Wedringen l „So etwas haben wir überhaupt nicht erwartet“, erklärt Projektleiterin Dr. Susanne Friederich. Sie arbeitet beim Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Seit letztem Jahr nehmen Experten rund um Wedringen Untersuchungen vor. Hintergrund ist der Bau der Ortsumgehung B71n.

„Wir sind davon ausgegangen, dass in der späten Bronzezeit hier gesiedelt wurde“, führt Susanne Friederich aus. Entsprechende Funde wurden auch gemacht. Doch darüber hinaus entdeckten die Archäologen etwas viel Älteres: Eine Siedlung aus der Jungsteinzeit. Sie reicht möglicherweise bis ins Jahr 5200 vor Christus zurück. Ihre Überreste erstrecken sich über zehn Hektar.

Siedlung dürfte es nicht geben

„Nach unserer Lehrmeinung dürfte es diese Siedlung nicht geben. Wir revidieren gerade den Forschungsstand“, betont Susanne Friederich. Das Besondere: Die Siedlung ist nicht nur sehr groß und eng gebaut, sondern sie gehört zur sogenannten linienbandkeramischen Kultur. Zu ihr zählten auch die ersten Ackerbauern, die aus dem vorderen Orient nach Europa einwanderten. Das war vor etwa 7500 Jahren.

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Den Auslöser bildete laut Susanne Friederich eine Bevölkerungsexplosion, die Getreideanbau und Viehzucht ausgelöst hatten. Das führte zur Auswanderung vieler Menschen. Generationen später muss die Siedlung bei Wedringen entstanden sein. Wie Grabungsleiterin Judith Blödorn erklärt, hat der Steinzeit-Ort vermutlich mehrere Jahrhunderte lang bestanden.

Ungewöhnlich ist vor allem seine nördliche Lage. Die linienbandkeramische Kultur verbreitete sich über weite Teile Europas. In Mitteldeutschland hätten sich die Menschen dieser Kultur in das Mittelelbe-Saale-Gebiet „regelrecht verliebt“, so Susanne Friederich. Doch die jetzt entdeckte Siedlung markiert den nördlichen Rand des Siedlungsgebietes.

Fund ist eine Überraschung für die

Hier geht der fruchtbare Boden, den die Ackerbauern brauchten, allmählich in Sandboden über wie er sich beispielsweise in der Colbitz-Letzlinger Heide findet. Auf diese Weise entstand eine Kulturgrenze. Im Süden lebten die Menschen sesshaft. „Die ursprüngliche Bevölkerung der Region, die Jäger-Sammler-Gruppen des Mesolithikums, wichen nach Norden in die Regionen aus, in denen kieshaltige beziehungsweise sandige Böden vorherrschten“, führt Dr. Tomoko Emmerling vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie aus. „Dort pflegten sie zunächst weiterhin ihre mesolithische Lebensweise. Selbstverständlich bestanden schnell Kontakte zu den neuen Siedlern, und so ist der ursprünglich mesolithischen Bevölkerung im Laufe der Jahrhunderte eine zunehmend semi-bäuerliche Lebensweise zu attestieren.“ Ob dieser Kontakt der Kulturen friedlich ablief, gehört laut Judith Blödorn zu den vielen offenen Fragen, die mit der Siedlung zusammenhängen. „Aber auch in dieser Hinsicht sind solche Fundstellen Gold wert“, so die Grabungsleiterin.

Ihren Namen trägt die linienbandkeramische Kultur übrigens wegen der Verzierungen, welche die Menschen in Gefäße ritzten.

Wer im Zusammenhang mit dem Steinzeit-Ort an armselige Hütten denkt, liegt falsch. Die Grundrisse der gefundenen Häuser messen etwa 8 mal 30 Meter. Darüber hinaus haben die Archäologen verschiedene Brunnen, Gruben und die Überreste von Zäunen entdeckt. „Es war eine stattliche Siedlung“, bekräftigt Susanne Friederich. „Ich bin schon einige Jahre Archäologin, aber das hier ist für mich etwas Besonderes“, betont auch Judith Blödorn.

Sehr gut erhaltenes Steinbeil

Darüber hinaus stießen die Forscher unter anderem auf Scherben, Werkzeuge aus Feuerstein und ein scheinbar nie benutztes Steinbeil - zumindest weist es keinerlei Beschädigungen auf. „Es ist eines der schönsten Beile, die wir in Sachsen-Anhalt gefunden haben“, unterstreicht Susanne Friederich. Üblicherweise finde man von solchen Werkzeugen nur die abgenutzten Reste.

Warum die Menschen jener Kultur so weit nach Norden gingen, ist unklar. „Waren die Böden im fruchtbaren Mittelelbe-Saale-Gebiet mittlerweile bereits ausgelaugt, oder durch weitere Bevölkerungszuströme der Druck zu groß geworden? Führten interne Streitigkeiten zu einem Ausweichen oder wurde die Nähe zu den noch mehr oder weniger in Tradition der mesolithischen Gesellschaft lebenden Bevölkerungsgruppen gesucht? Die Untersuchungen werden diese und andere Fragen beleuchten“, erklärt Tomoko Emmerling.

In jedem Fall zeigt sich Judith Blödorn zuversichtlich, dass die Grabungen noch viele weitere Funde ans Tageslicht bringen werden. Derzeit umfasst das Team der Archäologen etwa 50 Mitarbeiter. Die Untersuchungen sollen bis ins erste Halbjahr 2019 andauern.