Halberstadt l Ist es das alles noch wert? Diese Frage geistert ihr immer mal wieder durch den Kopf, gesteht Susanne Kruse. Seit einem Monat ist ihre Kneipe „Spucknapf“ in Halberstadt geschlossen, wie bereits im Frühjahr – Anordnung der Regierung zur Eindämmung des Corona-Virus. Für die Gastronomin bedeutet das, dass sie keine Einnahmen hat, die Ersparnisse aufgebraucht sind.

Wie prekär ihre Finanzlage ist, wurde kürzlich im sozialen Netzwerk Facebook öffentlich: dort kursierte das Gerücht, dass die Halberstädterin ihre Krankenversicherung nicht mehr zahlen könne und diese ihr bereits gekündigt habe. Selbst Schuld, schrieben die einen. Die Preise im „Spucki“ seien schlichtweg zu günstig, um sich als Betreiber ein finanzielles Polster anzulegen. Mitleid kam von anderen. Einige wollten eine Spendenaktion ins Leben rufen.

Schlaflose Nächte

Die Diskussionen um ihre Person haben ihr Kopfschmerzen und schlaflose Nächte bereitet, sagt Susanne Kruse. „So etwas habe ich nicht erwartet und gewollt.“ Die negativen Kommentare stimmen sie traurig, sagt sie. „Aber ich will auf gar keinen Fall Mitleid“, betont die zierliche Frau. Ernst sei ihre Lage durchaus, auch an den Gerüchten mit der Krankenkasse ist Wahres dran. „Wäre meine 84-Jährige Mutter nicht eingesprungen und hätte dafür bezahlt, wäre mir gekündigt worden“, räumt die Selbstständige ein. „Mit 57 will ich meinen Eltern aber natürlich nicht auf der Tasche liegen.“

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Die Krankenkasse sei nicht ihre einzige Baustelle: Miete, Kosten bei den Stadtwerken und anderen Versorgern, private Ausgaben – all das müsse bezahlt werden. Die Frage sei nur, wovon. „Man muss regelrecht betteln gehen und um Aufschub bitten“, sagt die Kneipenbesitzerin. „Die meisten sind sehr verständnisvoll und nett. Aber sie müssen ihr Geld nun einmal irgendwann bekommen, sonst geraten sie selbst in Schieflage. Das ist ein Rattenschwanz ohne Ende.“

Warnung vor Pleitewelle

Die versprochenen Soforthilfen habe sie für die zweite Zwangsschließung noch nicht erhalten. „Ich bin von der Regierung enttäuscht“, sagt sie. „Niemand kann uns sagen, wann wir wieder aufmachen dürfen und wann wir definitiv mit den Hilfen rechnen können.“ Sie habe versucht, zur Überbrückung einen Kredit aufzunehmen. „Aber mir wurde mitgeteilt, dass ich momentan nicht kreditwürdig bin – weil ich ein gastronomisches Unternehmen führe.“

Mit ihren finanziellen Problemen aufgrund der monatelangen Umsatzeinbußen steht die Halberstädterin nicht allein. Wie im Handelsblatt veröffentlicht wurde, warnt die renommierte Wirtschaftsauskunftei Crif Bürgel vor einer regelrechten Pleitewelle in der Gastronomie. Mehr als 8300 Restaurants, Gaststätten, Imbisse und Co. in Deutschland seien insolvenzgefährdet – 14,5 Prozent der untersuchten Betriebe. Und diese Analyse stammt aus dem Oktober – vor dem zweiten Lockdown für die Branche. Im ersten Quartal 2021 könnte sogar jedes fünfte Gastronomie-Unternehmen vor der Pleite stehen, schätzt Crif Bürgel ein. Mit 20,1 Prozent sei der Anteil insolvenzgefährdeter Betriebe in Sachsen-Anhalt aktuell am höchsten.

Immer Hoffnung

Keine optimistischen Aussichten. Wie sieht Susanne Kruse ihre Situation? Wird das „Spucki“ wieder öffnen? „Hoffnung gibt es immer“, sagt sie. Mehr noch. Sie bereitet die Wiedereröffnung bereits vor. Die Toilettenwände haben einen neuen Anstrich erhalten, Gläser werden poliert, der Gastraum gründlich gereinigt. „Um was zu tun zu haben“, sagt sie. „Kosten darf es natürlich nichts.“ Sie erhalte via Telefon und Internet, beim Einkaufen und auf der Straße viele aufmunternde Worte. Auch helfen ihr Freunde und Mitarbeiter bei den Verschönerungen in der Kneipe. Dabei sei die Situation für ihr Team keine einfache. Die Mitarbeiter seien von ihrem Verdienst im „Spucknapf“ abhängig, bessern damit ihren Lohn oder Hartz IV auf.

Anfang des Jahres sorgten noch sieben Angestellte dafür, dass die bis zu 135 Gäste an Freitagen und Samstagen feiern können. „Im März musste ich alle abmelden.“ Auch hier bildet Susanne Kruse keine Ausnahme. Laut Statistischem Bundesamt büßten Betriebe, deren Kernaufgabe der Getränkeausschank ist, in diesem Corona-Jahr mehr als ein Drittel der Beschäftigten ein (-34,6 Prozent).

Keine Normalität

Im Juni, nach dem ersten Lockdown, konnte Kruse vier ihrer Mitarbeiter zurückholen. An Normalität war trotz der Lockerungen nicht zu denken. Um Abstandsregeln einhalten zu können, durften nicht mehr als 40 Gäste gleichzeitig kommen. „Die Mitarbeiter trugen Handschuhe, wir haben ein Einbahnstraßensystem eingerichtet und hatten überall Hinweisschilder“, gibt die 57-Jährige weitere Beispiele für Neuerungen. Mit einer ordentlichen Prise Humor seien die Gäste auf die Regeln hingewiesen worden – Probleme mit Uneinsichtigen habe es selten gegeben. „Unsere Gäste sind toll und waren froh, dass sie überhaupt wiederkommen konnten.“

Doch mit nur einem Drittel der Gäste, die vor Corona kamen, waren auch die Umsätze deutlich niedriger, berichtet Susanne Kruse. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, sind Betriebe wie der ihre, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen, von der Krise am stärksten betroffen. In dieser Sparte fiel der Umsatz demnach von März bis August bundesweit um 45,5 Prozent geringer aus als im Vorjahreszeitraum.

Wiedereröffnung

Dennoch wolle sich die Halberstädterin nicht entmutigen lassen. Ihr Ziel sei es, den „Spucknapf“ wieder zu öffnen, sobald sie es darf. „Der Laden ist mein Baby. Ich liebe ihn“, sagt sie. Seit 1992 gibt es das „Spucki“. „Ich war von Anfang an dabei. Erst als Gast, dann hinter dem Tresen.“ Die gelernte Friseurin, die später im Einzelhandel tätig war, habe seit ihrem 16. Lebensjahr immer wieder in Kneipen ausgeholfen. Als dem „Spucknapf“ dann das Aus drohte, habe sie sich vor acht Jahren entschlossen, ihn zu übernehmen. „Ich wollte auf keinen Fall, dass er zumacht. Und das will ich auch heute nicht.“