Naturfrevel

Deutsche Bahn fällt illegal Bäume

Viele Halberstädter sind sauer über Baumfällarbeiten, die die Deutsche Bahn ohne Vorankündigung veranlasst hat und trotz Verbots fortsetzt.

Von Dennis Lotzmann

Halberstadt l Als Roland Bronowski am vergangenen Sonnabendmittag nach Hause kommt und von seiner Terrasse aus einen Blick in seinen Garten wirft, fällt der Halberstädter aus allen Wolken: Mehrere Bäume, die am Morgen beim Verlassen seines Hauses noch den direkten Blick zur angrenzenden Bahntrasse verhindert haben, sind verschwunden. Am Vormittag haben Mitarbeiter einer offenbar von der Deutschen Bahn beauftragten Firma aus Österreich entlang der Bahntrasse nicht nur Büsche, sondern auch große Bäume entfernt.

„Binnen weniger Stunden machten sie dabei Nägel mit Köpfen und zerstörten Grün, das in Jahren und Jahrzehnten gewachsen war“, empört sich der Anlieger aus der Eitzstraße. Der Grünstreifen habe nicht nur das Klima insgesamt verbessert, sondern zugleich als natürlicher Lärm- und Staubwall fungiert. Und: Wenn Roland Bronowski nun gemütlich im Garten sitzt, schauen ihm die Fahrgäste in den Zügen direkt auf den Kuchenteller. „Ich bin absolut verärgert, und das ist noch milde formuliert“, so der 55-Jährige.

Während Bronowski aufgrund seiner mehrstündigen Abwesenheit sprichwörtlich wehrlos war und sich vor vollendete Tatsachen gestellt sah, konnten Anwohner in der Schönerstraße – auf der anderen Seite der Bahntrasse Halberstadt-Blankenburg – zumindest irgendwann die Notbremse ziehen.

„Ich habe das mitbekommen und die Leute mit den Kettensägen zur Rede gestellt. Als ich bemerkt habe, dass ich sie nicht stoppen kann, habe ich den Notruf der Polizei gewählt“, berichtet eine der Volksstimme namentlich bekannte Anwohnerin.

Die 76-Jährige hat in diesem Moment offenbar das einzig Richtige getan: Die Polizei rückte am Sonnabend an und zog zuständigkeitshalber den Bereitschaftsdienst der Stadtverwaltung hinzu. Und Thomas Dittmer, seines Zeichens Teamleiter Ordnung und Sicherheit im Rathaus der Kreisstadt, bereitete dem Treiben mit der Kettensäge wenig später ein Ende.

Aus gutem Grund, wie er am Dienstag auf Anfrage erklärte: „Unter den bereits gefällten Bäumen waren mehrere, deren Fällen laut Baumschutzsatzung genehmigungspflichtig ist. Und eine solche Fällgenehmigung liegt für diese Arbeiten nicht vor.“ Und Dittmer weiter: „Als Stadt wussten wir nichts von diesen Arbeiten.“

Ein Fakt, der die Anwohner noch mehr empört: „Ich als kleiner Bürger muss das Fällen von Bäumen auf meinem Grundstück beantragen, ich muss Ersatzpflanzungen vornehmen, mir wird alles vorgeschrieben – und diese Firma macht einfach“, empört sich die Seniorin, die die Notbremse gezogen hat. Im vorigen Jahr, erinnert die Frau, habe die Stadt mehrere Bäume, die ein Unbekannter mutwillig beschädigt hatte, aufwändig mit Schutzlösung behandelt, um langfristige Schäden zu verhindern. „Und wir Anwohner haben uns immer gekümmert, Büsche zurückgeschnitten und Müll weggeräumt. Und jetzt kommt die Firma und macht einfach. Eine Katastrophe.“

Das sieht auch Roswitha Hutfilz so: „Eine traurige Geschichte, für die Anwohner ist das wirklich dramatisch“, bestätigt die für Stadtgrün zuständige Teamchefin beim Stadt- und Landschaftspflegebetrieb Stala. Zugleich bestätigt sie die Angaben von Thomas Dittmer: „Es wurden schutzwürdige Bäume ohne Erlaubnis gefällt.“ Die Grenze liege bei 60 Zentimeter Stammumfang oder 20 Zentimeter Stammdurchmesser, gemessen in 1,30 Meter Höhe. Und: „Dass es in Halberstadt eine Baumschutzsatzung gibt, hätte der Bahn bekannt sein müssen. Unwissenheit schützt hier nicht vor Strafe – weder Anwohner noch Unternehmen wie die Deutsche Bahn“, betont Roswitha Hutfilz.

Deshalb werde es in den nächsten Tagen mit den Verantwortlichen der Bahn vor Ort einen Termin geben. „Dann werden wir gemeinsam ganz genau schauen, ob und welche Bäume wirklich gefällt werden müssen und wo ein Rückschnitt ausreicht, um Sicht und Lichtraumprofil zu garantieren“, kündigt Hutfilz an.

Dann dürfte auch das Thema Bußgeld angesprochen werden – damit müsse die Bahn auf jeden Fall rechnen. Die Spanne reiche bis zu 10 000 Euro. Über eine konkrete Höhe will Roswitha Hutfilz nicht spekulieren, aber: „Wer eine morsche Birke, die schon in die Dachrinne wächst, unerlaubt fällt, muss mit etwa 100 Euro rechnen. Wer im Garten eine Eiche fällt, um sich des Laubs zu entledigen, darf mit dem Fünffachen rechnen.“

Die Anfrage der Volksstimme bei der Deutschen Bahn blieb am Dienstag übrigens unbeantwortet. Derweil hat die von der Bahn beauftragte Firma offenbar trotz des Verbots ihre Schnittarbeiten fortgesetzt. Nachdem die Stadtverwaltung am Wochenende die Arbeiten in der Schöner- sowie der Eitzstraße per Sofortverbot gestoppt hatte, berichten nun Anwohner der nahen Beethovenstraße von Fällarbeiten. Das bestätigt auch Roswitha Hutfilz auf Anfrage: "Offenbar haben die Arbeiter dort am Dienstag weitergearbeitet, während ich gerade mit ihren Chef zusammensaß, um das weitere Verfahren abzusprechen." Die Volksstimme wird den Konflikt weiter redaktionell begleiten.