Kämeritz l Von wegen stur. Zutraulich und extrem neugierig kommen Lenke, Luise und Ina ganz nah an den Zaun getrabt, lassen sich die Ohren krabbeln und genießen es offensichtlich, dass sie im Mittelpunkt stehen. Und brav sind die drei auch. Als Ronny Kulina mit ihnen ein paar Schritte geht, um sie fürs Foto in Positur zu bringen, laufen sie ihm folgsam hinterher und gucken treuherzig in die Kamera. Von bockigen Eseln sind sie also meilenweit entfernt. Und wenn Frauchen da ist, das ist Sandra Zastrau, Ronny Kulinas Frau, dann halten die drei Eseldamen sogar ganz still, wenn die ihnen stundenlang die Mähne kämmt. „Sie sagt immer, wenn sie Stress hat, geht sie zu den Eseln, dann geht‘s ihr wieder besser“, erzählt ihr Schwiegervater Lutz Kulina augenzwinkernd.

„Vielleicht sollten wir das dann einfach mal für Geld anbieten“, das sei immer noch billiger als ein Psychiater, hatte er ihr darauf dann irgendwann mal geantwortet. Und eigentlich sei genau so auch die Idee entstanden, Eselwanderungen anzubieten, erinnert er sich.

Billiger als Psychiater

Als er davon schließlich Projektmanagerin Juliane Ruttkowski vom Naturpark Drömling erzählt, hört die erstmal aufmerksam zu, fährt dann allerdings kommentarlos wieder zurück in ihr Büro. „Gesagt hat sie nichts“, sagt Kulina grinsend. Aber schon am nächsten Tag habe sie zurückgerufen und gefragt: „Haben Sie das ernst gemeint mit Ihren Eselwanderungen?“ Ein solches Angebot, so habe sie rausgefunden, gebe es nämlich weit und breit nirgends. Für das geplante Biosphärenreservat Drömling könnte das indes eine wirklich tolle Sache werden...

Und die soll nun demnächst auch schon anlaufen. „Ab März, spätestens ab April wollen wir loslegen“, erzählt Kulina. Die erste Tour haben die Esel schon hinter sich. Mit der Familie. „Wir haben verschiedene Routen ausprobiert.“ Der Möglichkeiten gibt es im Drömling schließlich viele.

Wir kennen hier jeden Stein

Sicher ist: Egal wohin es geht, es wird immer ein Kremserwagen dabei sein. „Für alle, die nicht mehr laufen wollen oder können.“ Alle anderen wandern mit den Eseln am Halfter durch die Natur. Reiten ist übrigens nicht angedacht, höchstens mal für die ganz kleinen Wanderer unter Aufsicht der Eltern, denn Esel dürfen maximal ein Fünftel ihres eigenen Körpergewichtes tragen, erklärt Ronny Kulina.

Dass allein die Interaktion mit den Tieren im Zusammenhang mit viel frischer Luft und den herrlichen Bildern, die der Drömling bietet, ein einmaliges Erlebnis wird, davon sind Vater und Sohn aber absolut überzeugt. „So ein Tag oder auch nur ein Ausflug mit den Eseln ist auf jeden Fall ein echtes Erlebnis, auch für Menschen mit Behinderung und ganz bestimmt für Familien. Denn die Eselwanderer sollen bei den Touren nicht nur ganz viel über die Grautiere, sondern auch gleichzeitig viel über den Drömling lernen. „Wir stammen schließlich von hier. Wir kennen hier jeden Stein.“ Einen besseren Drömlingsführer können sich seine Gäste also nicht wünschen.

Sechs Grautiere sollen es werden

Damit es sich lohnt, soll die Zahl der Esel natürlich noch aufgestockt werden. Insgesamt sechs Grautiere sollen es am Ende werden. Und Ina, Lenke und Luise bekommen sogar ganz besondere Esel an ihre Seite gestellt: Direkt aus Frankreich holen Kulinas demnächst drei Baudet du Poitou-Esel. Die gelten als die schwersten Esel der Welt. Und auch als sehr gutmütig. Zudem ist die Rasse vom Aussterben bedroht. Lutz Kulina und Sohn Ronny wollen also auch dafür sorgen, dass sie weiterhin bestehen bleibt.

Gemeinsam mit ihren Frauen überlegen die beiden Herren Kulina übrigens auch schon, das Angebot noch zu erweitern. Zum Beispiel mit Kaffee und Kuchen am Ziel oder auf halber Strecke oder mit der Möglichkeit, an der Scheune in Sachau – dort sollen die Esel wohnen – einfach ein Zelt aufzustellen und abends zu grillen. Vielleicht ja sogar echtes Charolais- oder Highlandrindfleisch. Die beiden Rinderrassen züchten Kulinas im Nebenerwerb nämlich auch schon seit Jahren.

Schutz gegen den Wolf

Ina, Lenke und Luise haben dadurch übrigens auch noch einen Nebenjob. Die drei Eseldamen passen nämlich auf, dass sich kein Wolf an die Rinder heranwagt. „Bislang mit einer 100-prozentigen Erfolgsquote“, versichert Kulina, „die schreien so laut, wenn die was Fremdes bemerken, das halten sie nicht aus.“ Und als ob sie das verstanden hat, gibt‘s ein lautes Ih-Ah von Luise. Sie sei jetzt allerdings nur eingeschnappt, dass sie gerade nicht beachtet wird, sagt Ronny Kulina und krault sie ein bisschen. Schon bald wird sie schließlich genug Beachtung finden, beim Wandern mit den Touristen. Und die wiederum müssen dann natürlich auch keine Angst vor Wölfen haben...