Landtagswahl

Folgt für Halberstädter nach dem Rathaus der Landtag?

Bei der Landtagswahl kämpfen am 6. Juni im Wahlkreis 14 (Halberstadt) neun Direktkandidaten um die Gunst der Wähler. Die Volksstimme stellt Kandidaten und ihre Ziele vor – heute: Andreas Henke (Die Linke).

Von Sandra Reulecke
14 Jahre lang bekleidete Andreas Henke das Amt des Oberbürgermeisters in Halberstadt, nun will er für die Linken in den Landtag. Er hat den achten Listenplatz. Sollte er in den Magdeburger Landtag gewählt werden, will er seiner Heimat, der Region Halberstadt, dennoch treu bleiben.
14 Jahre lang bekleidete Andreas Henke das Amt des Oberbürgermeisters in Halberstadt, nun will er für die Linken in den Landtag. Er hat den achten Listenplatz. Sollte er in den Magdeburger Landtag gewählt werden, will er seiner Heimat, der Region Halberstadt, dennoch treu bleiben. Foto: Sandra Reulecke

Röderhof - Beinahe sechs Monate sind vergangen, seit Andreas Henke seinen Schreibtisch im Halberstädter Rathaus räumen musste. Nach 14?Jahren. Der Linken-Politiker musste sich bei der jüngsten Wahl um das Oberbürgermeister-Amt Daniel Szarata (CDU) geschlagen geben. Gebrochen hat Henke deshalb aber offensichtlich nicht mit der Politik: Mit 58 Jahren will er es noch einmal wissen und kandidiert für einen Sitz im Landtag.

Hand aufs Herz, ist dieses neue Amt so etwas wie ein Trostpreis für den verlorenen Posten? „Nein“, betont Henke. Gesteht aber sogleich: „Ich wollte eigentlich nie in die Landes- oder Bundespolitik.“ Den Ausschlag, jetzt doch den Wechsel anzustreben, habe der große Zuspruch seiner Parteifreunde gegeben.

Gute Karten dank Listenplatz acht

Mit Listenplatz acht stehen Henkes Karten denkbar gut, in das Magdeburger Parlament gewählt zu werden. „Aber man kann das Fell erst verteilen, wenn der Bär erlegt ist“, gibt der Halberstädter zu bedenken. Er muss selbst über sein Gleichnis schmunzeln. „Hoffentlich nehmen es mit die Vegetarier nicht übel“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Sein Umfeld und seine Familie – Henke ist geschieden und hat drei erwachsene Kinder – habe erleichtert und unterstützend reagiert, als er seine Kandidatur ankündigte. Weil sie wissen, wie wichtig ihm politisches Engagement ist und nicht, weil er nach der Wahlniederlage in ein Loch gefallen sei, wie Henke sagt. „Ich hatte auch andere Angebote für meine weitere berufliche Laufbahn, aber ich habe mich für die Politik entschieden.“

Landespolitik werde anders gemacht als die im Lokalen, das sei ihm sehr bewusst. Ein Fakt, der ihn reize, auf den er sich freue. „Der größte Unterschied werden die Ansprüche der Wähler sein. Man ist in der Position nicht nur für ,Klein-Klein’ verantwortlich. Es wird eine neue Qualität der Ansprüche geben.“

Er glaube, dass bei ihm bereits eine innere Umstellung von der Kommunal- auf die Landespolitik eingesetzt habe. Was auch bedeute, dass sein Blick nicht nur auf die Region Halberstadt fokussiert sein dürfe, sondern auf das gesamte Land, die Herausforderungen in anderen Regionen.

Dennoch werde ein wesentlicher Teil seiner Arbeit auch künftig in Halberstadt stattfinden, betont Henke. Damit setzt er den Gerüchten, er würde nach gewonnener Wahl nach Magdeburg ziehen, ein Ende. „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“, sagt der 58-Jährige lachend. Seine Heimat sei ihm sehr wichtig.

