Gardelegen l Von außen sieht das Ganze eigentlich ziemlich unspektakulär aus. Und modern noch dazu. Dass die Tür in dem verglasten Anbau auf dem winzigen Innenhof direkt ins Mittelalter führt, vermutet niemand. Doch mit jedem Schritt, die gewundene Steintreppe hinunter, wird klarer, dass es sich hier nicht um einen normalen Hauskeller handelt. Hier sind die Mauern dicker als anderswo, hier sind Decken gewölbt und Türöffnungen oben rund, hier hat alles eine Geschichte. Sogar die Treppe selbst. Die war nämlich zugeschüttet. „Wir haben von innen nur die ersten paar Stufen gesehen und haben sie dann freilegen lassen.“ So sei ein zweiter Zugang zum Keller entstanden, erzählt Roland Plötz, während er vorgeht und schon mal Licht macht.

Ihm und seiner Frau Sandy gehört das Deutsche Haus samt Keller nämlich. Vor sechs Jahren hatte der Zahnarzt das berühmte Gebäude – immerhin hat es die Adresse Rathausplatz 2, es ist also das zweite Haus gleich nach dem Rathaus – aus einer Insolvenzmasse heraus gekauft und seither vieles saniert.

Im oberen Bereich beherbergt es seine Praxisräume und Wohnungen. Die Gaststätte im Erdgeschoss steht zwar noch leer, soll aber auch mal vermietet werden.

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Kreuz- und Tonnengewölbe

Nur von hier, aus den Gasträumen, gelangte man übrigens in den vergangenen Jahrzehnten hinunter in den Keller. Doch was der so alles preisgab, fand Plötz von Anfang an spannend. Denn unter dem Haus ist alles voller Kreuz-und Tonnengewölbe. Hier trifft uraltes Bauhandwerk auf DDR-Fliesenreste. Abwasserrohre aus Kaiserszeiten führen durch mittelalterliche Wände. Begegnungen mit der Geschichte gibt es sozusagen in jedem Raum.

Und so machte sich der Hausherr daran, auf- und auszuräumen. Handwerker legten Öffnungen frei, die vermutlich seit Jahrhunderten verschlossen waren: „Hier zum Beispiel muss mal eine Tür drin gewesen sein“, sagt Plötz und klopft auf eine grob verputzte Wand. Tatsächlich klingt das hohl. Und weil der Gardeleger offenbar nicht nur den Zähnen seiner Patienten, sondern auch Geheimnissen gern auf den Grund geht, ließ er von den Maurern einfach ein Loch in die Wand schlagen, „nur so groß, dass mein Kopf (und ein Fotoapparat) hineinpasste“. Ein paar Blitzlichtfotos später durften die Handwerker das Loch wieder verschließen – von nun an wird dieser Raum wohl lange kein Licht mehr sehen.

Apropos Licht: Natürlich funktioniert das elektrisch. Moderne Schalter sucht man hier indes vergebens. Aus Liebe zum Detail hat Plötz extra uralte Dreh-Schalter besorgt. Und auch die modernen Leuchtstoffröhren an der Decke stören das Ensemble nicht. Unter ihnen hängen an Ketten Eichenholzbohlen, sorgen so für wunderschöne indirekte Beleuchtung.

Klassische Musik erklingt

„Und das muss ich immer hören, wenn ich hier unten bin“, sagt der „Kellermeister“ und macht im nächsten Raum den CD-Player an, der in einer Ecke steht. Klassische Musik füllt den Raum. Nun fällt es noch leichter, sich vorzustellen, wie es hier aussehen wird, wenn mal Gäste an der dicken Eichenbohle, die der Tisch werden soll, sitzen und Wein verkosten werden.

Der Raum direkt neben dem Rathausplatz ist aber auch noch aus anderen Gründen besonders: Man kann zum Beispiel genau das Fundament aus riesigen Feldsteinen erkennen und durch die meterdicken Kellerluken hindurch die Schuhe – und vielleicht noch die Waden – der Passanten sehen. „Früher gab es hier eine Tür, durch die wohl Vorräte reingebracht wurden“, zeigt Plötz auf einen zugemauerten Bogen. „Und hier in der Ecke könnte man die Wand durchbrechen und bis ins Rathaus gehen“, und augenzwinkernd: „Dann hätten die für ihren Keller sogar den geforderten Notausgang.“

Überhaupt findet Plötz es spannend, dass die gesamte Innenstadt unterkellert ist. Das könnte man vielleicht sogar touristisch vermarkten, sagt der Kellerfan und spinnt ein bisschen weiter: „So was wie Kellernächte – mit Wein und Musik von Klassik bis Rock unter der Stadt.“

Ob das denkmalschutztechnisch erlaubt ist, müsste dann allerdings wohl noch geprüft werden. Und vielleicht würde dann in manch anderem Keller doch die eine oder andere Denkmalsünde ans Tageslicht kommen. Von seinem Keller, gibt Roland Plötz auf Nachfrage zu, sei man in der Denkmalbehörde und im Landesamt für Denkmalpflege (die das Baugeschehen begleiteten) allerdings richtig begeistert: Da traf eindeutig Fan auf Fan. Das sieht man auf jedem einzelnen Quadratmeter.