Wernigerode/Halberstadt l Jetzt ist es amtlich: Die Schulen, die in Sachsen-Anhalt seit vier Wochen wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind, sollen schrittweise wieder öffnen – aber nicht sofort und nur für bestimmte Klassenstufen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der überwiegende Teil der Schüler lernt weiter zu Hause. Das läuft mal mehr und mal weniger gut, berichtet Rico Wiecker. „Die Rückmeldungen sind kunterbunt gemischt“, sagt der Vorsitzende des Stadtelternrats in Wernigerode.

Manche seien fast perfekt organisiert, andere hätten Probleme, das Lernen zu organisieren. Erschwerte Bedingungen hätten Familien mit mehreren Kindern, zumal wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten, womöglich im Schichtbetrieb und ohne Unterstützung der Großeltern. „Es ist dann schwierig, den Alltag so zu organisieren, dass die Kinder nicht auf der Strecke bleiben und beim Lernen Hilfe erhalten.“ Schwierig sei ebenso, wenn Geschwister Schulen mit verschiedenen Vorgehensweisen besuchen.

Das bestätigt Stephan Koch, Vorsitzender des Stadtelternrats in Halberstadt. „Im Großen und Ganzen läuft es, aber es besteht eine starke Belastung für die Eltern, je nach Lebenssituation.“ Bei Alleinerziehenden sehe es anders aus als bei Paaren, bei Kurzarbeitern anders als Vollzeitbeschäftigten. Für manche habe die Schließzeit sogar ihren Reiz, sagt Koch. „Von einigen Eltern habe ich gehört, dass sie die Zeit genießen. Manche sagen, dass sie noch nie so viel Zeit mit ihren Kindern verbracht haben.“

Spagat zwischen Schule und Beruf kostet Kraft

Die meisten dürfte der Spagat zwischen Beruf, Familie und Schule aber viel Kraft kosten – zumal Eltern für ihre Kinder derzeit nicht nur Vater und Mutter, sondern auch „Lehrer, Spielkamerad und Freund“ sein müssen, so Koch. Was Pädagogen leisten, wüssten viele jetzt richtig zu würdigen.

Der Kontakt zu Lehrern und Schule sei entscheidend, sagen beide Elternvertreter. Die Familien brauchten verlässliche Informationen, so Rico Wiecker. Daran hapere es mitunter. „Auch nach vier Wochen Schulschließung höre ich von Eltern, dass sie unzureichend informiert werden.“ Da beginne mit der telefonischen Erreichbarkeit von Lehrern und ende damit, dass Abgabefristen im Nachhinein mitgeteilt werden. „Für die Eltern ist es dann schwierig, eine Struktur für die Woche aufzubauen.“

Die meisten Eltern seien aber froh, von den Schulen mit Lernstoff versorgt zu werden. Klar sei: „Die Lehrer stehen genauso vor Herausforderungen wie Eltern und Schüler“, sagt Wiecker. Die Schulen hätten keine Vorgaben erhalten, wie sie sich organisieren sollten. „Jeder war auf sich allein gestellt.“ Gegenseitiges Verständnis sei wichtig, sagt Koch. Er erlebe, dass die meisten Eltern mit den Schulen und Lehrer zufrieden seien. Wo es hake, solle man das Gespräch suchen. „Auch für die Lehrer ist dies neu, teils improvisieren sie.“

Lage an Grundschulen entspannter

An Grundschulen scheine die Lage entspannter zu sein, beobachten Rico Wiecker und Stephan Koch. Das könnte daran liegen, dass Eltern mit dem dort vermittelten Wissen wenig Probleme haben. „Für einige ist es hingegen schwierig, in den höheren Klassenstufen den Lernstoff zu vermitteln“, sagt Wiecker. Gut sei, wenn Schulen Lösungsbücher bereitstellten, mit denen Eltern sich vorbereiten könnten. Zudem werde in Grundschulen weniger kontrolliert und benotet, so Koch.

Der Umfang der Aufgaben sei überwiegend in Ordnung – auch wenn sich mancherorts Lehrer offenbar nicht abgestimmt und Schüler mit Aufgaben überhäuft hätten, so Wiecker. Mit den Ergebnissen der Heimarbeit gehen die Schulen unterschiedlich um. Manche fordern diese zu bestimmten Terminen zurück, andere vergeben Lernaufgaben ohne Termin. „Da haben die Eltern Probleme, die Kinder zu motivieren, diese Aufgaben abzuleisten“, sagt Rico Wiecker.

Ob Noten vergeben werden, sei oftmals unklar. „Wir haben als Eltern überhaupt keine Informationen darüber“, so der Wernigeröder. Streng nach Vorschrift sei dies wohl nicht möglich. Er bezweifele, dass eine Benotung sinnvoll sei, sagt Stephan Koch – man wisse nicht, was Eigenleistung sei, was von Eltern erledigt oder aus dem Internet abgeschrieben.

Nicht alle Kinder verfügen über Internet

Wobei das Netz eine zentrale Rolle beim Lernen zu Hause spielt. Viele Schulen versenden Aufgaben per E-Mail, doch das kann für manche eine Hürde bedeuten. „Nicht alle Kinder sind mit den nötigen Medien versorgt“, warnt Wiecker. Man könne nicht voraussetzen, dass jeder Laptop, Drucker und Internetzugang habe. Kämen familiäre oder Lernproblene hinzu, sei es schwer, den Rückstand aufzuholen, der sich derzeit aufbaue. „Diese Schüler fallen nachher durchs Raster.“

Trotzdem solle auf mehr Online-Angebote gesetzt werden, so Koch. Deren Möglichkeiten würden derzeit nicht vollständig genutzt. „Wir sollten daraus lernen und die Digitalisierung vorantreiben“, so der Ströbecker. Kinder mit Lernnachteilen bräuchten jedoch direkte Förderung, so Rico Wiecker. Er plädiert für kleine Lerngruppen mit drei bis vier Kindern in den Schulen, unter Einhaltung der Schutzvorschriften. Auch Leistungstests im kleinen Kreis seien denkbar.

Wie der Weg schrittweise zurück ins Klassenzimmer vor sich gehen soll, dazu haben die Elternvertreter viele Fragen. Wie bereiten Schulen den Neustart vor, was ist mit den Prüfungen, wie werden die Beteiligten geschützt, wie soll angesichts des Lehrermangels in kleinen Gruppen unterrichtet werden? Hier seien rasch Antworten gefragt, so Wiecker. Grundsätzlich sei aber klar: „Es wäre gut, wenn wir so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren könnten“, so Koch.