Hochwasser

So helfen Harzer Feuerwehren im Katastrophengebiet an der Ahr

Nach ihrem Eintreffen im Flutgebiet packen die Harzer Feuerwehrleute an. Sie haben den Auftrag, in drei Orten aufzuräumen und gehen an ihre Grenzen.

Von Dennis Lotzmann 20.07.2021, 19:12 • Aktualisiert: 20.07.2021, 19:46
Katastrophale Bilder – hier aus Altenahr, die seit Tagen die Berichterstattung aus dem Flutgebiet dominieren und keineswegs neu sind – vor Ort erlebt, seien der Schock und die Bestürzung um ein Viefaches größer, berichtet der Harzer Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse. Auch, weil über allem ein schrecklicher Gestank liege.
Katastrophale Bilder – hier aus Altenahr, die seit Tagen die Berichterstattung aus dem Flutgebiet dominieren und keineswegs neu sind – vor Ort erlebt, seien der Schock und die Bestürzung um ein Viefaches größer, berichtet der Harzer Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse. Auch, weil über allem ein schrecklicher Gestank liege. Foto: Kai-Uwe Lohse

Harzkreis/Heimersheim - „Selbst mir fehlen die Worte. Ich musste das erst mal zehn Minuten sacken lassen – so was habe ich noch nicht gesehen.“ Kai-Uwe Lohse, seit über vier Jahrzehnten bei der Feuerwehr aktiv und heute Chef des Landesfeuerwehrverbandes sowie Harzer Kreisbrandmeister in Personalunion, ist sprachlos angesichts der Bilder, mit denen er und seine Kameraden am Montagabend nach der Ankunft im rheinland-pfälzischen Altenahr konfrontiert worden sind. „Es ist eine Katastrophe – wir haben auf der Anfahrt noch spekuliert, womit wir es hier wohl zu tun haben werden. Die Realität übertrifft unsere schlimmsten Vorstellungen“, so der 58-Jährige.

„Die Flut hat unter anderem drei Zeltplätze komplett weggespült – in einem Fall hat es die Wohnwagen und Zelte aufgetürmt und als riesigen Haufen gegen eine Eisenbahnbrücke gedrückt. Ich möchte mir nicht vorstellen, was da alles noch geborgen werden muss.“ Allein der Gestank, der über der braunen Brühe der Ahr und den Schlammmassen liege, lasse ahnen, worum es geht. „Es ist eine Mischung aus diversen Betriebsstoffen wie Öl und Benzin sowie Verrottung und Verwesung.“ Ja, auch Verwesung – Tiere, aber auch Menschen. Niemand wisse, wie viele Opfer in zerstörten Autos und gefluteten Häusern noch entdeckt werden. Hunderte werden im Katastrophengebiet aktuell noch vermisst.

Hinzu, so Lohse, kämen die Bilder, die das Ausmaß plastisch vor Augen führten. „Flutmarken in sechs, acht Metern Höhe zeigen, dass teilweise zwei Wohngeschosse komplett unter Wasser waren.“ Zudem sei die Wucht der Wassermassen unverkennbar.

Ein Friedhof, auf dem nicht nur viele Grabsteine gekippt sind, sondern auch zig Bäume entwurzelt wurden. Stichwort Bäume: Häuser, in denen ganze Wände fehlen, dafür aber mittenmang Bäume in den Zimmern stecken, verdeutlichen die Kraft der Fluten.

Die Realität übertrifft unsere schlimmsten Vorstellungen.

Kai-Uwe Lohse, Kreisbrandmeister im Harz

„Das muss alles extrem schnell und extrem massiv gewesen sein“, berichtet Lohse gegenüber der Volksstimme. Er selbst habe seit den 1990er Jahren viele Hochwasser persönlich erlebt – „die Wassermassen kamen dabei aber immer schrittweise, so dass die Pegel mehr oder weniger schnell stiegen. Hier muss das alles extrem schnell passiert sein.“ Wobei dieser Vergleich zumindest mit Blick auf das jüngste Hochwasser im Harz relativiert werden muss.

2017 schwoll der Pegel von Holtemme und Zillierbach, wie von Lohse beschrieben, massiv an und es gab ein Todesopfer. Parallel gingen extreme Niederschläge über dem Trecktal runter und ließen völlig unerwartet eine Flutwelle des Goldbachs durch Langenstein, Halberstadt und Harsleben rollen. Eine Abfolge, die sich nun in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen massiv verstärkt wiederholt habe, wie auch Kai-Uwe Lohse berichtet.

