Niegripp l Flatsch! Unüberhörbar schlug die 40 Kilogramm schwere Übungspuppe auf dem Wasser auf. Gerade eben hatten zwei DRK-Helfer sie vom rund zehn Meter höheren Rand der Niegripper Schleuse geschleudert. Die Großübung zur Vorbereitung auf das nächste Hochwasser oder eine ähnliche Katastrophenlage hatte begonnen.

Dreh- und Angelpunkt waren neben den menschlichen Rettern die Materialanhänger Hochwasserrettung. „Diese Anhänger wurden nach den Hochwassern der Jahre 2011 und 2013 angeschafft, weil das Land überzeugt war, etwas tun zu müssen“, erklärte Andreas Lehning, Vizepräsident des DRK Sachsen-Anhalt. Zusammen mit dem Roten Kreuz wurde das Projekt „Innovative Hochwasserrettung“ entwickelt. Dazu gehörte die Investition in sechs üppig ausgerüstete Anhänger, die im Land verteilt sind: Halle, Dessau, Wittenberg, Naumburg und Magdeburg. Ein weiterer Anhänger ist für Ausbildungszwecke in Burg stationiert.

Ausrüstung kostet etwa 60.000 Euro

Am Sonnabend waren alle Gruppen vertreten. „Es ist der Abschluss des ersten Abschnitts des Projekts, nachdem jetzt alle ihre Ausbildung abgeschlossen haben“, erklärte Guido Busse, stellvertretender Landesleiter der DRK-Wasserwacht. Fortan solle es einmal jährlich eine Übung in dieser Dimension geben.

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Zur Ausrüstung gehören unter anderem ein motorbetriebenes Hochwasserboot, ein Schlauchboot, ein Zelt, eine Menge Seiltechnik, Schutzausrüstung, aber auch so kleine Wichtigkeiten wie eine Nottoilette. 2,5 Tonnen macht die Ladung aus, „und damit können wir zwei Tage lang autark arbeiten“, sagte Busse. Ein Stromgenerator gehört auch dazu. „Die Ausstattung eines Anhängers hat einen Wert von etwa 60.000 Euro“, sagte Nehling.

Norwegische Partner

Fünf bis sechs Helfer bilden ein Rettungsteam. Am Sonnabend waren sie aus den unterschiedlichen Bereichen gemischt, insgesamt nahmen 40 Aktive an der Übung teil, die am Nachmittag am Kanal mit verschiedenen Einsatzstationen fortgesetzt wurde. Weitere 40 Personen kamen als Helfer hinzu, mimten Opfer, sorgten für die Verpflegung.

Nicht nur wegen ihrer Größe war die Übung vom Sonnabend ein besonderes Ereignis. Neben den verschiedenen Wasserrettern aus Sachsen-Anhalt war nämlich auch eine knapp zehnköpfige Gruppe norwegischer Rotkreuzler dabei. Den Kontakt geknüpft hatte der gebürtige Magdeburger Michael Messmann, genannt Messi. „Den Spitznamen hatte ich schon als kleiner Junge, da gab es den Fußballer nicht und die Müllsammler auch nicht“, meinte der 51-Jährige schmunzelnd.

Helfer ohne Hektik

2012 ist er nach Norwegen ausgewandert, nachdem er zuvor schon bei einigen Urlauben Skandinavien kennen- und lieben gelernt hatte. „Viele meiner Freunde sind nach Spanien oder Italien gefahren, aber daran hatte ich kein Interesse“, sagte er im Gespräch mit der Volksstimme. Vor allem die Ruhe liebt der gelernte Industrieelektroniker, der auch eine Umschulung zum Installateur gemacht hat, an seiner neuen Heimat. „Den Unterschied merkt man gleich in Deutschland, wenn man einkauft oder auch nur Auto fährt, die Hektik ist da“, stellte er fest.

Hektik gab es am Rand der Schleuse ganz und gar nicht. Ruhig und mit sitzenden Handgriffen wurde die Rettung des Dummys vorbereitet. „Ich muss mal nachdenken und brauche dafür zwei Minuten Ruhe“, meinte beispielsweise eine Rotkreuzlerin. Im Kopf spielte sie genau durch, welche Seile mit welchen Karabinern verknüpft werden müssen, um die Trage sicher zu Wasser lassen und vor allem die verunglückte Gummipuppe wieder nach oben ziehen und retten zu können.

Enttäuscht war nur eine Gruppe Kanuten

Nach gut einer Stunde war der große Moment gekommen. Zwei Seile waren straff über die Schleuse gespannt. Die Trage wurde aufgesetzt und langsam von den Rettern auf dem gegenüberliegenden Ufer in die Mitte gezogen, dann abgesenkt. „Nicht auf den letzten Metern verlieren“, lautete das Kommando zum ruhigen Agieren. Stück für Stück kam die Trage aus zehn Metern Tiefe nach oben, dann hatte sie wieder Land unter sich, im Ernstfall wäre die abgestürzte Person nun gerettet gewesen. Parallel dazu hatte auch eine zweite Gruppe dieses Manöver vollführt.

Unzufrieden war an jenem Vormittag wohl nur eine Gruppe Kanuten. Für sie war Endstation an der Schleuse, die war bis zum Mittag dem Roten Kreuz vorbehalten. Die Helfer beeilten sich aber nach Abschluss der Übung, das Gelände wieder freizumachen.