Halberstadt l Im Halberstädter Bahnhof herrscht dichtes Gedränge. Menschen jeden Alters schauen sich um, plaudern miteinander, informieren sich. Trotz des Ortes, an dem sie sich befinden, interessiert sich kaum jemand für die Abfahrtszeiten der Züge. Die meisten von ihnen wollen nicht weg, sondern hierbleiben, dauerhaft, sich im Harz ein Leben aufbauen. Sie sind Besucher des zweiten Rückkehrertages des Landkreises.

Familie wichtiger Grund

Unter den 1.500 Besuchern, die die Organisatoren bis zum Ende der Veranstaltung zählen, ist Alexander Klisch. Er ist ein Rückkehrer. In Jena geboren, ist der 32-Jährige in Wernigerode aufgewachsen. Nach dem Abitur hat er in Jena und Weimar studiert, erste Berufserfahrungen gesammelt. 2016 zog es ihn zurück in den Harz. Die Familie sei ein wichtiger Grund für seine Rückkehr gewesen, berichtet der Wahl-Quedlinburger. „Hier hat man kurze Wege, eine hohe Lebensqualität, ein sehr gutes Freizeitangebot und man findet tollen Wohnraum zu bezahlbaren Preisen. In einer Großstadt wäre das aussichtslos“, zählt er weitere Gründe auf. Zudem sei er im Harz auf ein gutes Job-angebot gestoßen. Er arbeitet nun für das Umweltamt des Landkreises.

Klingt nach einer erfolgreichen, abgeschlossenen Rückkehrergeschichte – warum besucht er trotzdem die Veranstaltung? „Wir suchen einen Job für meine Frau“, berichtet Alexander Klisch. Sobald die gemeinsame Tochter Viktoria, fast vier Monate alt, eine Kindertagsstätte besuchen kann, möchte Lusine Klisch wieder im Bereich Pädagogik arbeiten. Das Fach sowie Linguistik hat die 28-Jährige studiert, anschließend als Lehrerin gearbeitet.

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In Armenien, ihrer Heimat. „Mein Mann hat armenische Wurzeln. Wir haben uns über gemeinsame Freunde unserer Familien kennengelernt und vor einem Jahr bin ich für ihn nach Deutschland gekommen“, berichtet sie. Es gefalle ihr gut im Harz. „Die Menschen sind sehr höflich, alles ist sehr sauber. Und hier sehe ich eine gute Zukunft für unsere Familie.“

Aussteller zu Jobs, Freizeit, Ehrenamt und Wo

Darüber, was die Region zu bieten hat, kann sich die junge Familie an 59 Ständen informieren. So stellen sich die Gemeinden, Städte und der Landkreis selbst vor. Es gibt Auskünfte zu Freizeitangeboten für die ganze Familie, zu Standorten von Schulen und Kindertagesstätten. Die Besucher können sich über Immobilienangebote in der Region erkundigen. Und auch diejenigen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, werden fündig.

Vorrangig sind es aber Arbeitgeber, die den Tag nutzen, um für Fachkräfte zu werben. Gesucht wird in allen Branchen: Automobilzulieferer, Medizintechnik, Harzer Verkehrsbetriebe, Getränkehersteller, Hotels und Gesundheits- sowie Pflegeeinrichtungen präsentieren sich.

Ein Stand, 85 Unternehmen

Am Stand der Roland-Initiative Halberstadt gibt es Auskunft zu gleich 85 Unternehmen unterschiedlicher Größe und aus unterschiedlichen Bereichen. „Wir vertreten heute unsere Mitglieder. Nicht jeder von ihnen kann hier sein. Aber wir können sie repräsentieren und Kontakte vermitteln“, erläutert Sebastian Albrecht. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Kamedtech Medizintechnik GmbH und gleichzeitig Mitglied im Präsidium der Roland-Initiative. Diese versteht sich als Plattform für die Wirtschaft in der Region in und um Halberstadt und wurde 1995 gegründet.

Noch weitreichender sind die Kontakte der Agentur für Arbeit. Auch ihr Stand im Halberstädter Kulturbahnhof ist gut besucht, wie Agenturmitarbeiter Daniel König berichtet. Die Besucher lassen sich in hauptsächlich drei Gruppen einteilen, sagt er. „Rund ein Drittel sind die, die in den Harz zurückwollen. Fast ein Drittel sind Pendler, die einen Arbeitsplatz ohne lange Fahrwege suchen und ein Drittel sind Leute, die vor Ort sind, sich aber beruflich verändern wollen.“ Zudem gebe es Interessenten, die bislang nichts mit dem Harz zu tun hatten, denen es hier aber gefällt und die hier neu anfangen wollen. Von Helfern bis hin zu Menschen mit akademischen Abschlüssen sei alles vertreten. Die jüngsten Fragesteller des Tages seinen 18, die ältesten über 60 Jahre alt.

Wunsch: Schluss mit der Pendelei zur Arbeit

Damit sich die Erwachsenen in Ruhe umsehen und erste Gespräche führen können, gibt es beim zweiten Rückkehrertag eine Kinderbetreuung. Ein Angebot, dass Verena Schink gern in Anspruch nimmt. Die 33-Jährige ist mit ihrem Mann und den drei Kindern im Sommer in den Harz zurückgekehrt. „Ursprünglich komme ich aus Blankenburg. In Marburg habe ich Erziehungswissenschaften studiert und bin für den Jobeinstieg nach Magdeburg gegangen“, berichtet sie. Wie ihr Mann ist auch die Wahl-Wernigeröderin noch in der Landeshauptstadt tätig, pendelt jeden Tag. „Wir wollten gern zurück zur Familie, jetzt suchen wir Jobs in der Nähe“, sagt sie.

Dafür, dass sie passende Angebote beim Rückkehrertag finden, stehen die Karten nicht schlecht. Nach der Premiere im vergangenen Jahr sind rund 60 Bewerbungen bei den 41 teilnehmenden Unternehmen eingegangen, informiert der Landkreis. Daraufhin fanden 24 Vorstellungsgespräche statt und vier Personen wurden eingestellt.

Großes Interesse

Bisher. Denn wie die Daniel König von der Agentur für Arbeit erläutert, sind Heimkehren und Jobwechsel oft mittel- bis langfristige Prozesse. Das wissen auch die Organisatoren des Rückkehrertages. Deshalb sollen Ende 2019/ Anfang 2020 noch einmal konkrete Zahlen zu der Premiere von 2018 erhoben werden. Diese haben rund 1.000 Besucher wahrgenommen.

Wie groß die Erfolge des zweiten Rückkehrertages am gestrigen Freitag in Halberstadt sind, kann also kurzfristig nicht ermittelt werden. Aber: „Die Resonanz ist bisher sehr gut. Die Aussteller, die schon mit uns gesprochen haben, sind zufrieden“, sagt Landkreissprecherin Franziska Banse.