Potzehne l Als er am Sonnabendmorgen das Futter für seine 30 Stück umfassende Damwildgruppe vorbereitete, war die Welt noch in Ordnung. Doch dann hörte Hermann Schulze aus Potzehne die lauten Rufe zahlreicher Krähen und sah Bussarde und Milane über seinem Gatter kreisen, das sich gleich hinter seinem Garten im Bauernwinkel befindet. Ungewöhnlich.

Er ging nachsehen und fand ziemlich weit vorn das erste Kalb. Am Ende lagen fünf Kälber verstreut auf dem zwei Hektar großen und eingezäunten Gelände. Getötet und zum größten Teil verspeist vom Wolf, da war sich Schulze nicht nur angesichts des Vorfalls vor 14 Tagen am Potzehner Teich, als sich der Wolf dort zwei Schafe holte (Volksstimme berichtete), ziemlich sicher. Denn auch die gefundenen Spuren sprechen in seinen Augen dafür.

Unter Zaun hindurch gebuddelt

Isegrim hatte nämlich an verschiedenen Stellen am Zaun, der mindestens 30 Zentimeter tief in die Erde eingelassen ist, gegraben und natürlich Pfotenabdrücke hinterlassen, wie Schulze vor Ort zeigte. An einer Stelle grub er sich schließlich unter dem Zaun hindurch und ließ beim Durchzwängen einige Haare an den Maschen zurück.

Diese wurden von einer Mitarbeiterin vom Wolfskompetenzzentrum Iden, das Schulze nach seinem Fund benachrichtigt hatte, ebenso eingesammelt wie DNA an den gerissenen Kälbern. Denn erst die DNA-Untersuchung wird ganz genau klären, ob es sich um Wolfsrisse handelt, erläuterte Ines Wahl, Dezernentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. Die Analyse dauere einige Wochen.

Ob es sich angesichts der fünf gerissenen Damwild-Kälber – eines wurde zudem noch verletzt – um den Angriff von einem oder mehreren Wölfen handelte, dazu gab es keine Auskunft. Es sei laut Wahl aber nicht ungewöhnlich, dass es bei Rissfällen mehrere verletzte Tiere gebe.

Wolf schon bei Potzehne gesichtet

Für Hermann Schulze steht der Wolf jedenfalls als Verursacher fest. Und er ist sich sicher, dass dieser wohl nicht zum letzten Mal am Ortsrand von Potzehne zugeschlagen hat. Schließlich gebe es auch in seiner Nachbarschaft noch einige, die sich beispielsweise einige Schafe halten. „Der findet hier einen reich gedeckten Tisch, hier wird er satt“, so Schulze. Und dass Isegrim um den Ort herum unterwegs ist, haben er und andere im vergangenen Jahr mit eigenen Augen gesehen. Da sei ein Wolf mit riesigen Sprüngen bei einer Jagd über die Kapstraße Richtung Roxförde geflohen.

Mittlerweile ist der Zaun, der sogar von innen mit Strom gesichert ist, so gut es ging, wieder abgedichtet. Mehr kann Hermann Schulze für seine restlichen 25 Stücke Damwild derzeit wohl nicht tun. Die Tiere waren übrigens schon immer scheu, jetzt aber wirken sie regelrecht ängstlich. Und auch ihr Besitzer gibt zu: „Es macht einen nervös. Man ist verunsichert.“ Er habe eigentlich mit seiner Frau für vier Tage verreisen wollen. Ob er die geplante Reise nun aber wirklich antritt, darüber war er sich beim Volksstimme-Gespräch gestern noch nicht ganz sicher.