Huy-Neinstedt l Schnelles Internet in jedem Winkel der Bundesrepublik bis spätestens Anfang 2020. Das hatte sich die Bundesregierung zuletzt nicht nur als Ziel gesetzt, sondern als Versprechen formuliert. Für viele Einwohner des Harzkreises wird die rasante Fahrt auf der Datenautobahn auf absehbare Zeit aber ein Traum bleiben. Allein im Harz sind nach Recherchen der Volksstimme etwa 5000 Haushalte bei der aktuellen Stufe des Breitbandausbaus nicht berücksichtigt worden.

Der Bürgermeister der Gemeinde Huy, Thomas Krüger (CDU), spricht von „vergessen“ worden. So auch Wolfgang Lodahl aus Huy-Neinstedt. Er muss weiter mit einer langsamen Internetverbindung leben. „Bei uns ist es zwar nicht so, dass wir täglich damit arbeiten müssen, aber es ist trotzdem umständlich und langwierig“, sagt er. Seine Nachbarin beispielsweise habe aber erhebliche Schwierigkeiten, da sie das Internet aus beruflichen Gründen nutze.

Digital in Norwegen

Lodahl erzählt voller Begeisterung von seinem Urlaub in Norwegen – mitten in einer völlig verlassenen Gegend habe er nicht nur störungsfreien Handyempfang gehabt, sondern auch Download-Geschwindigkeiten via Funkanbindung, die weit schneller waren, als bei ihm zu Hause per Kabel. „Da kommt man sich schon veralbert vor.“ Momentan sind die Einwohner in Huy-Neinstedt mit einer Geschwindigkeit von einem Megabit (Mbit) pro Sekunde im Internet unterwegs. Versprochen hatte die Bundesregierung mindestens 50 Mbit pro Sekunde.

Jedes Mal, wenn Lodahls Enkel, der bei Hildesheim lebt, Fotos oder Videos von einem seiner Fußballspiele schickt, brauche er gefühlt Stunden, bis er sich die Sachen daheim anschauen könne, berichtet der Huy-Neinstedter.

5000 Anschlüsse vergessen

Dass bei der jüngsten Phase des Breitbandausbaus Huy-Neinstedt vollkommen übergangen worden ist, wurmt auch Huy-Bürgermeister Thomas Krüger. Er wohnt selbst im Ortsteil Huy-Neinstedt und weiß um die Problematik und deren Dramatik. „Ich ärgere mich auch jeden Tag darüber, diese Situation ist nicht hinnehmbar“, sagt er. Es sei absolut unverständlich, dass im benachbarten Dingelstedt Glasfaserkabel verlegt wurden, aber circa vier Kilometer Luftlinie entfernt in Huy-Neinstedt nichts passiert und auch nichts geplant sei.

Wie es passieren konnte, dass allein im Landkreis Harz circa 5000 Hausanschlüsse, davon sprechen Insider, beim jüngsten Breitband-Ausbau „vergessen“ wurden, konnten auch die Verantwortlichen im Harzer Landratsamt in dieser Woche nicht beantworten.

Problem Ausschreibung

Dort gab man an, dass es „richtig ist, dass es die Problematik ,vergessene‘ Adress-punkte auch im Landkreis Harz gibt“. Die Problematik resultiere aus der Ausschreibung, die durch das begleitende Beratungsunternehmen teleconsult Kommunikationstechnik GmbH (tkt) erstellt worden sei.

Das Unternehmen aus Backnang in Baden-Württemberg wurde damals vom Landkreis Harz mit der Ausschreibung zum Ausbauprogramm beauftragt und firmiert mittlerweile unter dem Namen tktVivax.

Fakt ist: Eine Lösung für die betroffenen Haushalte ist aktuell nicht in Sicht, da man im Landes-Wirtschaftsministerium die Unterlagen erst abschließend auswerten muss. Erst danach könnten konkrete Lösungswege erarbeitet werden, hieß es dazu aus dem Landratsamt.

Lösung nicht in Sicht

Gemeindeoberhaupt Krüger schlägt angesichts dieser Entwicklung Alarm. Er hat sich an die Harzer Bundestagsabgeordnete Heike Brehmer (CDU) gewandt. Krüger will unter anderem wissen, ob es möglich ist, außerhalb des geplanten und geförderten Breitbandausbaus den Ortsteil Huy-Neinstedt ans Glasfasernetz anzuschließen. Insbesondere interessiert den Bürgermeister, ob es möglich ist, dafür zusätzliches Geld aus dem Fördertopf der Bundesregierung bereitzustellen. Für den Huy-Ortsteil Eilenstedt habe man schließlich auch eine kurzfristige Lösung gefunden.

Untätigkeit kann man dem Gemeindeoberhaupt wohl nicht vorwerfen. Neben der Anfrage bei der Bundestagsabgeordneten Brehmer habe er bei der Telekom nachgefragt, wie die Einwohner des Ortes möglichst bald über die versprochenen hohen Verbindungsraten verfügen können, berichtet Krüger. Immerhin ist die Telekom mit dem Breitbandausbau in der Gemeinde Huy beauftragt. Das Unternehmen tue sich mit einer Lösung des Problems allerdings sehr schwer, so der CDU-Kommunalpolitiker.

Findet sich im Zuge des aktuell laufenden Ausbaus im Bereich Huy keine kurzfristige Lösung für Huy-Neinstedt, sieht Krüger schwarz. Dann könnte es mit Blick auf Förderanträge und Ausschreibungen wohl bis 2022 dauern, bis die Datenautobahn hierher verlängert wird.

Nicht wirtschaftlich

Das schwant mittlerweile auch Wolfgang Lodahl. Er hat privat bereits selbst nach Lösungen gesucht und sich bei einem Mobilfunkunternehmen erkundigt, ob es nicht den Ausbau in Huy-Neinstedt übernehmen könnte. Die Antwort von dort sei eindeutig gewesen: Unrentabel und aus wirtschaftlichen Gründen nicht machbar.

Aus dem Büro von Heike Brehmer war indes zu erfahren, dass sich die Bundestagsabgeordnete für das Anliegen ihres Parteikollegen Krüger einsetzt. Die Antwort auf dessen Anfrage soll noch in dieser Woche im Dingelstedter Rathaus eintreffen. Auch im Wirtschaftsministerium in Magdeburg sind die Verantwortlichen mittlerweile aktiv geworden. Der für den Breitbandausbau in Sachsen-Anhalt zuständige Referatsleiter Theo Struhkamp will sich nach der Anfrage der Volksstimme erst einmal einen Überblick zum konkreten Fall verschaffen.

Eine Prognose, ob und wie es mit dem Breitbandausbau in Huy-Neinstedt weitergeht, wollte bislang aber niemand abgeben.