Genthin/Stendal l Vor fast genau zwei Jahren ist das Johanniter-Krankenhaus in Genthin geschlossen worden. Anlässlich seiner offiziellen Verabschiedung lässt der Ärztliche Direktor Prof. Ulrich Nellessen die Geschehnisse Revue passieren. Untrennbar mit der Schließung ist für ihn ein Beschluss der Landesregierung verbunden. In ihm hieß es, dass der Standort Genthin zu schließen sei, wenn die Erweiterungsmaßnahmen in Stendal 2019 abgeschlossen seien.

Verluste ließen Johanniter handeln

Wer behauptet, Genthin sei in gewisser Weise für Stendal geopfert worden, hat also recht. Und auch nicht. Vor allem aber weist Nellessen die Verantwortung der Schließung von den Johannitern, sieht die Verantwortlichkeit bei der Politik. Die frühzeitigere Schließung allerdings war eine Entscheidung der Johanniter. „Mit den in den letzten Jahren steigenden Qualitätsanforderungen an Ausstattung und Personal war das Genthiner Krankenhaus trotz aller Bemühungen nicht mehr annähernd kostendeckend zu führen“, sagte er im Gespräch mit der Volksstimme. Wegen Verlusten in Millionenhöhe habe sich die Geschäftsführung gezwungen gesehen, auf eine frühere Schließung zu orientieren.

„Es ist unheimlich schwer, ein Krankenhaus am Leben zu erhalten, wenn schon feststeht, dass es geschlossen wird“, sagte Nellessen. Bewerber auf Stellen gebe es so gut wie keine, man könne schon froh sein, wenn die Beschäftigten nicht weglaufen, um eine Anstellung mit Zukunftsperspektive zu finden. Auch die Patienten seien weggeblieben, hätten sich größtenteils nach Burg oder Brandenburg/Havel orientiert.

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Zu viele Krankenhäuser

Nellessen ist bekannt als jemand, der für die Schließung von Krankenhäusern plädiert. Allerdings mit Augenmaß. „Es gibt zu viele Krankenhäuser in Deutschland“, meint er, „aber wenn sie geschlossen werden müssen, dann doch in den Metropolen und nicht auf dem flachen Land“. Der Politik wirft er vor, dass bei dieser Entscheidung besagtes Augenmaß eben gefehlt habe.

Zu großen Zeiten, wie Nellessen sie nennt, sind im Genthiner Krankenhaus 5000 bis 6000 Patienten pro Jahr behandelt worden. Es verfügte über Chirurgie, Anästhesie, Innere und eine Notaufnahme. „Das Krankenhaus war als Basisversorger konzeptionell so ausgelegt“, erklärte er. Als feststand, dass das Krankenhaus in dieser Form nicht weitergeführt werden könnte, hatte er eine Lösung.

Ruhestand erst Ende des Jahres

Bettenführende Poliklinik – so lautete der Fachbegriff, den er damals ins Spiel brachte. „Das wäre die passende Lösung für Genthin gewesen“, ist er auch heute noch überzeugt. Nach kleineren Eingriffen hätten Patienten dort eine Nacht bleiben können. Doch das Land beharrte auf der Position, dass das Krankenhaus komplett geschlossen wird. Das wurde es endgültig am 29. September 2017. Für Nellessen ist dadurch „die medizinische Versorgung in der Region schlechter geworden“.

Der Ruhestand hat für Nellessen indes noch nicht begonnen, auch wenn die offizielle Verabschiedung schon über die Bühne gegangen ist. „Ich bin noch bis Ende des Jahres im Haus, stehe meinem Nachfolger zur Seite“, sagte er. Neuer Ärztlicher Direktor ist Prof. Jörg Fahlke, der bereits seit 2009 Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie ist. Wenn Nellessen an seinen Ruhestand denkt, kommt er ins Grübeln: „Ich hoffe, dass ich nicht in eine Leere falle, ich bin nicht der Typ fürs Rasenmähen“.