Halberstadt l Das Wort Schicksalsschlag ist schnell zur Hand und wird zuweilen inflationär benutzt. Im Fall von Rüdiger Hampe dürfte die Verwendung aber durchaus angemessen sein. Das Haus des mittlerweile 68-Jährigen in der Halberstädter Gartenstadt ist in der Nacht zum 23. Februar 2018 bei einer Gasexplosion komplett zerstört worden, nachdem in der angrenzenden Doppelhaushälfte laut Polizei an der Gasleitung manipuliert worden war.

Rüdiger Hampe, der sich im Elternhaus eingerichtet und es über Jahre hinweg saniert hatte, überlebte die Detonation nur knapp. Er kam bei seiner Partnerin in Hessen unter und sortierte sein Leben schrittweise neu. Er erhielt auch Spenden.

Ein Punkt dabei: Die Abmeldung bei verschiedenen Versorgungsträgern und Serviceanbietern. Stadtwerke, Abwasserverband und Telekom hätten sich mit Blick auf seine Situation unkompliziert und hilfsbereit gezeigt, berichtet Hampe. Allein beim Beitragsservice des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Köln – bis heute im Volksmund besser bekannt als Gebühreneinzugszentrale (GEZ) – sei er sprichwörtlich gegen Mauern gelaufen. Mit letztlich fatalen Folgen.

In der Warteschleife geendet

„Ich habe mich auf der Online-Seite des Beitragsservices abgemeldet und versucht, mit Mitarbeitern direkt ins Gespräch zu kommen – alles erfolglos“, berichtet Hampe. Telefonate seien mehrfach in der Warteschleife zusammengebrochen. Einmal habe er eine Mitarbeiterin an der Strippe gehabt, dann sei auch dieses Gespräch abgebrochen. „Und stets waren 20 Cent weg, weil die Service-Nummer kostenpflichtig ist.“

Dabei habe er nur mitteilen wollen, dass sein Haus unbewohnbar in Trümmern liegt, er nun im Haushalt seiner bereits zahlenden Partnerin lebt und damit aus der persönlichen Zahlungspflicht rausfällt.

Ein Ansinnen, das gründlich schiefging. Auf die Meldung im Online-Portal habe es seitens des Beitragsservices nie eine Reaktion gegeben. Dafür aber einen unerwarteten Zugriff aufs Konto. Nachdem Hampe für die Monate Februar bis April 52,50 Euro gezahlt hatte, wurden Mitte Juni für den Zeitraum Mai bis August weitere 52,50 Euro per Lastschrift eingezogen.

Schwierige Kommunikation

Hampe – angesichts der schwierigen Kommunikation mit der Beitragszentrale mittlerweile nur noch entnervt – buchte den Betrag kurzerhand zurück. Weil er seinem Geld nicht hinterherrennen wollte und obendrein hoffte, so eine Reaktion in Köln auszulösen. Außerdem schickte er am 24. Juni eine Mail an den Beitragsservice und erklärte darin noch einmal seine ganz besondere persönliche Situation. Reaktion? Fehlanzeige.

Dafür im Oktober die nächste Zahlungsaufforderung aus Köln: Die strittigen 52,50 Euro vom Juni plus 4,95 Euro Rückbuchungsgebühr plus 52,50 Euro, die aktuell für den Zeitraum August bis Oktober fällig seien. Macht insgesamt 109,95 Euro, die beim längst völlig frustrierten Rüdiger Hampe nun in einen Anruf bei der Volksstimme münden.

Die Recherche ist kurz, das Resultat glasklar: Statt einer Forderung müsste Rüdiger Hampe unterm Strich sogar eine Gutschrift für den Zeitraum von der Explosion bis Ende April zustehen, weil er für den Dreimonats-Zeitraum Februar bis April schon komplett gezahlt hatte.

So klar der Sachverhalt, so kompliziert gestaltet sich auch hier die Kontaktaufnahme mit der Pressestelle des Beitragsservices in Köln. In der Telefonzentrale weigert man sich standhaft, die Durchwahlnummer der Pressestelle preiszugeben, fordert stattdessen eine schriftliche Anfrage per Mail oder will maximal verbinden. Vier Versuche enden ergebnislos in der Dauerwarteschleife. Erst der mit gewissem Nachdruck formulierte fünfte Versuch bringt Erfolg: Von der Zentrale geht‘s über Umwege schließlich zu Annemarie Bütow in der Pressestelle.

