Wernigerode l Ost-West-Beziehungen sind in dieser Familie keine Seltenheit. Im Gegenteil, sie setzen sich bereits in der dritten Generation fort: Veronika Schwede-Wasiek hat einen „Wessi“ geheiratet, ihre Mutter ebenfalls, der Onkel ist lange vor dem Mauerfall abgehauen und in Paderborn gelandet, ihr Sohn zog unlängst zu seiner Freundin, die in Salzgitter (Niedersachsen) lebt.

Heute eine gute halbe Stunde von Wernigerode entfernt, war der Ort bis zum Mauerfall beinahe unerreichbar für Veronika Schwede-Wasiek. „Ich habe mich schon eingesperrt gefühlt“, sagt die heute 59-Jährige. „Ich wäre gern mehr gereist, wollte die Bundesrepublik sehen. Die war ja nur einen Katzensprung weit weg.“

Seltene Gelegenheiten

Nur selten habe sie die Möglichkeit gehabt, über die Grenze zu kommen, vielleicht mal zu einem runden Geburtstag des Onkels. „Und 1989 durfte ich meine Mutter in Kassel besuchen. Sie hat auf einer Beerdigung einen Mann aus dem Westen kennengelernt und ist nach der Hochzeit zu ihm gezogen“, berichtet die Wernigeröderin. „Wir dachten, es würde ewig dauern, bis wir uns wiedersehen.“

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Doch mit dem Mauerfall änderte sich alles. Am 13. November 1989, so erinnert sich Veronika Schwede-Wasiek, ging sie das erste Mal mit ihren beiden Kindern – heute 35 und 39 Jahre alt – über die Grenze am Eckertal. Keine gute Erfahrung, wie die Angestellte einer Krankenversicherung rückblickend berichtet. „Es war nachts, überfüllt und chaotisch. Familien wurden unterwegs auseinander gerissen.“ Der Kulturschock war jedoch nicht nur negativ. „Alles war sauberer und irgendwie grüner.“

Besuch in Hannover

Der nächtliche Ausflug nach Niedersachsen sollte nicht der letzte bleiben. 1990 besuchten die damals frisch Geschiedene und ihre Kinder mit einer Freundin Hannover. Dorthin war die Schwester der Freundin noch vor dem Mauerfall geflohen. In der Großstadt freundete sie sich mit einem Nachbarn an – und verkuppelte diesen kurzerhand mit Veronika Schwede-Wasiek. „Sie hat ihm meine Adresse gegeben, aber monatelang habe ich nichts von ihm gehört.“

Als sie schon fast nicht mehr daran glaubte, kam doch noch ein Brief. Einer, der überzeugte. „Tolle Handschrift, schöne Formulierungen“, schwärmt sie. Zu ihrem Geburtstag schickte Michael Warsiek ihr dann ein Buch mit dem vielsagendem Titel „Beim zweiten Mal wird alles anders“.

Erstes Treffen

1991 folgte das erste Treffen. „Seine Familie hat mich mit offenen Armen empfangen“, berichtet Veronika Schwede-Wasieck. Andersherum habe er es schwieriger gehabt. „Er ist anders als Ost-Männer. Er ist jemand, der offen seine Meinung sagt und mehr Büro-Mensch als Handwerker.“ Das habe nicht allen gefallen.

Doch davon ließ sich das Paar nicht beirren. „Ost oder West spielte in unserer Beziehung nie eine Rolle“, sagt Michael Wasiek. „Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, aber das ist ja normal und hat nichts mit der Herkunft zu tun.“

Fernbeziehung

Nach drei Jahren Fernbeziehung ist die Patchwork-Familie zusammengezogen. „Wernigerode ist schön und mittlerweile meine Heimat, aber an Hannover hänge ich auch“, so Wasiek.

Gelegenheiten, seine neue „Region und den Menschenschlag“ kennenzulernen, hatte er in seinem Job als Außendienstler. „Einen Kulturschock hatte ich nicht, vielmehr Interesse“, berichtet er. Eines ist ihm aus der Zeit stark im Gedächtnis geblieben: „Viele Orte waren damals grau in grau.“ Dennoch habe er sich schnell wohl gefühlt und Kontakte geknüpft. „Viele Kunden hielten mich für einen Ossi und wollten mit mir über Wessis lästern“, berichtet er lachend.

Interesse

Was daran liegen könnte, dass sich Michael Wasiek schon vor dem Mauerfall sehr für die DDR interessierte. „Es war eine spannende Zeit und ich war politisch schon immer sehr interessiert“, erläutert er. Sogar die Musik aus der „Zone“ hörte er damals. „Er kannte die Lieder und die Geschichten dahinter besser als ich“, gesteht seine Frau. Das ist sie übrigens erst seit 2009. „Meine Tante hat Druck gemacht, dass wir endlich heiraten“, gesteht Michael Wasiek augenzwinkernd.

Obwohl das Paar bereits 1996 gemeinsam ein Haus gebaut hat, haben sie aus berufliche Gründen seit zwölf Jahren wieder eine Fernbeziehung – zumindest für vier Tage in der Woche. „Von Montag bis Donnerstag arbeite ich als Sachbearbeiter bei einer Versicherung in Hannover“, sagt der 64-Jährige. Aber in absehbarer Zeit gehe er in den Ruhestand – und dann wolle er vollends in Wernigerode ankommen.