Halberstadt l „Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie jemand so pietätlos sein kann.“ Ihrer Stimme ist anzuhören, wie wütend die Halberstädterin noch ist. Nur einen Tag nach der Beisetzung ihres Vaters im Dezember fing das Ärgernis an: Aus den Gestecken auf dem Grab fehlten Blumen. „Am ersten Tag waren alle Rosen raus. Von Tag zu Tag fehlten mehr Blumen. Bei manchen Kränzen war irgendwann nur noch das Grün übrig“, berichtet die Frau ärgerlich.

Ihr Name ist der Redaktion bekannt – doch sie möchte anonym bleiben, um nicht noch mehr Diebe an das Grab ihres Vaters auf dem Städtischen Friedhof Halberstadt zu rufen. Dass Diebe hinter dem Blumenklau stecken und keine Tiere, steht für die 51-Jährige fest. „Bei einem frischen Grab müssten Spuren in der Erde zu sehen sein“, sagt sie. „Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Tier so wählerisch vorgeht.“ So seien Rosen, die schon Frostspuren oder Ähnliches aufwiesen, achtlos auf den Boden geworfen worden, während von den schönen Blüten keine Spur mehr zu finden sei. Offensichtlich abgeschnitten, wie die Trauernde sagt. Vielleicht, so überlegt sie, wurden damit neue Gestecke gefertigt und irgendwo verkauft. Immerhin seien die Blumenläden derzeit aufgrund des Lockdowns geschlossen.

„So etwas können nur Menschen machen, die selbst noch nie jemand verloren haben, der ihnen nahestand“, mutmaßt die Frau. „Sonst würden sie sich nicht an einem frischen Grab zu schaffen machen, wenn der Schmerz bei den Angehörigen noch so tief sitzt.“ Bei Grabschmuck handele es sich nicht um irgendwelche Blumen. „Man sucht liebevoll aus, macht sich Gedanken darüber, was dem Verstorbenen gefallen hätte, was zu ihm passt.“ Dass die Gestecke geplündert wurden, habe nicht nur sie getroffen, sondern auch ihre Mutter. Sie sei geschockt davon. „So etwas ist sehr, sehr bitter.“ Und kein Einzelfall. Von Bekannten habe sie von vergleichbaren Vorfällen gehört.

Ähnlicher Fall im November

Erst Anfang November meldete sich ein Volksstimme-Leser mit einem ähnlichen Erlebnis in der Redaktion. Auch er fand den Blumenschmuck auf dem Grab seiner Mutter – nur einen Tag nach der Beisetzung – geplündert vor. Im Gegensatz zu der Halberstädterin erstattete dieser Betroffene Anzeige bei der Polizei.

Weitere Fälle seien seines Wissens nach in jüngster Zeit nicht gemeldet worden, informiert ein Polizei-Sprecher auf Volksstimme-Nachfrage. Dennoch ist Diebstahl von Blumen und Grabschmuck auf dem Friedhof keine Ausnahme. Im Gegenteil. „Das ist ein Dauerthema“, bestätigt Ute Huch von der Stadtverwaltung. Insbesondere um den Totensonntag herum und im Frühjahr, wenn frisch gepflanzt wurde, komme so etwas vor. „Wir als Stadt appellieren aus moralischer und pietätischer Sicht, so etwas zu unterlassen.“ Jedoch sei es schwierig, gegen solche Taten vorzugehen. Man könne sich schlecht den Ausweis zeigen lassen oder Menschen, die Blumen auf Gräbern beschneiden, gleich des Diebstahls bezichtigen.

Das weiß auch die Halberstädterin. „Aber ich hoffe, auf das Thema aufmerksam machen zu können und zu sensibilisieren“, sagt sie. „Die Mitarbeiter der Friedhosverwaltung arbeiten doch den ganzen Tag auf dem Friedhof. Vielleicht fällt ihnen etwas Merkwürdiges auf, wenn sie die Augen offen halten.“ Jemand, der erst an einer Grabstelle Blumen bewegt und kurze Zeit später an einer anderen Stelle, zum Beispiel.

Tätern drohen bis zu fünf Jahre Haft

Was die Täter, sollten sie erwischt werden, erwartet, hat Oberstaatsanwalt Hauke Roggenbuck bereits im November gegenüber der Volksstime erläutert. In solchen Fällen werde wegen Diebstahls ermittelt. Das bedeute ein Strafmaß von bis zu fünf Jahren Haft oder eine Geldstrafe.