Haldensleben l Der tiefe, röhrige Klang geht durch Wände. Schon bevor man die Tür zum Übungsraum in der Musikschule öffnet, bahnt sich das Fagott klanglich seinen Weg durch alle Geschosse. Die Musikschülerinnen Katja Gratzke und Janett Eichel leihen dem Instrument ihren Atem. Seit drei Monaten spielen sie im Duo – und denken nicht ans Aufhören.

Ihre Augen sind starr auf die Noten gerichtet, während die beiden immer wieder Luft holen, als würden sie gerade Sport treiben. „Man braucht einen langen Atem für dieses Instrument“, sagt Janett Eichel. Für Otto Normalverbraucher gleicht das Fagott einem Cockpit – an allen Seiten des Instruments gibt es Knöpfe. Die Finger der Musikerinnen bewegen sich schnell an dem länglichen Korpus auf und ab – und produzieren dadurch immer neue Töne.

Fast eine kindliche Freude

Ist ein Stück erfolgreich durchgespielt, sieht man bei den beiden Musikerinnen fast eine kindliche Freude. Dabei klingt das Fagott etwas melancholisch. Doch die beiden fasziniert das Instrument, das vor allem in der Orchestermusik eingesetzt wird. „Ich habe schon lange mit dem Fagott geliebäugelt und wollte es so gern mal ausprobieren“, erzählt Janett Eichel. Da traf es sich, dass auch Katja Gratzke sich genau dieses Instrument auserkoren hatte. „Mich haben die tiefen Töne des Fagotts gereizt“, erzählt sie. Anstatt das Ins­trument nur auszuprobieren, stiegen die beiden gemeinsam in den Unterricht ein.

Wenn die beiden bei Lehrerin Maren Duncker üben, wird vor allem viel gelacht. Die beiden ergänzen sich, das merkt man. „Wir waren beide sofort Feuer und Flamme und es macht so viel Spaß“, sagt Katja Gratzke. Einmal in der Woche kommen sie zusammen, um gemeinsam zu spielen. „Als wir die ersten vier Töne spielen konnten, haben wir gestrahlt“, berichten die beiden.

Dabei fordert das Fagott vor allem körperlich von seinen Spielerinnen einiges ab. „Nach einer Unterrichtsstunde fühlt man sich, als hätte man drei Stunden Sport gemacht“, sagt Janett Eichel. „Man schwitzt und hat gar keine Puste mehr.“ Der Mund verkrampft, die Schultern werden schwer – das Instrument ist nicht gerade ein Leichtgewicht.

Fagott statt Sport

Trotzdem spielen die beiden auch in ihren eigenen vier Wänden fast täglich weiter – beide kommen aus musikalischen Familien. Bisher habe sich noch keiner der Nachbarn beschwert, bestätigen beide und schmunzeln. „Mein großes Ziel ist es, in einem Orchester zu spielen“, sagt Janett Eichel. Sie spielt bereits seit über 20 Jahren Klavier. Ihre Duettpartnerin hingegen kämpft noch etwas mit den Noten, die sie für das Instrument gelernt hat. „Ich lege mich ins Zeug, damit ich Janett nicht aufhalte“, sagt sie und schmunzelt. „Völlig unbegründet“, antwortet ihre Duettpartnerin. In ihrem normalen Leben ist Katja Gratzke Arzthelferin, Janett Eichel hat als Musiklehrerin schon Erfahrungen in Sachen Noten.

Das Duo hatte sogar schon seinen ersten Auftritt. Beim Erwachsenentreffen der Musikschule, bei dem alle Spieler über 35 Jahre einmal im Jahr zusammenkommen, haben die beiden ihre Instrumente präsentiert und drei Stücke vorgespielt. „Die Musikschule hat unseren Traum möglich gemacht, denn wir haben Leihinstrumente erhalten“, berichtete Janett Eichel. Denn das stolze Instrument hat auch einen stolzen Preis. Musikschulleiter Armin Hartwig ist begeistert von den neuen Schützlingen. „Orchester suchen händeringend nach solchen tiefen Tönen wie beim Fagott, der Tuba oder dem Kontrabass“, weiß er.

Deswegen hegen und pflegen die Beiden ihre Leihgaben. Wenn die Musikstunde beendet ist, beginnt die Puzzlearbeit. Denn das Fagott wird in insgesamt vier Teile zerlegt und in einem Köfferchen verstaut. „Wir treffen uns auch zu Zweit zum Üben. Wir haben eine richtige Freundschaft entwickelt“, sagt Janett Eichel. Die Übungshefte in der Tasche, trennen sich die Wegen der beiden Fagottfans vor der Musikschule – die eine fährt gen Bebertal, die andere in Richtung Süplingen.