Genthin l „Wir sind das Volk – Keine Gewalt!“, bis heute zeugt diese Aufschrift auf einer Gedenktafel an der katholischen St.-Marien-Kirche in Genthin davon, was sich hier vor nunmehr 30 Jahren ereignet hat. Auch der damalige Pfarrer Willi Kraning erinnert sich an den Tag, als wäre es gestern gewesen. Es war der 25. Oktober 1989 – der Tag, an dem die friedliche Revolution in Genthin begann.

Welle der Veränderung

Bereits den gesamten Oktober über schwappte eine Welle der Veränderung über die Deutsche Demokratische Republik. In Genthin und anderen Orten erreichte sie Ende Oktober ihren Scheitelpunkt. „Wir haben einen Gottesdienst für gesellschaftliche Erneuerung abgehalten“, erzählt Willi Kraning. Und das, obwohl es ihm die Abteilung Inneres untersagt hatte, „mehrmals und immer drohender“, wie der ehemalige Pfarrer berichtet.

An jenem Mittwoch war nicht nur die katholische „Stammkundschaft“ anwesend. Zwei evangelische Christen seien vorher auf ihn zugegangen und hätten ihn gefragt, ob sie ihre Gebete für den Frieden in die St.-Marien-Kirche verlegen können. So wurde es eine konfessionsübergreifende Veranstaltung, an der sich zudem auch zahlreiche Menschen aus allen erdenklichen Bereichen beteiligten.

800 Menschen in der Kirche

Beispielsweise habe jemand aus dem damaligen Waschmittelwerk angefragt, ob Willi Kraning eine Lautsprecheranlage besitzt. „Ich spreche laut genug“, habe er gesagt. Doch ging es darum, die Werktätigen zu mobilisieren. Im Waschmittelwerk seien zudem Aushänge vervielfältigt und verteilt wurden, die zur Teilnahme an dem Gottesdienst einluden.

So stand am Ende eine Teilnehmerzahl, die auch Willi Kraning überraschte. „Die Kirche war mit circa 800 Leuten voll besetzt. Davor standen ungefähr noch einmal so viele Menschen“, meint er.

Kein Aufstand in der Stadt

Nur einige Meter weiter, in der Clara-Zetkin-Straße (heute Mühlenstraße) hatte die Bereitschaftspolizei mit Wasserwerfern Stellung bezogen. Und Stasi-Mitarbeiter seien sowieso immer in der Nähe gewesen. Speziell an sie habe Willi Kraning ein „Grußwort“ gerichtet. „Schreiben Sie alles genauestens auf, was den Bürgern hier auf dem Herzen liegt!“, war dessen Inhalt. „Unter diesen Voraussetzungen haben wir unseren ersten Wende-Gottesdienst veranstaltet“, resümiert Willi Kraning.

Die Staatssicherheit schrieb in der Tat alles mit, und so dauerte es auch nicht lange, bis Willi Kraning dort vorstellig werden musste. „Das habe ich noch nie erlebt. Ich bin in einem Raum geführt worden, aus dem man nicht mehr herauskam. Denn auf der Innenseite gab es keine Klinke“, berichtet er. „Ich gebe alles mir Mögliche, dass es nicht zu einem Aufstand kommt“, habe er dort den Stasi-Mitarbeitern versprochen.

Bürgerkommitee wurde gegründet

Dann sei alles sehr schnell gegangen. Ein Bürgerkomitee wurde ins Leben gerufen, als dessen Sprecher Willi Kraning fungierte. Seine Aufgabe war es, mit den Stadtverordneten zu verhandeln, was auch recht gut gelang. Der damalige Genthiner Polizeichef habe ihm im Nachhinein sogar die städtische Genehmigung für die Kundgebungen übergeben. Und in der Volksstimme wurden fortan die Termine der Gottesdienste bekanntgegeben.

Daran hätten sich dann zeitweilig sogar mehr als 5000 Menschen beteiligt. „Prozentual also mehr als in Leipzig und den anderen Hochburgen der friedlichen Demonstrationen“, sagt Willi Kraning.

Zivildienst statt Armee

Er erinnert sich zudem an fünf Jugendliche, die während dieser Zeit in die Nationale Volksarmee eingezogen werden sollten, aber Zivildienst leisten wollten. Er habe bis 4 Uhr mit dem Wehrkreiskommando verhandelt und schließlich die Zustimmung erhalten, wenn sie innerhalb von 48 Stunden eine Arbeitsstelle nachweisen konnten. Willi Kraning hat dann Kontakt mit dem damaligen Genthiner Krankenhaus aufgenommen und konnte die Jugendlichen so für den Zivildienst vermitteln.

Für sein Engagement während der Wendezeit wurde Willi Kraning 1997 zum Ehrenbürger der Stadt Genhtin ernannt. Seine Rolle während der friedlichen Revolution in Genthin möchte Willi Kraning nicht überbewerten. Doch auf eines ist er bis heute stolz. Nämlich, dass er sein Versprechen halten konnte und trotz der aufgeheizten Stimmung jener Zeit das wichtigste Kriterium eingehalten wurde. Es sind die beiden Worte, die auch die Gedenktafel an der Kirche zieren: „Keine Gewalt!“