangen waren und erhielten ein eindeutiges Ergebnis. „Die erste Nachricht hat sich die Zeugin selbst geschickt, das ist eindeutig“, sagte der Verteidiger. Die zweite Nachricht sei von einem Handy geschickt worden, das auf ihre Mutter angemeldet sei, der Absender der dritten Nachricht komme ziemlich sicher auch aus dem Umfeld der Zeugin. „Es ist nicht zu glauben, dass es da überhaupt keine Hemmschwelle gibt, jemanden falsch zu verdächtigen“, sagte der Verteidiger. Die Konsequenz: Strafantrag gegen die Zeugin.

Stellvertreter hat nichts beobachtet

Der stellvertretende Schulleiter wurde als Erster in den Zeugenstand gerufen. Er selbst habe keine Beobachtungen sexueller Belästigung durch den Schulleiter gemacht, sei aber von zwei Schülern auf einen Vorfall hingewiesen worden. Zeugen hatten zuvor ausgesagt, er soll sinngemäß daraufhin gesagt haben, es sei doch bekannt, dass der Schulleiter pädophil sei. „Auf keinen Fall“, widersprach er am Montag dieser Darstellung.

Er habe den Schulleiter über den Vorwurf informiert, bei einer Besprechung mit den Schülern, der Mutter der Schülerin und dem Schulleiter schien das alles ausgeräumt, was es aber letztlich nicht war. Der Vater sei am nächsten Tag erschienen und habe den Schulleiter erneut mit Vorwürfen konfrontiert.

Nichtwissen von pädophilen Neigungen

Er sei „aus allen Wolken gefallen“, als er von den Vorwürfen hörte, sagte ein weiterer Lehrer. Zuvor seien im Buschfunk schon Gerüchte verbreitet worden, doch auf so etwas gebe er nichts. Auch er widersprach dem, dass es so etwas wie Allgemeingut an der Schule gewesen sein soll, von pädophilen Neigungen des Schulleiters zu wissen. Ebenso widersprach er der Aussage mehrerer Schülerinnen, dass der Schulleiter statt ihm den Sportunterricht übernommen hatte, da er regelmäßig zu Prüfungen in der Justizvollzugsanstalt gewesen sei. „Die Prüfungen gehen über einen, vielleicht drei Tage, aber auf keinen Fall über Wochen oder Monate“, sagte der 57-Jährige.

„Erschreckt“ sei sie gewesen, als sie erfuhr, was dem Schulleiter vorgeworfen wird, sagte eine weitere Lehrerin, die ebenfalls nichts von den angeblichen Pädophilieneigungen ihres Chefs gehört hatte. Sie selbst habe nichts beobachtet, es sei auch nie ein Vorwurf herangetragen worden. Auch nicht bei der Abschlussfahrt mit einer Klasse, zu der Schülerinnen gehörten, die sexuell belästigt worden seien. Bei den vielen gemeinsamen Aktivitäten hätte sich vielleicht eine Gelegenheit ergeben.

Beweisaufnahme endet

Mit dem gestrigen Prozesstag endete die Beweisaufnahme. Für den kommenden Montag, 14. Dezember, sind zunächst die Plädoyers vorgesehen. Sie werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehalten, um die minderjährigen Zeuginnen zu schützen, die ebenfalls ohne Öffentlichkeit ausgesagt hatten. Nach einer Verhandlungsunterbrechung wird dann das Urteil verkündet.