Gardelegen l Es muss mächtig laut gewesen sein. Immerhin waren die messingfarbenen Stolpersteine in Beton eingelegt. Sie herauszubrechen, „das macht schon Krach“, sagt Gunter Demnig am Telefon. Erst vor knapp zwei Wochen hatte der hessische Künstler auf Initiative der AG-Stolpersteine des Gardeleger Gymnasiums etliche Stolpersteine in der Stadt verlegt. Jetzt wurden nun vier der frisch einbetonierten Gedenksteine wieder ausgehebelt. Und zwar jene Steine, die an die Mitglieder der Familie Sonnenfeldt erinnern sollen, und dazu die fünf Steine mit den Namen der jüdischen Familie Behrens.

Alle neun Steine lagen im Pflaster vor dem Haus Sandstraße 34. Nun gähnt dort ein großes Loch. Ein Betrunkener habe sie gewaltsam aus dem Gehweg herausgebrochen, teilt die Pressestelle des Polizeireviers in Salzwedel gestern mit. Doch der Täter hatte Pech: Zeugen hatten nämlich am Sonnabend in den späten Abendstunden gegen 23 Uhr beobachtet, wie der 44-Jährige mit einer Brechstange ans Werk ging. Die hinzugerufene Polizei konnte den Täter so ausfindig machen und die Stolpersteine sicherstellen. Bei dem Mann wurde ein Atemalkoholwert von 2,58 Promille festgestellt. Zudem habe er einen verwirrten Eindruck gemacht und die Tat abgestritten, heißt es im Pressebericht der Polizei weiter.

Staatsschutz ermittelt

Alles Weitere werde nun die Vernehmung ergeben, betont Pressesprecher Frank Semisch auf Nachfrage. Eine Strafanzeige sei gefertigt worden. Die Motivation des 44-Jährigen sei allerdings derzeit noch völlig unklar. Möglich sei sowohl eine Diebstahlsabsicht als auch eine politisch motivierte Straftat. Einschlägig politisch vorbestraft oder der Polizei in dieser Hinsicht bekannt, sei der Verdächtige indes nicht, versichert Semisch: „Die Ermittlungen werden aber durch den Staatsschutz geführt und gehen in alle Richtungen.“

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Der Schaden ist laut Polizeiangaben dennoch nicht unerheblich. Auf einen Wert von rund 500 Euro schätzen die Beamten den Aufwand für das Neuverlegen der Steine.

Stadt übernimmt die Kosten

Um diese Kosten muss sich die AG Stolpersteine allerdings keine Sorgen machen. Das werde die Stadt gern übernehmen, versichert Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Zepig gestern gegenüber der Volksstimme. „Und wir werden uns das Geld dann von demjenigen wiederholen, der sie da rausgebrochen hat.“

Darüber, dass nun keine neuen Kosten auf die engagierten AG-Mitglieder zukommen – die immerhin schon die Finanzierung von 41 dieser kleinen Denkmale organisiert haben – freut sich AG-Leiterin Andrea Müller sehr. „Wir können uns da einfach immer auf die Stadt verlassen“, lobt die Gymnasiallehrerin gerührt. „Darüber sind wir alle sehr froh. Egal welches Amt, überall werden wir unterstützt.“ Und auch in diesem Fall sei es wieder so. „Das finden wir alle ganz toll!“

Entsetzte Reaktionen

Über die Nachricht, dass neun Steine ausgehebelt wurden, seien alle dennoch entsetzt gewesen, erzählt sie gestern. Ihr Anrufbeantworter habe nicht stillgestanden. „Und wir haben uns alle gefragt: Wer macht so was nur?“

Bereits am Morgen hatte sich die Polizei bei ihr in der Schule gemeldet. Nach dem ersten Schreck sei sie aber vor allem erleichtert gewesen, dass die Steine noch da sind. „Wir sind alle froh darüber, dass die Polizei so schnell reagiert hat.“

Und das dürfte deutschlandweit nach Aussage von Stolperstein-Initiator Gunter Demnig übrigens „eine Premiere sein“. Dass Steine verschwunden sind, sei zwar leider schon öfter passiert: „Rund 700 von 69.000 Steinen wurden rausgebrochen und gestohlen. Dass sie wiedergefunden wurden, höre ich heute allerdings zum ersten Mal.“

Und nun sollen die glücklich geretteten Gedenksteine auch so schnell wie möglich wieder verlegt werden. „Sobald die Polizei die Steine freigibt, sollen sie wieder rein“, versichert Andrea Müller. Und das werde ohne viel Aufhebens passieren.

Für die betroffenen Familien wäre es nämlich sicher sehr traurig, wenn sie davon hören würden, befürchtet Karl-Heinz Reuschel, der die Stolperstein-AG seit Jahren unterstützt. Mitglieder der Familie Sonnenfeldt aus Amerika waren vor wenigen Tagen in Gardelegen bei der Verlegung dabei gewesen. „Und ich denke, es ist besser, wenn sie davon gar nichts erfahren“, so Reuschel.