Ilsenburg/Drübeck l Avery Kolle hat einen schrecklichen Verdacht: Der Vorsitzende des Vereins für krebskranke Kinder Harz sieht in der jüngsten Häufung von Krebsfällen bei Kindern im Raum Ilsenburg/Drübeck zumindest Verbindungen zur früheren Ilsenburger Kupferhütte. Allein in der zweiten Jahreshälfte 2017 habe es vier Fälle im Stadtgebiet gegeben – neben zwei Mädchen mit Leukämie auch zwei Mädchen mit anderen Tumorerkrankungen. Ein Kind, bestätigt Kolle, sei mittlerweile gestorben. Er wolle, betont der 41-Jährige, nichts herbeireden. „Man sollte dem Verdacht der Verbindung zur Kupferhütte aber wenigstens nachgehen.“

Auffällige Häufung

Für ihn sei die Häufung von Krebsfällen bei Erwachsenen wie Kindern im Raum Ilsenburg jedenfalls auffällig. Hinzu kämen aktuell vier Fälle von Trisomie 21 (Down-Syndrom). Wobei Mediziner bei diesem Gendefekt die Ursache eher im Alter der Mutter sehen. Ab dem 35. Lebensjahr steige das Risiko für das Kind erheblich. „Bei uns sind aber Kinder von jüngeren Eltern betroffen“, entgegnet Kolle.

Der Vereinschef sieht heute – über 25 Jahre nach Schließung der Kupferhütte, die sich einst im heutigen Industriepark Ilsenburg befand – vor allem indirekte Auswirkungen. „Vermutlich geht es weniger um Giftstoffe, die heute noch direkt aufgenommen werden, als darum, dass junge Erwachsene Belastungen aus den 1980er Jahren in sich tragen und diese nun an ihre Kinder weitergeben“, mutmaßt er.

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Enkelgeneration betroffen

Kolle, vor Jahren selbst in der Familie mit einem Krebsfall konfrontiert, ist zwar kein Mediziner, hat sich aber aufgrund der persönlichen Vorgeschichte intensiv in die Materie eingearbeitet. Die Aufnahme von Schwermetallen und Dioxin, davon geht er aus, mache sich mitunter erst in der nächsten oder übernächsten Generation konkret bemerkbar.

Thesen und Vermutungen, die manch‘ Mediziner skeptisch sieht. Selbst wenn es Parallelen geben sollte, sei die direkte Nachweisführung schwierig.

Hütte war eine Giftschleuder

Unstrittig ist, dass die damalige Kupferhütte eine wahre Giftschleuder war. Über Jahrzehnte wurde hier das zu DDR-Zeiten heiß begehrte und Devisen bringende Kupfer produziert – mit dem damit verbundenen Einsatz von Chemikalien und Schwermetallen. Obendrein wurde Kupferschrott recycelt. Meist wurden Kabelreste samt Isolationsresten eingeschmolzen. Das Polyvinylchlorid (PVC) der Isolation und Rückstände chlorhaltiger Trafoöle verbrannten dabei und setzten – auch dies ist unstrittig – hochgiftige Dioxine frei.

Deshalb artikulierte sich schon zu DDR-Zeiten in der Bevölkerung heftige Kritik an der Kupferhütte. Matthias Schmidt, von 1988 bis 2001 Pfarrer in Darlingerode, gehörte damals zu den Akteuren, die sich stark machten. „Vor allem nachts haben die den Dreck abgelassen, die schwarze Wolke zog von der Hütte meist in südöstliche Richtung, rüber zum Streithölzer Weg nach Drübeck und Darlingerode“, erinnert sich der heute 76-Jährige. Landwirte und Anwohner hätten sich schon damals mit der Bewirtschaftung der Felder zurückgehalten und Äpfel und anderes Obst nicht konsumiert. Teilweise soll der Verzehr sogar ganz offiziell verboten worden sein.

Tonnenweise Giftmüll

Die Verhältnisse in der Kupferhütte seien extrem gewesen, erinnert sich Schmidt – letztlich so, wie in vielen Bereichen der maroden DDR-Industriebetriebe. Filteranlagen habe es nicht gegeben – „dass man da nicht gesund rauskommen konnte, wusste man als Laie“, erinnert sich Matthias Schmidt.

Weil dies auch den damaligen Verantwortlichen klar war, dauerte es nach dem Mauerfall nur Wochen, bis in der Kupferhütte Schicht war. Im Februar 1990 wurde die Produktion eingestellt, anschließend wurden die Hütte und die mit Giftstoffen belasteten Flächen zurückgebaut und tonnenweise Giftmüll entsorgt.

Ärztin kämpfte gegen Hütte

Versucht man, mit drei Jahrzehnten Abstand, in die Materie einzusteigen, stößt man immer wieder auf den Namen der früheren Ilsenburger Ärztin Dr. Ingeborg Röthing. Die mittlerweile verstorbene Medizinerin engagierte sich schon zu DDR-Zeiten gegen die Kupferhütte. Wahrscheinlich dadurch motiviert, dass sie die Folgen für Mitarbeiter in der Hütte und die Menschen im Umfeld tagtäglich registrieren konnte. Sie soll auch heimlich Daten erhoben haben. Ob diese erhalten blieben und wo sie sich befinden, ist unklar.

Statistik schwierig

Doch lassen sich aus dieser Vergangenheit tatsächlich Verbindungen zur aktuellen Häufung von Krebsfällen bei Kindern ziehen? Und kann man überhaupt von einer Häufung sprechen? Amtsärztin Dr. Heike Christiansen räumt ein, dass vier krebskranke Kinder bezogen auf die Ilsenburger Einwohnerzahl – rund 9500 – sehr hoch erscheine. Allerdings warnt sie davor, allein auf ein Jahr bezogen Rückschlüsse zu ziehen. Üblicherweise würden bei Krebserkrankungen Zehn-Jahres-Zeiträume betrachtet. Nutzbar seien Daten für 2006 bis 2015, die das Kinderkrebsregister Mainz ausgewertet habe: Hier „gab es für Ilsenburg eine Meldung, statistisch erwartbar waren zwei Fälle“, so die Amtsärztin. Landesweit habe es laut Register 413 Fälle gegeben. Erfasst würden die Daten der östlichen Länder seit 1991. Für Ilsenburg gebe es bislang acht Meldungen.

Wie schwierig die statistische Erhebung ist, verdeutlicht auch Prof. Marcell Heim. Heim war viele Jahre Chef des Transfusionsdienstes an der Uniklinik Magdeburg und ist Vorsitzender des Vereins Aktion Knochenmarkspende. „Rein statistisch sind pro 200 000 Einwohner und Jahr je zwei Leukämiefälle bei Kindern und Erwachsenen zu erwarten“, sagt er. Damit läge Ilsenburg mit zwei Fällen 2017 weit über statistischen Prognosen. Doch Zufälle sind möglich.

Ursachen oft unklar

Nach Heims Worten sind auch Verbindungen zwischen Leukämien und Einflüssen von Betrieben oder Atomkraftwerken nicht belegt. „Über die Ursachen wird seit Jahrzehnten gerätselt. Die größte Wahrscheinlichkeit ist, dass Viren ursächlich sind.“

Wie auch immer. Kolle hofft, dass sein Verdacht nun fundiert untersucht wird. Und wird von einer früheren Kinderärztin aus Ilsenburg, die von 1977 bis 2007 praktizierte, bestätigt: In ihrer Praxiszeit habe sie keine Krebshäufung registriert. „Die jetzigen Fakten erschrecken mich. Derartige Spätfolgen würden mich aber nicht verwundern.“