Kraft tanken in der Natur

So ist es nicht verwunderlich, dass Andreas Henke einen Ort, der ihm seit der Kindheit sehr vertraut ist, für sein Volksstimme-Gespräch wählt. Ein Hügel, die Kirschbäume darauf in voller Blüte, zwischen Röderhof und Dingelstedt, seinem Geburtsort.

„Ich kam im Haus meiner Großeltern zur Welt“, berichtet der Kandidat der Linken. Das Gebäude steht noch, mittlerweile saniert und bewohnt von Bekannten der Familie, berichtet Henke. Ein Fakt, der ihm hörbar viel bedeutet – verbindet er das Haus doch mit den Menschen, die ihn sehr geprägt haben, seinen Großeltern.

Bei ihnen hat er alle Ferien verbracht, nachdem er mit seinen Eltern nach Halberstadt gezogen ist. In der heutigen Harz-Kreisstadt hat Henke Kindergarten und Schule besucht, in der Umgebung von Dingelstedt aber seine Liebe zur Natur entdeckt. Schon als kleiner Junge sei er – mit dem Hund an der Leine und dem Rucksack auf dem Rücken – durch die Wälder gestapft.

Das Alleinsein in der Natur genieße er bis heute, ziehe daraus Kraft. Nach dem Ende seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister habe es ihn besonders oft nach draußen gezogen. „Die erste Zeit nach dem Wechsel war schon komisch“, gesteht er. Jedoch nicht auf negative Art. „Ich war zuversichtlich, wusste, dass es weitergehen wird, und habe die Zeit sogar sehr genossen.“ So viel, wie er im zurückliegenden halben Jahr gewandert sei, sei er in den gesamten 14 Jahren zuvor nicht gelaufen.

Die Wiesen und Felder um Dingelstedt waren auch der Ort, an dem Andreas Henke seine ersten Erfahrungen im Arbeitsleben sammelte. „Ich habe mein Taschengeld mit Kirschenpflücken verdient“, berichtet er. Er habe dem Großvater – bei der LPG beschäftigt – gern geholfen. „Ich bin sogar Trecker gefahren.“

Seit 30 Jahren in der Kommunalpolitik tätig

Dennoch trat Andreas Henke nicht in die beruflichen Fußstapfen seines Großvaters. Stattdessen studierte er nach dem Abitur an der Erweiterten Oberschule (EOS) „Bertolt Brecht“ ab 1981 an der Polizeihochschule des Ministeriums des Inneren in Dresden. Nach dem Abschluss als Hochschulingenieurökonom 1984 trat er in Leipzig in den Polizeidienst ein – allerdings nur für kurze Zeit. Eine akute rheumatische Erkrankung machte den Dienst in der Bereitschaftspolizei unmöglich. Und so wechselte Henke 1985 in Leitungsfunktionen zur Stadtwirtschaft Halberstadt und ein Jahr später zum Kraftverkehr.

In der Kommunalpolitik ist der Halberstädter seit nunmehr gut 30 Jahren tätig. Er wurde 1990 in den ersten freigewählten Kreistag gewählt, neun Jahre später kam ein Stadtratsmandat dazu. Zunächst war er Mitglied der SED, dann der PDS und seit 2007 der Linkspartei. Seit 2009 gehört Henke dem Harzer Kreistag an – ein Amt, das er weiterhin ausüben will.

Kommunen brauchen mehr Freiheit

Es ist kein Geheimnis, dass Andreas Henke ein leidenschaftlicher Theater-Gänger ist. Auch bekleidete der Linken-Kandidat 14 Jahre lang den ehrenamtlichen Geschäftsführer-Posten des Nordharzer Städtebundtheaters. Nun möchte er sein Engagement für Bühnen-Kultur mit in den Landtag nehmen, wenn er bei der Wahl am 6. Juni einen Sitz in dem Gremium erringt. „Das Theater und das Orchester müssen auskömmlich finanziert werden – und erst einmal wieder in den laufenden Betrieb kommen“, wie der Halberstädter betont.