Pannen ausbügeln

Die ist angesichts der Schilderungen rund um Hampes Probleme schnell selbst betroffen und muss die Pannen nun kleinlaut ausbügeln. Ihre vorsichtige Schlussfolgerung nach dem rund 30-minütigen Telefonat: Ein höchst tragisches Schicksal und offensichtlich schwere Kommunikationsprobleme. „Ich lasse den Fall ganz schnell prüfen“, versichert sie.

So kommt es, und das Resultat entspricht dem der vorangegangenen Recherche. Das Beitragskonto von Rüdiger Hampe werde für den Zeitraum 1. März bis 31. Oktober abgemeldet. Damit seien nicht nur besagte Forderung über 109,95 Euro hinfällig, sondern obendrein 35 Euro Gutschrift für die gezahlten Monate März und April verbunden. „Die werden wir nun mit künftigen Forderungen verrechnen“, kündigt die Sprecherin an.

Besagte Forderungen greifen ab November wieder, denn Rüdiger Hampe hat sein Leben nach dem explosionsbedingten Chaos zwischenzeitlich weiter sortiert. Seit wenigen Tagen leben er und seine Partnerin in einem Haus in Dardesheim. War Hampe in den vergangenen Monaten gebührenbefreiter Mitbewohner im Haushalt seiner Partnerin im Osterwiecker Ortsteil Hessen, ist fortan er alleiniger Beitragszahler für den gemeinsamen Haushalt. Unterm Strich werden sich die Forderungen für die beiden Monate November und Dezember über 35 Euro nun mit dem Guthaben ausgleichen. Auch die Abmeldung seiner Partnerin sei erfolgt.

Gleichwohl bleibt – nach den von Annemarie Bütow diagnostizierten Kommunikationsproblemen, die Frage, wie es zu diesen fatalen Missverständnissen kommen konnte.

Situation geschildert

Herr Hampe habe bei seiner ersten Meldung im April nicht deutlich gemacht, dass sein Haus zerstört wurde und er nun Mitbewohner in einem bereits beitragspflichtigen Haushalt sei, so die Sprecherin. „Wir sind davon ausgegangen, dass Herr Hampe umgezogen ist.“ Stimmt nicht, kontert Hampe. „Ich habe schon im April meine Situation sehr ausführlich geschildert, als Beweis die Schadensnummer meiner Versicherung mitgeteilt und obendrein auf die Medienberichte über die Explosion verwiesen.“

Nachprüfen lässt sich das im Detail nicht – diese erste Nachricht an Köln existiert nicht mehr. Das Problem, so Annemarie Bütow, habe sich im Juni fortgesetzt. Diese Mail vom 24. Juni sei zwar präziser gewesen, allerdings sei der Name der Gebührenzahlerin nicht genannt worden. Daher sei Hampes Konto unverändert fortgeführt worden.

Was Oberflächlichkeit erkennen lässt. Der Volksstimme liegt Hampes Mail vom 24. Juni vor. Darin schildert er sehr detailliert sein Schicksal und verweist auf den Fakt, dass er nun in einem gebührenseitig bereits erfassten Haushalt lebt. Auch die konkrete Adresse wird genannt, allein der Name der Gebührenzahlerin fehlt. Dafür findet sich der Hinweis auf die schwierige Erreichbarkeit des Beitragsservices, was einmal mehr als Bitte um Kontaktaufnahme verstanden werden kann.

Die als solche auch hätte stattfinden müssen, wie Annemarie Bütow unumwunden einräumt: „Grundsätzlich fragen wir beim Beitragszahler nach, wenn er eine Abmeldung mit dem Hinweis auf einen zahlenden Mitbewohner schickt. Im Fall von Herrn Hampe ist dies versehentlich nicht erfolgt. Ich kann mich für die schweren Kommunikationspannen und all die unschönen Erlebnisse in den vergangenen Monaten bei Herrn Hampe nur ausdrücklich entschuldigen.“