Der Auftrag lautet Aufräumen, Keller leerpumpen, Gebäude aufräumen und im schlimmsten Fall auch Opfer bergen.

Kai-Uwe Lohse, Kreisbrandmeister im Harz

Die knapp 100 Feuerwehrleute des Fachdienstes West unter der Leitung von Mario Kulp sind nach ihrem Eintreffen und dem Verdauen des ersten Schocks am Dienstag in den Einsatz gestartet. „Wir haben von der zentralen Einsatzleitung vor Ort die Gemeinden Heimersheim, Heppingen und Lohrsdorf zugewiesen bekommen. Der Auftrag lautet Aufräumen, Keller leerpumpen, Gebäude aufräumen und im schlimmsten Fall auch Opfer bergen“, skizziert Lohse. Unterstützt würden sie dabei von THW-Helfern und deren spezieller Technik sowie örtlichen Wehrkameraden.

„Wir sind die ersten Externen, die dort vor Ort helfen“, berichtet der 58-Jährige. Wobei die Bilder extrem krass seien. Riesig aufgetürmte Berge aus Bäumen, Möbeln und privaten Utensilien – und einige Meter weiter Einheimische, die versuchen, sich notdürftig zu versorgen und etwas Normalität zurück zu erlangen. „Und dann plötzlich findest du irgendwo im Schlamm private Unterlagen. Das ist absolut krass.“

Untergebracht seien die Harzer auf dem zentralen Bereitstellungspunkt, der auf dem Nürburgring eingerichtet worden ist. Das dortige Fahrerlager sei in eine Zeltstadt für die aus ganz Deutschland herbei geeilten Unterstützer verwandelt worden. Dafür zeichneten örtliche THW-Helfer verantwortlich – „und das haben sie gut gemacht, bis hin zu guten sanitären Bedingungen für uns“. Um die kulinarische Versorgung kümmern sich die Harzer selbst. „Die Zutaten bekommen wir gestellt, den Rest übernimmt unsere Logistik-Komponente – unser Gourmet-Zug“, so Lohse.

Wie lange die Wehrleute vor Ort helfen, sei noch nicht entschieden – wahrscheinlich bis Mittwochabend. Gut möglich, dass dann frische Einsatzkräfte des Fachdienstes Ost als Ablösung starten. Und möglich auch, dass West später noch einmal ausrückt. „Das ist noch richtig viel Arbeit – jetzt und später für die Wirtschaft.“

Als die Harzer Feuerwehrleute am Montagabend, 19. Juli, in Altenahr (Rheinland-Pfalz) eintrafen, wurden sie mit schockierenden Bildern konfrontiert.
Als die Harzer Feuerwehrleute am Montagabend, 19. Juli, in Altenahr (Rheinland-Pfalz) eintrafen, wurden sie mit schockierenden Bildern konfrontiert.
Foto: Kai-Uwe Lohse
Im Fahrerlager auf dem Nürburgring sind die Harzer Feuerwehrleute mit allen im Katatstrophengebiet in Rheinladn-Pfalz eingesetzten Helfer untergebracht.
Im Fahrerlager auf dem Nürburgring sind die Harzer Feuerwehrleute mit allen im Katatstrophengebiet in Rheinladn-Pfalz eingesetzten Helfer untergebracht.
Foto: Kai-Uwe Lohse
Die kulinarische Versorgung der Harzer Feuerwehrhleute im Flutgebiet in Rheinland-Pfalz übernimmt die  Logistik-Komponente, besser bekannt als „Gourmet-Zug Harz“.
Die kulinarische Versorgung der Harzer Feuerwehrhleute im Flutgebiet in Rheinland-Pfalz übernimmt die Logistik-Komponente, besser bekannt als „Gourmet-Zug Harz“.
Foto: Kai-Uwe Lohse
Impressionen nach der Flutkatastrophe im Juli 2021 in Altenahr: Der Friedhof der 10.000-Einwohner-Gemeinde wurde komplett überspült.
Kai-Uwe Lohse
Impressionen nach der Flutkatastrophe im Juli 2021 in Altenahr: Der Friedhof der 10.000-Einwohner-Gemeinde wurde komplett überspült. Kai-Uwe Lohse
Foto: Kai-Uwe Lohse
Die Wand eines Hauses in Altenahr (Rheinland-Pfalz) fehlt nach dem Hochwasser komplett. Das Mobiliar ist weg und ein Baum steckt in der Tür.
Die Wand eines Hauses in Altenahr (Rheinland-Pfalz) fehlt nach dem Hochwasser komplett. Das Mobiliar ist weg und ein Baum steckt in der Tür.
Foto: Kai-Uwe Lohse