Doch nicht nur die Kultur hat im Laufe der Corona-Pandemie einen harten Dämpfer erlebt. Die finanziellen Folgen der Krise für Länder und Bund sind längst noch nicht absehbar. Andreas Henke befürchtet, dass sich das auch in finanziellen Zuweisungen und bei Fördergeld-Programmen für Kommunen niederschlagen könnte. Etwas, wogegen sich Halberstadts Ex-Oberbürgermeister vehement in der Landespolitik einsetzen will. Mehr noch. „Kommunen brauchen nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Freiheit, das Vertrauen darauf, dass sie mit den Geldern richtig haushalten.“

Er wisse aus Erfahrung, wie wenig Handlungsspielraum einer Gemeinde unter dem derzeitigen engen Korsett, der „chronischen Unterfinanzierung“, bleibe. Dabei seien gerade im ländlichen Raum Investitionen von Nöten, damit dieser nicht weiter abgehängt werde. „Die Menschen verlieren zusehends Vertrauen in die Politik, in die Demokratie, wenn sie immer nur hören müssen, was nicht geht, wofür kein Geld da ist oder was wieder auf die Warteliste gesetzt werden muss.“

Um Bürgern eine lebenswerte Region zu bieten, in der sie bleiben wollen, müssten beispielsweise Öffentlicher Personen-Nahverkehr, Schulen und Tagesstätten, medizinische Einrichtungen und Einzelhandel vorhanden sein. Nicht alles davon könne die Politik selbst leisten, aber sie könne dafür Anreize schaffen. „Die tiefgreifende kommunale Haushaltskrise muss ein Ende haben. Lebensverhältnisse und Arbeitsverhältnisse werden vor Ort in den Städten und Dörfern gestaltet“, betont Andreas Henke. „Wir müssen schauen, dass eine Gleichwertigkeit des ländlichen Raums zu Mittelzentren wieder hergestellt wird.“

Ein Thema, das er als besonders wichtig ansieht, ist der Öffentliche Personen-Nahverkehr (ÖPNV). „Der gehört zweifellos zur Daseinsvorsorge.“ Und er sei ein wichtiger Schritt in Sachen Klimaschutz. „Wenn wir aber Berufspendler und die Leute, die einkaufen fahren wollen, von den eigenen Autos in den Bus bringen wollen, müssen realistische Angebote für sie geschaffen werden, die sich am tatsächlichen Bedarf orientieren.“

Mehr Lehrer, mehr Polizisten

Seit Jahrzehnten orientiere sich die Planung des ÖPNV zu sehr an den Schülerzahlen. „Das ist ein Fehler“, so Henke. Seiner Ansicht nach sollten Fahrzeiten, Strecken und Taktungen mehr an Arbeitszeiten und Bedürfnissen der breiten Bevölkerung angepasst werden. „Dafür ist eine Erprobungszeit notwendig und es wird Zeit kosten, bis ein Umdenken und eine Akzeptanz stattfindet. Das kostet Geld“, räumt Henke ein.

Teuer wird auch ein weiteres Anliegen Henkes: die Stärkung des Öffentlichen Dienstes. Es werden mehr Lehrer, mehr Polizisten und und mehr Leute in den Verwaltungen benötigt. „Seit Jahren werden immer mehr Aufgaben auf immer weniger Schultern gelagert. Das kann so nicht weitergehen“, sagt Henke. „Wir müssen von dem strikten Grundsatz, die Personalfinanzierung immer weiter zu drücken, wegkommen.“

Aber woher soll das Geld für seine Ziele kommen? „Wir müssen uns den Landeshaushalt anschauen und gucken, wo Umfinanzierungen möglich sind.“ Auch sei nicht alles auf einmal umsetzbar, wohl aber Schritt für Schritt.

Andreas Henke
Andreas Henke
Foto: Sandra Reulecke