Rätzlingen l Peter Fäsche ist Bewohner eines Grundstückes an der Everinger Straße in Rätzlingen direkt am Windpark und zeigte am Dienstagabend vor Beginn der Sitzung des Ortschaftsrates auf eine Unterschriftensammlung, die er in der letzten Woche zusammengetragen hat: „Es sind 138 Unterschriften nur von Rätzlingern. Nur gemeinsam sind wir stark. Das heißt, dass auch die Bewohner der anderen betroffenen Orte mit uns gegen die Windräder kämpfen sollten. Wenn wir jetzt nicht wachsam sind, dann überrollen sie uns.“ Fäsche wies auf die Auswirkungen auf die Menschen und auf die Natur hin. „Die Menschen, die in der Nähe der Windräder wohnen, werden vom Lärm krank. Das sind manchmal 120 Dezibel. Windkraftanlagen schädigen auch durch Schattenwurf und Infraschall die Gesundheit. Unter Infraschall versteht man unhörbare Luftschwingungen. Bürger sind dem Infraschall hier permanent ausgesetzt. Infraschall kann zu Kopfschmerzen, Tinnitus und Beeinträchtigungen der Herzfrequenz führen“, schilderte Fäsche und sprach außerdem von unzähligen Fledermäusen, die an den Windradflügeln ums Leben kommen.

Grundstück an Wert verloren

Auch Frank Staecker wohnt direkt neben einem Windrad. Er erklärte: „Ich habe jetzt keine Chance mehr, auf meinem Grundstück noch ein Haus für einen meiner Söhne zu bauen. Durch die Nähe der Windräder werde ich keine Baugenehmigung mehr bekommen. Ihm sei bewusst, dass mit den Windrädern sein Grundstück an Wert verloren habe.“ Fäsche erklärte: „Wenn Herr Staecker an seinem Teich sitzt, dann schlägt ein Windrad über ihn Schatten.“ Der Abstand von seiner Grundstücksgrenze zum Windrad beträgt keine 1000 Meter. 350 Meter ist die Entfernung von der Grenze zu seinem Haus.

Rätzlingens Ortsbürgermeister Wilhelm Behrens (WG Sport) erklärte: „Wir – die betroffenen Ortschaftsräte – hatten heute vor der Sitzung eine nichtöffentliche Vorstellung des Projektes Windparkerweiterung Rätzlingen.“ Das neue Windparkgebiet mit sechs Windrädern könnte entlang der Landesstraße 20 von Rätzlingen in Richtung Everingen entstehen. Im Detail schilderte Behrens das Vorhaben und die Vorteile, die es für den Ort bringen könnte. „Die Firma UKA (Umweltgerechte Kraftanlagen) aus Meißen möchte recht zügig mit den Bauarbeiten beginnen. Die Windräder hätten eine Narbenhöhe von 137 Meter und eine Flügellänge von 63 Meter. So dass die Flügelspitzen 200 Meter erreichen“, erläuterte der Ortschef.

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Windkraftbetreiber legt Vorteile für Gemeinde

Unternehmensvertreter Frank Buchholz hatte das Vorhaben auch in der jüngsten Sitzung des Bau- und Vergabeausschusses vorgestellt. Die Gunst der Stunde möchte das Unternehmen nutzen, denn die geforderte Überarbeitung des Regionalen Entwicklungsplanes Sachsen-Anhalt (REP) und die Erstellung des Flächennutzungsplanes der Stadt Oebisfelde-Weferlingen (FNP) würden das Vorhaben derzeit sinnvoll in die Planung eingliedern. Der REP weist Flächen in der Einheitsgemeinde aus, die für Windenergie genutzt werden sollen. Frank Buchholz stellte die Kriterien vor, die Naturschutzgebiete, Abstandsflächen zu Wohn- und Siedlungsbebauung oder den Vogelschutz berücksichtigen.

Firma bietet Vergütung an

Behrens beschrieb die Vorschläge, die die Firma unterbreitete, um die Gemeinde finanziell oder materiell zu unterstützen. „Es könnte eine jährliche Vergütung pro Windrad von etwa 1 500 Euro oder eine Einmaligzahlung bei Inbetriebnahme geben. Es gäbe Gewerbesteuern. Es ist gesetzlich geregelt, dass 70 Prozent der Gewerbesteuern der Ort, wo die Anlagen stehen, bekommen und 30 Prozent der Sitz der Betreibergesellschaft“, erklärte Behrens. An Beispielen wurde dargelegt, dass bei acht Anlagen, die schon vier Jahre laufen, etwa 90 000 Euro Gewerbesteuern anfallen könnten. Verträge müssten im Vorfeld zu einem der Vorschläge gemacht werden. Dabei erwähnte Behrens, dass die damalige Gemeinde die ersten Windräder nur befürwortet habe, weil sie hoch verschuldet war. Die Gemeinde habe aber für die bereits stehenden Windräder noch keinen Cent an Gewerbesteuer erhalten. Auch die vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen würden der Gemeinde zugute kommen. Jörg Lauenroth (Bündnis90/Die Grünen) sagte: „Das Landesverwaltungsamt beschäftigt sich jetzt damit, ob sie die Genehmigung für die acht Windräder tatsächlich geben. Und jetzt sollen wir schon entscheiden, ob noch weitere sechs Anlagen gebaut werden sollen.“

Udo Müller (UWG Feuerwehr) dazu: „Es ist verwunderlich, aus welcher Richtung so eine massive Kraft erzeugt wird, dass wir immer wieder genötigt werden, Veranstaltungen und Versammlungen zu der Erweiterung von Windkraftanlagen durchzuführen. Obwohl allen bekannt ist, dass seit 2006 sogar durch die Verwaltung die acht Windräder, die nachgerüstet werden sollen, abgelehnt wurden. Diese ganzen Untersuchungen hat man nach der Devise ,das muss jetzt durch’ in die Tonne getreten. Und jetzt sollen noch sechs drauf gesetzt werden.“ Müller betonte, dass von ihm ein ganz klares „Nein“ komme.

Schon viele Windräder gebaut

Edwin Wietig (UWG) appellierte: „Wir haben uns schon zwei Mal gegen die Erweiterung des Windparks entschieden. Wir sollen jetzt das dritte Mal darüber nachdenken, obwohl sich nicht viel geändert hat.“ Behrens sagte: „Sicherlich ist Windenergie besser als Atomkraftwerke, aber in unserem Bereich sind schon massiv viele Windräder installiert worden. Irgendwann muss man sagen, dass die Natur und die Menschen mit den vorhandenen Anlagen ausgelastet sind. Außerdem soll der Drömling doch Biosphärenreservat werden.“ Wietig ergänzte: „Wir erzeugen in Rätzlingen ja auch noch grüne Energie in Form von Photovoltaik und Biogas. Nun muss mal Schluss sein!“

Einstimmig entschieden sich die Ortsräte gegen das Aufstellen weiterer Windräder. Der Stadtrat wird am 26. April in Weferlingen entscheiden, ob es eine Erweiterung des Windparks geben wird. Die Unterschriften sollen an das Landesverwaltungsamt gehen.