Haldensleben l Plötzlich war das Coronavirus da – und damit eine riesige Herausforderung für die Gesundheitsämter in Deutschland. Der Landkreis Börde war in Sachsen-Anhalt zu Beginn der Corona-Krise einer der am stärksten betroffenen Regionen. Das bedeutete viel Arbeit für Eugenie Kontzog und ihre Mitarbeiter. Die 62-Jährige aus Flechtingen leitet das Amt seit neun Jahren.

Volksstimme: Frau Kontzog, wie lang war Ihr längster Arbeitstag in den vergangenen Wochen?
Eugenie Kontzog:
Bis zu zwölf Stunden. Nicht am Stück, aber es ist eigentlich normal, abends noch einmal in die E-Mails zu schauen.

Hat der Stress zuletzt ein wenig abgenommen?
Wir haben jetzt eine relativ ruhige Zeit, was die Entwicklung der Fallzahlen betrifft. Anfänglich hatte ich eine Urlaubssperre verhängt, die ist nun ein wenig gelockert. Trotzdem geht es auf und ab. Das hängt auch vom politischen Umfeld ab, von den Verordnungen und Vorgaben des Landes. Wir machen ja nicht nur die Fallermittlungen, sondern sind auch für Fragen der Bürger da. Wir müssen ihnen auch die Eindämmungsverordnung erklären.

Haben Sie dafür mehr Mitarbeiter bekommen?
Wir hatten schon mal bis zu zehn zusätzliche Helfer an einem Tag, heute sind es etwa fünf. Insgesamt haben 22 Personen in den vergangenen Wochen ausgeholfen. Darunter Auszubildende, Studenten und Verwaltungsangestellte aus anderen Ämtern und der Volkshochschule, die uns etwa bei den Quarantäneschreiben unterstützen. Und wir haben jetzt einen Helfer über das Robert-Koch-Institut bekommen. Dazu kommen die 35 Mitarbeiter des Gesundheitsamtes. Im Moment sind sie alle mit Corona beschäftigt. Die Kontaktverfolgung der Corona-Infizierten ist die Hauptaufgabe.

Bund und Länder haben angekündigt, das Personal der Gesundheitsämter aufstocken zu wollen, angestrebt sind fünf Mitarbeiter pro 20.000 Einwohner. Für den Landkreis Börde wären das mehr als 40 Mitarbeiter. Werden Sie diese Zahl erreichen?
Das kann ich mir nicht vorstellen, dass wir diese Mitarbeiterzahl erreichen. Und mit den derzeitigen Fallzahlen würden wir die auch nicht brauchen.

Wie viele Quarantäne-Bescheide hat ihr Amt bisher verschickt?
Bis zum 29. April waren es 544 Quarantänebescheide.

Wir haben in der Volksstimme über mehrere Fälle berichtet, bei denen sich Menschen unzureichend über ihre Quarantäne-Auflagen informiert gefühlt haben. Teilweise kamen die schriftlichen Anordnungen erst nach Ablauf der Quarantänezeit. Was sagen Sie diesen Menschen?
Ich würde mir wünschen, dass sie uns direkt anrufen. Das machen auch viele. Dann kann man manche Dinge ausräumen. Warum zum Beispiel die mündliche Anordnung abweicht von der schriftlichen. Oder warum es so lange gedauert hat. Dafür kann es Gründe geben. Generell ist es so, dass wir jeden, der unter Quaratäne steht, jeden Tag anrufen. Um die Quarantäne zu kontrollieren, aber auch, weil wir wissen wollen, wie es ihnen geht. Und wir machen Kontrollen vor Ort.

Sind unterlaufene Fehler bei den Quarantäne-Anordnungen auch auf die neuen Helfer zurückzuführen?
Das hängt damit zusammen. Wir hatten zeitweise sehr viele Wechsel bei den Mitarbeitern. Außerdem mussten wir Quarantäneschreiben ständig an eine neue Rechtslage anpassen. Für verschiedene Gruppen gibt es zudem verschiedene Quarantäne-Anschreiben, etwa für Kinder oder für medizinisches Personal. Es ist schon eine komplizierte Geschichte. Und das alles mit wechselnden Mitarbeitern. Die Fehler tun mir auch leid. Wir haben das abgestellt, soweit es möglich ist. Wir arbeiten für die Bürger, auch wenn nicht alle immer mit uns zufrieden sind. Wir tun das seit dem 16. März an sieben Tagen in der Woche.

