Traditionspflege

Jagdhornblasen? Wie Rüdiger Kass aus Gardelegener Jungjägern Musiker macht

Ein altes Brauchtum wird bei Gardelegen mit neuem Leben erfüllt. Junge Menschen lernen, angeleitet von Rüdiger Kass, das Jagdhornblasen. Warum sich das nicht nur schön anhört, sondern sogar Leben retten kann ...

Von Stefanie Brandt 13.05.2022, 06:26
Nick Bosse, Raik Mühe, Marco Zumpe, Tino Preiß, Uli Jelinski, Britta Homm und Kristin Danitz lernen unter Anleitung von Rüdiger Kass (von links) das Jagdhornblasen und hatten am vergangenen Wochenende bereits ihren ersten Auftritt.
Nick Bosse, Raik Mühe, Marco Zumpe, Tino Preiß, Uli Jelinski, Britta Homm und Kristin Danitz lernen unter Anleitung von Rüdiger Kass (von links) das Jagdhornblasen und hatten am vergangenen Wochenende bereits ihren ersten Auftritt. Foto: Stefanie Brandt

Berge - Fast jeder Altmärker hat wohl schon einmal bei einer Feierlichkeit einen Auftritt von Jagdhornbläsern erlebt. Die satten, vollen Töne klingen nicht nur in Verbindung mit Jagdsignalen gut, sondern auch zu Volks- und Weihnachtsliedern. Doch die Zahl der Jagdhornbläser ist in den letzten Jahren immer kleiner geworden. Umso größer ist die Freude bei der Jägerschaft Gardelegen, dass sich nun eine neue Jagdhornbläsergruppe gebildet hat.

Der Unterricht von Horst Bünsche in „Jagdliches Brauchtum“, Teil eines jeden Jungjägerlehrgangs, hat Früchte getragen. Nach Abschluss ihrer Prüfung 2020 haben sich einige junge Männer entschlossen, eine alte Tradition zu bewahren und das Jagdhornblasen zu erlernen.

Schnell waren weitere Bekannte, Nachbarn und Familienmitglieder dafür begeistert und so begann im Juni 2021 das Üben. Drei Frauen und fünf Männer gehören zum Stamm, ab und zu schließen sich Gäste an. Als Lehrer konnte Rüdiger Kass gewonnen werden. Der Weteritzer ist eine echte Koryphäe auf diesem Gebiet, lehrt auch an der Musikschule und hat schon mehr als 100 Jagdhornbläser ausgebildet.

Das gelingt nun auch mit Nick Bosse, Uli Jelinski (beide Schenkenhorst), Raik Mühe (Zichtau), Marco Zumpe, Tino Preiß (Wiepke), Britta Homm (Jävenitz), Annemarie Briebach und Kristin Danitz (Wartenberg). Wobei die Anfänge nicht immer einfach waren und teils auch Überwindung kosteten, denn leise lässt sich so ein Jagdhorn eben nicht blasen. „Bei dem ein oder anderen denkst du am Anfang schon: Ist das jetzt das richtige Hobby für ihn?“, berichtet Kass schmunzelnd von schiefen Tönen.

Da wurde im Kuhstall des Schwiegervaters geübt, vermutlich nicht immer zur Freude des Viehs, im Schuppen oder im Wald – in der Hoffnung, dass niemand in der Nähe ist. Denn das Üben, das ist ganz wichtig, betont Kass. Deshalb sei das auch nichts für jeden. „Wer dreimal nicht zum gemeinsamen Training kommt, liegt schon weit zurück und kann dann Lieder nicht mitspielen.“ Die Motivation sei dann schnell dahin.

Bei dem ein oder anderen denkst du am Anfang schon: Ist das jetzt das richtige Hobby für ihn?

Rüdiger Kass

Im Falle der neuen Gruppe ist der Zusammenhalt aber so gut, dass das mit dem gemeinsamen Üben prima klappt: einmal in der Woche unter Anleitung von Kass im Forststützpunkt im Wald hinter Berge und ein weiteres Mal bei Nick Bosse in Schenkenhorst, der sich sogar ein großes Parforcehorn gekauft hat.

Auch die Familien stehen voll hinter den Jungbläsern und unterstützen diese. Für die Kinder von Preiß, Jelinski, Zumpe und Mühe ist vielleicht sogar angedacht, eine eigene Jungbläsergruppe zu gründen, denn die sind ganz begeistert von Papas neuem Hobby und wollen das auch lernen.

Kass freut besonders, dass sich alle aus der Gruppe gleich ein Ventilhorn gekauft haben. „Das zeigt, dass sie es ernst meinen, denn das ist nicht billig.“ Rund 1400 Euro kostet so ein Horn, wenn es neu gekauft wird. Dafür bietet es dann aber auch mehr Möglichkeiten als die einfachen Fürst-Pless-Hörner, mit denen nur fünf Töne möglich sind.

Und das lohnt sich, weil Kass auch nicht nur nach Gehör blasen lässt, sondern mit richtigen Noten arbeitet. So konnten inzwischen auch schon die ersten Lieder eingeübt werden, wie „Auf, auf zum fröhlichen Jagen“. Weihnachtslieder einzustudieren ist ein Ziel in diesem Jahr. Auch den ersten Auftritt haben die Jungbläser schon hinter sich. Am vergangenen Wochenende erfreuten sie das Publikum beim „Grünen Sonntag“, einem von der Jägerschaft Haldensleben organisierten Bläsertreffen auf Schloss Hundisburg.

Dabei ist das Jagdhornblasen eigentlich nicht nur zur Unterhaltung gedacht, sondern hat eine teils sogar lebenswichtige Funktion. Über Jahrhunderte hinweg war es nämlich das alleinige Mittel zur Kommunikation unter den Mitgliedern einer Jagdgesellschaft über weite Strecken hinweg. Lebenswichtig war das zum Beispiel für die Treiber bei Kesseljagden, damit alle Jäger auch wussten, ab wann sie nicht mehr in den Kessel schießen durften – weil sich darin eben die Treiber befanden.

Und selbst heute, in Zeiten des Mobil- und Smartphones, gehört das Jagdhorn noch zu jeder anständigen Gesellschaftsjagd. Schnell lassen sich damit wichtige Anordnungen allen Jägern und Jagdteilnehmern gleichzeitig mitteilen. Und was ist schon eine Jagd ohne die schöne Melodie der „Begrüßung“, „Großes Halali“ oder das ganz wichtige „Zum Essen“? Zuletzt erwähnt, aber sicher nicht am unwichtigsten, seien die Totsignale, die mit dem Horn geblasen werden und mit denen dem erlegten Wild die letzte Ehre erwiesen wird.