Genthin l Die Ausstellungseröffnungen im Kreismuseum sind oft geprägt von Trubel und auch einer gewissen Leichtigkeit. In der vergangenen Woche kam bedächtige Stille auf, als die Sonderschau „Vergiss deinen Namen nicht – Die Kinder von Auschwitz“ für das Publikum freigegeben wurde. Gezeigt werden auf 30 Tafeln Schicksale von Menschen, die als Kinder in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt oder dort geboren wurden.

230000 Opfer

Der Autor und Filmemacher Alwin Meyer beschäftigt sich seit Anfang der 1970er Jahre mit dem Thema. „Ich habe mit 21 Jahren mit einer Jugendgruppe die Gedenkstätte in Auschwitz besucht und dort zum ersten Mal von Kindern gehört, die im Konzentrationslager eingesperrt waren“, berichtete Meyer im Genthiner Museum. Mindestens 230 000 Säuglinge, Kinder und Jugendliche im Alter von einem bis 17 Jahren haben die Nazis ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt.

Nur 650 von ihnen befreite die Rote Armee Anfang 1945. Meyer führte in den vergangenen Jahrzehnten Gespräche mit mehr als 80 Überlebenden. Daraus entstanden ein Buch und die Ausstellung. Das Jugendforum in Genthin hatte die Schau angeregt. „Wir wollten besonders Schülern die Möglichkeit geben, sich mit dem Thema Verfolgung und Diskriminierung auseinander zusetzen“, berichtete die 18-jährige Sarah Eckold, selbst Mitglied im Jugendforum.

Bilder

Tafeln im Treppenhaus

„Lernen aus der Geschichte bedeutet, dass man auch zeigt, dass für Ausgrenzung und Diskriminierung kein Platz ist“, fügte die Brettiner Schulsozialarbeiterin Ines Blachney hinzu, die gemeinsam mit Streetworkerin Petra Schiele das Jugendgremium betreut. Zum Auftakt führte Initiator Meyer die Gäste durch die Ausstellung. Diese beginnt im Treppenhaus zur ersten Etage. Sie endet im Veranstaltungsraum. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, können sich die Besucher mit den Schicksalen der Menschen beschäftigen. Der Autor berichtete über das Schicksal von Jürgen Löwenstein, der als Achtjähriger einen Nazi-Aufmarsch verfolgte, dessen Teilnehmer in den Straßen von Berlin antisemitische Lieder grölten.

Wenig später sei der Junge gemeinsam mit seiner Mutter deportiert worden. Ein weiteres Schicksal ist das des Jungen Kola. Er wurde im Alter von zwei Jahren von seiner Mutter getrennt, überlebte das KZ und war traumatisiert. „Kola konnte lange Zeit nicht glauben, dass Menschen eines natürlichen Todes sterben können.“ Aus dem Konzentrationslager habe er es anders gekannt. Die Ausstellung geht auch auf die Menschenversuche des KZ-Arztes Josef Mengele an Zwillingen ein.

Erinnerungen von Zeitzeugen

Zeitzeugen berichten, wie der Arzt Kindern eine Flüssigkeit in die Augäpfel gespritzt habe, um deren Augenfarbe zu ändern. Schwer erträglich sind auch die Tafeln, auf denen geschildert wird, wie Kinder gequält und junge Frauen von Lagerkommandeuren als Sexsklavinnen missbraucht wurden. Aber es habe auch Menschlichkeit unter unvorstellbaren Bedingungen gegeben. „Eine junge Mutter, die ihr Kind behalten durfte, habe sieben Neugeborene gestillt und diese so am Leben gehalten.“

Die Ausstellung geht auch auf das leben der zeitzeugen nach der Lagerhaft ein. Doch die war alles andere als rosig. In ihren alten Heimatorten waren die Überlebenden nicht mehr erwünscht. Das Erlebte ließ die Menschen nicht los. Der israelische Maler Yehuda Bacon, mit dem sich Meyer mehr als 20-mal traf, war nach dem Krieg unversöhnlich und voller Hass auf die Deutschen. Später zeigte er seine Bilder in Deutschland und setzte sich für die Aussöhnung ein.

Zuschauer sind berührt

„Ich habe bei meiner Arbeit viele wunderbare Menschen kennengelernt, die großes Vertrauen zu mir hatten.“ Es sei oft mehr als der Wille zur Versöhnung gewesen. „Die Menschen haben mir das ‚Du‘ angeboten und sind mir echte Freunde geworden. Die Besucher zeigten sich berührt von der Ausstellung. „Es ist sehr bewegend sich mit den Kinderschicksalen zu beschäftigen“, fand die 16-jährige Jeanny Berndt.

Oft seien die Kinder nur wenig jünger als sie gewesen. Wilmut Pflaumbaum, der als einziger Stadtrat die Eröffnung besuchte, äußerte sich ebenfalls betroffen: „Es ist schon ein sehr trauriges Thema, die Ausstellung lässt eine eingehende Beschäftigung damit zu.“ Museumsleiterin Antonia Beran hat die Ausstellung um zwei Vitrinen bereichert, die die Geschichte des KZ-Außenlagers in Genthin dokumentiert. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter wurden zur Arbeit in der Munitionsfabrik Silva-Metallwerke eingesetzt. „Das ist ein lokaler Aspekt, an den wir erinnern möchten“, so die Museumsleiterin. Am Abend las Meyer Auszüge aus seinem Buch. Dieses ist im Buchhandel und zum Ausleihen in der Stadt- und Kreisbibliothek erhältlich. Die Ausstellung ist bis zum 27. April im Kreismuseum zu sehen.