Sind Sie grundsätzlich zufrieden mit dem Verhalten der Menschen in Quarantäne?
Ja. Wir stellen ganz selten einen Verstoß fest. Wir erreichen alle am Telefon und so gut wie alle bei unseren Kontrollen. Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass Quarantäne wirklich gebrochen wird.

Der Landkreis Börde war zu Beginn der Corona-Pandemie einer der am stärksten betroffenen Regionen in Sachsen-Anhalt. Mittlerweile gibt es in mehreren anderen Landkreisen höhere Zahlen. Haben wir hier die schwierigste Phase hinter uns?
Das kann keiner sagen.

Wir haben allerdings in der Börde verglichen mit anderen Landkreisen in Sachsen-Anhalt viele Corona-Tote. Wie erklären Sie sich das?
Die Krankheit ist nun bei den besonders empfindlichen Gruppen angekommen, die sich leicht infizieren und schwer erkranken. Alle unsere Todesfälle sind älter als 80 Jahre, vier sind über 90 Jahre alt. In unserer Fallanalyse spiegelt sich auch ein Stück weit die Überalterung des Landkreises wieder. Wir haben ein höheres Durchschnittsalter der Infizierten. Bei uns liegt es bei 57 Jahren, das Robert-Koch-Institut gibt für Deutschland 50 Jahre an. Ansonsten spiegelt sich auch das Testverhalten wider. Es wird hier auch viel getestet.

Wie viele Pflegeheime sind im Landkreis betroffen?
Zwei Pflegeheime sind betroffen.

Können Sie uns sagen, welche es sind?
Nein, das möchte ich nicht sagen.

Können Sie sagen, wie viele Fälle es in diesen beiden Pflegeheimen gibt?
Wir haben insgesamt 35 positiv getestete Personen in diesen beiden Pflegeheimen. Das hat auch damit zu tun, dass wir dort auch Nicht-Erkrankte getestet haben. Dadurch kommen dann sprunghafte Erhöhungen der Fallzahlen zustande. Dabei haben wir vor allem das Personal im Fokus, weil wir davon ausgehen, dass das Personal das Virus einträgt während eines Besuchsverbots.

Wissen Sie, ob das Personal das Virus in diese beiden Pflegeheimen getragen hat?
Das können wir so nicht sagen, das ist aber die Vermutung aufgrund der Besuchereinschränkung.

In diesen beiden Heimen haben Sie alle Bewohner und das Personal getestet?
Ja.

Wie viele Corona-Tote gibt es in diesen beiden Pflegeheimen?
Von den neun Verstorbenen haben acht zuletzt in einer Pflegeeinrichtung gelebt.

Was können Sie tun, um die Ausbreitung in Pflegeheimen zu verhindern?
Wir beraten Pflegeheime, leiten Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts weiter. Wir haben auch eine Schulung für Helfer eines Pflegeheims gemacht. Wir verteilen Schutzausrüstung.

Gibt es einen Mangel an Schutzausrüstung in Pflegeheimen?
Nein.

Können Sie sagen, wie viele Menschen im Landkreis schon auf das Coronavirus getestet wurden?
Das ist sehr schwierig. Viele Tests laufen über Hausärzte und über das Krankenhaus. Diese Zahl kennen wir nicht. Wir bekommen nur die positiven Befunde. Weit mehr als 1000 Tests sind aber schon durch uns veranlasst worden.

Sind mehr Tests möglich?
Ja. Wir arbeiten mit dem Labor des Landesamtes für Verbraucherschutz zusammen. Die haben noch keine Tests abgelehnt. Und wir haben das Testzentrum in Haldensleben am Ameos-Klinikum, die dort entnommenen Abstriche werden ins Labor nach Bernburg geschickt. Auch dort ginge noch mehr, sowohl bei der Laborkapazätät als auch bei den Abstrichen. Wir sind da auch großzügig. Wir können Menschen mit Erkältungssymptomen zum Coronatest schicken.

Auch wenn die Personen nicht in einem Risikogebiet waren und nicht wissentlich Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatten?
Ja.