Corona

Krisen-Koffer hilft im Corona-Chaos

Was tun, wenn Depressionen quälen, Kontakte fehlen? Sieghard Dutz versucht, Menschen in einer schweren Zeit zu helfen.

Von Stefanie Brandt

Gardelegen l Urlaub machen, schöne Ausflüge unternehmen, Freunde treffen, Essen gehen, die Familie besuchen – Corona verhindert derzeit ganz viele Dinge, die uns wichtig sind, die unseren Alltag normalerweise bereichern. Die einen können sich mit dieser Situation irgendwie arrangieren, andere demonstrieren – und wieder andere leiden, werden vielleicht sogar psychisch krank.

„Mich rufen fremde Leute an, die Hilfe suchen. Erst am Montagabend gab es ein Gespräch“, berichtet Sieghard Dutz, der in Gardelegen als Leiter der gleichnamigen Selbsthilfegruppe versucht, „Wege aus der Angst“ aufzuzeigen. Die Mitglieder dürfen ihre sonst regelmäßigen Treffen zwar derzeit auch nicht abhalten, dafür bemerkt Dutz aber eine vermehrte Inanspruchnahme telefonischer Seelsorge.

„Viele Menschen leiden psychisch sehr stark unter der Situation, auch wenn manch einer das nicht wahrhaben will. Großeltern sehen ihre Enkel nicht und vermissen sie. Andere haben Angst, sich beim Einkaufen mit Corona zu infizieren“, nennt der Gardelegener zwei Beispiele von vielen.

Seine Gruppenmitglieder versuchen, sich untereinander zu helfen. In einer Whatsapp-Gruppe teilen sie schöne Momente und Fotos miteinander, lassen sich gegenseitig an kleinen Freuden in ihrem Leben teilhaben.

„Ich selbst bin auch angeschlagen. Dass man sich nicht treffen kann, das belastet mich. Da freue ich mich selbst auch über die schöne Idee mit der Gruppe“, gibt Dutz unumwunden zu. Dass die Mitglieder auch ohne die Treffen guten Kontakt halten, immer wieder anrufen, zeige ihm, wie wichtig diese Gemeinschaft ist: „Ich spüre gerade jetzt so richtig, dass es etwas bringt.“

„Wege aus der Angst“ gibt es bereits seit 2005. Initiatorin war Bärbel Köthke, die auch ein Buch über das Thema geschrieben hat. 2015 übernahm Sieghard Dutz die Leitung. Gemeinsam unternahmen die Beteiligten viel, machten Ausflüge, um zu zeigen, dass das Leben schöne Seiten hat. „Das fehlt jetzt“, betont Dutz. Und zwar eben nicht nur den Gruppenmitgliedern, sondern ganz vielen Menschen. In ihrer Not rufen diese immer öfter auch Dutz an. Er führt dann Gespräche mit ihnen, hört sich ihre Sorgen an. Manchmal hilft das schon. Wenn es jemandem ganz schlecht geht, vermittelt der Gruppenleiter auch an das Fachklinikum in Uchtspringe. In einigen Fällen würden auch Freunde oder Nachbarn von Betroffenen anrufen, die sich Sorgen machen und gern helfen wollen, berichtet er.

Seine Tipps, um raus aus dem Tief zu kommen, sind einfach, aber selbst erprobt: raus an die frische Luft gehen, eine Wallrunde drehen, das Gespräch suchen. „Wer Angst hat, raus zu gehen, kann auch ein schönes Buch lesen oder Musik hören – die dann aber besser ohne Gesang, Stimmen lenken von der Melodie ab.“

Sein Geheimtipp ist aber der „Notfallkoffer“, den er für schlimme Momente gepackt hat. „Es ist eigentlich kein richtiger Koffer, sondern ein schön beklebter Karton. Da­rin sind Papiertaschentücher, wenn man weinen muss, die drei wichtigsten Telefonnummern von Freunden, die man jederzeit anrufen kann, eine Lieblings-CD und ein Handschmeichler, also ein Stein, der sich schön anfassen lässt“, verrät Dutz.

So einen ähnlichen Koffer hätten schon mehrere Mitglieder seiner Gruppe. Und der hilft dann eben auch, wenn man traurig ist, weil es leider aktuell nicht in den Urlaub gehen kann.

Unter der kostenlosen Hotline der Telefonseelsorge 0800/111 01 11 oder 0800/111 02 22 gibt es Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.