Genthin l Bis auf den letzten Platz belegt war der Vorleseraum der Bibliothek, so dass selbst die drei Akteure, Wahid Nader, Fateh Nassif und Isaa Fayad, gedrängt im Podium saßen. Etwa 80 Gäste, darunter syrische Flüchtlinge verschiedener Religionen und Ethnien, zahlreiche Ehrenamtler und Freunde fanden sich zu dieser Lesung ein. Wer später kam, musste sich mit einem Stehplatz begnügen oder lehnte sich an Tischen an. „Wir waren sehr überrascht, dass sich eine solch große Resonanz einstellte“, räumte Cornelia Draeger, Mitarbeiterin der Bibliothek ein. Für Fateh Nassif, dessen Werke in seiner syrischen Heimat verlegt worden sind, wurde die Lesung in Genthin zu einer Premiere, die seine Erwartungen sicherlich erfüllte. Rückenwind gab es dafür über das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“. Dem Geist dieses Programmes wurde mit dieser Veranstaltung ohne Frage Rechnung getragen. „Es war ein einmaliges Gefühl, einmal den Klang der arabischen Sprache zuhören zu können“, sagte beispielsweise Reinhard Senger, einer der vielen Besucher der Veranstaltung.

Das Spiel von Isaa Fayad auf der Kurzhalslaute, er gab im arabischen Raum sehr bekannte Melodien einer libanesischen Schlagersängerin wieder, animierte die syrischen Gäste nach nur wenigen Takten zum Mitklatschen und Mitsingen. „Da können sich unsere Männer was abgucken. Sie singen erst, wenn sie Alkohol getrunken haben“, räusperte sich jemand aus der Besucherreihe. Die Veranstaltung bedurfte sicherlich keiner allzu bürokratischen Vorbereitung, um dem Publikum etwas Einmaliges bieten zu können. Nachdem Fateh Nassif im September eine Lesung von Wahid Nader, eines mittlerweile 15 Jahre in Magdeburg lebenden syrischen Literaten, in der Bibliothek besuchte, entwickelte Gabriele Herrmann als Leiterin der Einrichtung die Idee, dem Genthiner Flüchtling eine Bühne für seine Kunst zu verschaffen.Beide Lyriker wurden miteinander bekannt gemacht. „Frau Herrmann sprach mich an, ob ich eine Auswahl von Gedichten von Fateh Nassif in die deutsche Sprache übersetzen und sie bei einer Lesung dann vortragen würde“, berichtet Wahid Nader.

Übersetzungen sind schwer

Die beiden Lyriker einigten sich auf ein Werk, auf einen Zyklus, der seiner Frau gewidmet ist. „Es ist sehr schwer, Lyrik zu übersetzen“, sagte Wahid Nader. Hinter den Worten von Fateh Nassif verberge sich sehr viel Seele, Gefühl und Phantasie, die man herausfinden und transportieren müsse. Mit einer bloßen Übersetzung der Worte sei es nicht getan. Er habe die Textstellen wiedergegeben, wie er sie empfinde. Andere wiederum erschienen ihm zu kompliziert und zu schwer, so dass er auch Passagen ausgelassen habe. Wünschenswert wäre sicher im Verlaufe der Lesung gewesen, dass die Gäste das eine oder andere aus der Biografie von Fateh Nassif und seinem Leben in Genthin erfahren hätten. Neben der Lyrik von Fateh Nassif las Wahid Nader, der in Sachsen-Anhalt zu einiger Bekanntheit gekommen ist, auch aus eigenen Werken. Nader war unter anderem Gast bei den Landesliteraturtagen.