Langenstein l Jahrelang müssen sie sich immer wieder über den Weg gelaufen sein, ohne einander wahrzunehmen. Erst eine Portion Zufall und dieselbe Bahnstrecke hat Birgit und Frank Kruse aus Langenstein 2005 zusammengebracht.

Jeden Morgen sind sich die beiden am Bahnsteig begegnet und am Abend mit derselben Bahn zurückgefahren. „Mir ist sein auswärtiges Kennzeichen aufgefallen. So oft kommt das am Langensteiner Bahnhof nicht vor“, berichtet Birgit Kruse. SU für Rhein-Sieg-Kreis in Nordrhein-Westfalen.

Gespräche

Birgit Kruse, bei der Deutschen Bahn im Betriebsrat Fachkraft für Arbeitssicherheit, kann normalerweise von zu Hause aus arbeiten. Doch drei Monate lang musste sie im Jahr 2005 täglich nach Berlin pendeln. Die Gespräche, die sich mit ihrem Mitfahrer ergaben, waren in dieser Zeit ein Lichtblick.

Frank Kruse begleitete sie bis beziehungsweise ab Magdeburg. Dort war der gebürtige Kölner, ein promovierter Ingenieur, an der Universität tätig. Auf einer der Fahrten lud er seine neue Bekannte ein. „Ich habe Gründonnerstag eine Party für Kollegen gegeben und gefragt, ob sie kommen will.“ Birgit Kruse ging hin – mit einem mulmigen Gefühl. „Ich hatte Vorurteile. Ein Wessi und auch noch mit Doktortitel. Ich hatte Angst, dass wir uns nicht auf Augenhöhe begegnen“, gesteht die 55-Jährige.

Wurzeln in Langenstein

Das kannte Frank Kruse, der vor der Stelle in Magdeburg zunächst einen Job in Wernigerode hatte, bereits. „Ich hatte hin und wieder mit Vorurteilen zu tun. Dabei bin ich gar kein richtiger Wessi.“ Sein Vater stammt aus Langenstein, seine Mutter aus Derenburg, dort ist auch seine Schwester geboren worden. „Nach dem Krieg hat mein Vater oft in Köln gearbeitet.“ Da er gesehen habe, wie unterschiedlich die Entwicklungen in den Besatzungszonen voranschritten, sei die Familie nach Köln gezogen. Wenige Jahre später kam Kruse dort zur Welt.

Die Heimat seiner Eltern spielte immer eine große Rolle in seinem Leben. „Das erste Mal bin ich 1963 in der DDR gewesen, da war ich nicht einmal sechs Jahre alt“, berichtet der 62-Jährige. Mindestens zweimal jährlich habe die Familie Derenburg und Langenstein besucht. „Wir sind immer über Marienborn eingereist. Mein Vater war jedes Mal nervös.“

Grenz-Erfahrungen

Die Familie sei oft gefilzt worden. „Manche Grenzer waren nicht gerade freundlich, obwohl wir mit Sicherheit mit einigen verwandt waren“, so Kruse, der in seiner Jugend auch der Liebe wegen gerne in die Heimat der Eltern kam. „Ich hatte eine Freundin in Silstedt“, verrät er. Die Beziehung hatte keine Chance. „Ihr Vater war Brocken-Polizist und hat ihr nahe gelegt, sich von mir zu trennen.“

Dank der Besuche bei den Verwandten seiner Eltern kennt Frank Kruse Langenstein sogar länger als seine Frau. Sie stammt aus Neubrandenburg, hat in Magdeburg gelebt und ist erst 1989 in das Dorf nahe Halberstadt gezogen.

Begrüßungsgeld

Der 9. November dieses Jahres sei ihr gut im Gedächtnis geblieben, bei der Erinnerung daran schießen ihr bis heute Tränen in die Augen. „Ich war hochschwanger. Im Fernsehen habe ich den Mauerfall in Berlin verfolgt, aber nicht begreifen können.“ Als dann am 11. November die Grenzöffnung bei Stapelburg verkündet wurde, seien sie und ihr erster Mann in den Trabbi gestiegen und hingefahren. Sie sei überwältigt von allem gewesen – so sehr, dass sie ihr Begrüßungsgeld nicht einmal angerührt habe. „Ich wollte es nicht für irgendwas verplempern.“ Erst später habe sie ein Mobilé für ihr erstes Kind davon gekauft.

Nachdem die Mauer gefallen war, zog es Frank Kruses Familie noch häufiger in die alte Heimat. Seine Eltern kauften 1994 einen Bungalow in Langenstein. Als sich für ihn 2003 die Möglichkeit ergab, in Wernigerode zu arbeiten, zog Frank Kruse in das Häuschen und 2007 dann zu Birgit Kruse. Ihre beiden Kinder hätten den neuen Mann an ihrer Seite – geheiratet wurde 2009 – schnell akzeptiert, berichtet die Langensteinerin.

Die kleinen Unterschiede

Sind Ostfrauen anders als Westfrauen? Frank Kruse überlegt. „Das kann man schlecht pauschalisieren“, sagt er. „Aber meiner Erfahrung nach packen Frauen aus dem Osten mehr mit an und sie sind vielleicht selbstbestimmter.“ Dass die Eheleute in verschiedenen Ländern aufgewachsen sind, spiele in ihrer Beziehung jedoch kaum eine Rolle. Es gebe Unterschiede –Erinnerungen an Filme und Musik, was im Geografie-Unterricht behandelt wurde. „Aber das sind nur Nuancen. Soljanka statt Chili Con Carne“, erläutert Frank Kruse. Und die Uhrzeit geben sie tatsächlich unterschiedlich an – er sagt viertel vor, sie drei viertel acht. Und noch mehr: „Ich sage zum Beispiel, es ist zehn nach halb, er sagt 20 vor“, berichtet Birgit Kruse lachend.

Dass sie da noch keinen gemeinsamen Nenner gefunden haben, liegt vielleicht daran, dass sie sich nur an den Wochenenden sehen. Seit zwölf Jahren pendelt Frank Kruse unter der Woche für den Job nach Kirchheim. Aber nicht mehr lange – der Ruhestand naht. Spätestens dann kann er sich mit den Gepflogenheiten in seiner neuen alten Heimat Langenstein vollends vertraut machen.

Sie sind auch auf verschiedenen Seiten der Mauer aufgewachsen und mittlerweile ein Paar? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte. Wir freuen uns auf eine E-Mail an redaktion.wernigerode@volksstimme.de, Kennwort: Wende-Paare. Telefonisch erreichen Sie uns unter (03943) 92 14 26.