Wedringen l Drei Wochen ist es her, als dem Wedringer Klaus-Dieter Gruß an einem Samstagvormittag vor Schreck fast die Kaffeetasse aus der Hand fiel. Um 11 Uhr gab die Sirene ihren wöchentlichen Warnton ab – nur diesmal sehr viel näher und lauter als in all den Jahren zuvor. Für den Wedringer ist die neue Anlage, die nur 100 Meter von seinem Grundstück entfernt ist, eine Zumutung.

Dass es plötzlich bei Klaus-Dieter Gruß im Garten lauter ist, liegt an dem neuen Standort der Sirene. Vorher befand sie sich auf dem alten Feuerwehrhaus in der Dorfmitte, im Zuge des Feuerwehr-Neubaus ist sie nun etwa 400 Meter nach hinten in die Straße „Zum Kanal“ gerückt. Sein Grundstück ist etwa 100 Meter Luftlinie entfernt von der neuen Anlage.

„Viele Wedringer stört der neue Sirenenton“, sagt Klaus-Dieter Gruß. Die Anwohner seien bezüglich Lärm, Staub und Abgasen durch die Bundesstraße 71 schon erheblich vorbelastet. „Jetzt setzt die Stadt noch den i-Punkt drauf mit der Installation dieser Schallkanone“, beschwert sich der Wedringer. Er spricht von einem „harten, bohrenden Schmerz in den Ohren“, wenn die Sirene losplärrt.

Für den Katastrophenschutz

Mit einem Schreiben hat er sich an die Stadt gewendet, um auf die missliche Lage aufmerksam zu machen. Er habe jedoch das Gefühl, dass die Stadt sein Problem „kleinredet“. Die Stadt verweist auf Volksstimme-Anfrage darauf, dass das neue elektronische Notfallwarnsystem in erster Linie dem Katastrophenschutz dienen soll. Grundsätzlich solle mit den Sirenen laut Stadtsprecher Lutz Zimmermann bei einem Schadenereignis, bei dem eine unmittelbare Bedrohung der Gesundheit oder erheblicher Sachwerte bevorsteht, ein Weckeffekt bei der Bevölkerung erzielt werden.

Ein wichtiger Unterschied zu einer klassischen Feuerwehrsirene liegt bei diesem System auch in den maximalen Schallpegelgrenzen“, sagt Lutz Zimmermann.

So liege die Schallobergrenze des neuen Systems bei 120 Dezibel, die alte Sirene hatte 97 Dezibel. Zum Vergleich: Die neue Sirene ist etwa so laut wie eine Trillerpfeife im Spitzenpegel, die alte wie eine Kreissäge. Für Klaus-Dieter Gruß ist das zu laut. Er beschreibt, dass der Ton der alten Sirene dumpfer gewesen sei, der neue Ton hingegen schrill und „unerträglich“.

Windrichtung berücksichtigen

Der Wedringer moniert außerdem, dass die Sirenen allesamt in seine Richtung ausgerichtet sind. Auch das hat seinen Grund, wie die Stadt in dem Antwortschreiben an ihn erklärt, das der Volksstimme vorliegt. Das liege an der Windrichtung, die berücksichtigt werden musste. Deshalb wurden die Sirenenköpfe in nordwestliche Richtung ausgerichtet. So werde sichergestellt, dass die gesamte Ortschaft mit dem Signalton erreicht werde. Die neue Anlage dient laut Lutz Zimmermann nicht nur der direkten Alarmierung von Feuerwehreinsatzkräften, sondern auch zur Warnung der Bevölkerung per Live-Durchsagen.

Doch nicht nur die unmittelbaren Anwohner erschraken bei dem neuen Signalton, auch die Kita Sonneblume als direkter Nachbar der Feuerwehr hatte Schwierigkeiten beim ersten außerplanmäßigen Alarmsignal. Am Freitag, 23. Juli, ging die Sirene um 11 Uhr los. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich laut Kita-Leiterin Anja Ulrich Krippenkinder und jüngere Kita-Kinder auf der Freifläche direkt neben der Feuerwehr. „Die Reaktionen der Kleinen waren unterschiedlich. Einige Kinder haben geweint, andere geschrien, einige versteckten sich hinter der Erzieherinnen, wiederum andere zeigten sich fasziniert“, erzählt Anja Ulrich. Etwa ein Drittel der Kinder sei von den Sirenenton erschrocken gewesen.

Da die neue Sirene in Zukunft öfter ertönen könnte, wenn die Feuerwehrleute zu Einsätzen gerufen werden, will die Kita-Leiterin nun pädagogisch entgegenwirken. „Wir haben einen guten Bezug zu den Kameraden der Feuerwehr und wollen den Kindern beibringen, warum die Sirene heult und was dann passiert“, erklärt sie. So solle den Kleinen die Angst genommen werden.

Für Ortsbürgermeister André Wiklinski ist die Verwirrung der Wedringer verständlich: „Natürlich ist die Sirene für einige Anwohner jetzt lauter, da sie nicht mehr in der Mitte des Dorfes ist.“

Vorher informiert

Er ist unmittelbarer Nachbar des Feuerwehr-Neubaus, doch die Lautstärke liege seiner Meinung nach im „Maße des Erträglichen“. Der Ortsbürgermeister ist ebenfalls aktives Mitglied der Wedringer Feuerwehr. Er sagt, die Kameraden wurden im Vorfeld über die neue Sirenenanlage informiert. „Es hätte von der Stadt auch an die Bevölkerung kommuniziert werden müssen“, sagt Wiklinski.

Auf Nachfrage teilt die Stadt mit, dass in diesem Jahr insgesamt fünf neue Sirenen installiert wurden. Zwei davon erhielten einen neuen Standort – nämlich in Wedringen und in Uthmöden. Drei neue Sirenen sind am Parkplatz der Masche in Haldensleben, am Feuerwehrgerätehaus und der Grundschule „Erich Kästner“ errichtet worden (siehe Infokasten). Das gesamte Projekt werde in den kommenden drei Jahren realisiert. Insgesamt werden 180 000 Euro investiert.

Klaus-Dieter Gruß betont, dass er die Arbeit der Kameraden mit seiner Beschwerde nicht diffamieren möchte und sie auch für das Dorfleben wichtig seien. Doch er wisse aus eigener Erfahrung, dass die Sirene in Wedringen „keine Ausnahme“ ist, wie von der Stadt beschrieben. „Es ist einfach keine Lebensqualität mehr. Von der Straße her werde ich von der B 71 beschallt, im Garten nun von der Sirene“, sagt er.