Halberstadt l Es sind Zahlen, mit denen Halberstadt auf den ersten Blick nicht mithalten kann: Mit 2,5 Millionen Tagesgästen ist Wernigerode unbestritten in Sachen Tourismus der Marktführer in der Region. Mehr als 1,4 Millionen Übernachtungen wurden laut Wernigeröder Tourismus GmbH im Jahr 2019 registriert. Für Halberstadt weist die Statistik 1,4 Millionen Tagesgäste und 103.685 Übernachtungen für das Vorjahr aus.

„Das ist aber ein bisschen so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen“, sagt Monika Klytta von der Tourist-Information Halberstadt. Es reiche nicht, sich blanke Zahlen anzusehen, ohne sie ins Verhältnis zu setzen. „Wenn man nur die Übernachtungszahlen von Berlin und Wernigerode vergleicht, würde Wernigerode auch den Kürzeren ziehen“, erläutert sie.

Und trotz der niedrigeren absoluten Zahlen geht Halberstadt als Sieger hervor: „Die Übernachtungszahlen sind unser bestes Ergebnis in diesem Bereich“, verkündet Monika Klytta. Es sei eine satte Steigerung von 10,8 Prozent zu 2018 erreicht worden. „Das liegt weit über dem Landesdurchschnitt“, so Monika Klytta. Der gesamte Landkreis Harz könne dagegen mit einem Plus von „nur“ 6,2 Prozent aufwarten.

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Wo Urlauber das meiste Geld ausgeben

In noch etwas ist Halberstadt touristischer Spitzenreiter: In keiner anderen Stadt im Harzkreis geben Urlauber mehr Geld im Einzelhandel aus. 19,2 Millionen Euro waren es im Vorjahr. Erhoben wurde die Zahl von der dwif-Consulting GmbH, einer Tourismusberatung. Die Abkürzung dwif steht für Deutsches Wirtschaftswissenschaftliches Institut für Fremdenverkehr e.V. an der Universität München.

Bereits zur Wiedereröffnung des Domschatzes im Jahr 2008 haben die Experten Halberstadt unter die Lupe genommen. In diesen zwölf Jahren habe sich einiges zum Positiven gewandelt, stellt Matthias Feige von dwif-Consulting fest. Er betont: „Halberstadt ist jetzt eine ernstzunehmende Tourismusstadt.“

Der Tourismus sei mittlerweile ein starker Wirtschaftsfaktor für Halberstadt: 2019 brachten Übernachtungsgäste 14,1 Millionen Euro Umsatz, Tagesgäste sogar 42,3 Millionen Euro, geht aus der Analyse hervor. „Das sorgt für ein Steueraufkommen von 5,3 Millionen Euro“, ergänzt Feige.

Summen, die in den kommenden Jahren gesteigert werden sollen. Er und seine Kollegen erstellen aktuell gemeinsam mit der Stadt und lokalen Akteuren ein Tourismuskonzept für die Spiegelsberge und Umgebung. Diese sollen künftig nicht nur Geheimtipp für Wanderer darstellen, sondern dank innovativer Angebote wie Foodtruck-Touren oder Alpaka-Wanderungen sowie barrierefreien Angeboten auch neue Zielgruppen ansprechen, insbesondere Gruppenreisende und Familien.

So ein Konzept sei nichts, was von heute auf morgen umgesetzt werden könne, sagt Matthias Feige. Infrastrukturen müssen verbessert, insbesondere gastronomische Angebote geschaffen werden. Es brauche Partner – nicht nur in der Stadt. Er schlägt vor, auch mit Akteuren aus Nachbarorten zusammenzuarbeiten und den Urlaubern gemeinsame Pakte anzubieten. Reittouren bis in die Westernstadt in Hasselfelde zum Beispiel.

Zudem gebe es großen Nachholbedarf in Halberstadt in Sachen Innenmarketing. Ein Punkt, den Rathaussprecherin Ute Huch bestätigt. „Halberstadt hat so viel zu bieten, das die Halberstädter oft selbst nicht kennen.“ Das sei für sie der große Unterschied zu Wernigerode. „Die Wernigeröder sind stolz auf ihre Stadt und tragen das nach außen.“ Eine bessere Werbung könne es nicht geben.

Gründe, stolz auf Halberstadt zu sein

Wie viele Gründe die Halberstädter haben, für ihre Stadt zu werben, weiß Christiane Strohschneider. „Wir müssen uns absolut nicht verstecken. Wir haben hier so viel Einzigartiges, Spezielles und Superlative“, schwärmt die Chefin der Tourist-Information Halberstadt.

So sei der Domschatz „einer der umfangreichsten Kirchenschätze überhaupt“. In den Spiegelsbergen ist das weltweit zweitälteste Riesenweinfass zu finden. Das langsamste Musikstück der Welt erklingt im Burchardikloster. Dort läuft das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt über 639 Jahre. „Halberstadts Museumslandschaft ist einzigartig. Mit dem Vogelkundemuseum Heineanum, dem Literaturmuseum Gleimhaus und dem Museum für jüdische Geschichte etwa haben wir Alleinstellungsmerkmale in der Region und darüber hinaus“, sagt Strohschneider. Stolz sei sie auf das breite Angebot unterschiedlicher Stadtführungen und -spaziergänge. Außerdem komme das Drei-Sparten-Theater sehr gut bei vielen Besuchern an. Auch die Ortsteile hätten einiges zu bieten. Etwa das Schachdorf Ströbeck mit seiner lebendigen, mehr als 1000 Jahre alten Schachtradition oder Langenstein mit den Höhlenwohnungen.

Insbesondere Kulturinteressierte kommen also in der Stadt auf ihre Kosten – sie machten derzeit den Großteil der Halberstadt-Urlauber aus. Die meisten seien über 60 Jahre alt, gut gebildet, anspruchsvoll, zahlungskräftig. Es sei aber deutlich zu spüren, dass die Werbung um andere Zielgruppen in den vergangenen Jahren Wirkung zeige, sagt Christiane Strohschneider. Immer mehr Camper, Wanderer und Radfahrer entdeckten die Stadt für sich. Bei Familien stünde das Spielemagazin hoch im Kurs, der See und der Tiergarten.

Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke) ist sich sicher, dass Halberstadt viel für Touristen zu bieten hat und dieser Zweig in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. „Aber wir wollen Wernigerode gar nicht übertrumpfen, sondern unseren eigenen Weg finden“, sagt er. Das sei kein Konkurrenzkampf, sondern etwas, wovon letztlich der ganze Harz profitiere.