Erxleben l Hochsommerliche Temperaturen herrschen derzeit in Sachsen-Anhalt. Aber es geht noch heißer, jedenfalls im Joachimsbau von Schloss Erxleben. Fenster und Türen in allen Etagen sind seit gut zwei Wochen mit Mehrschichtfolien und Holz verschlossen, wie riesige Krakenarme greifen dicke Schläuche von außen alle Stockwerke an und schlängeln sich durch ansonsten verdichtete Fensteröffnungen. Über eine eigens dafür aufgebaute Heizölanlage samt Gebläse werden die „Arme“ mit warmer Luft vollgepumpt.

Die Temperatur kann dank einer Mehrstufenbrennertechnik stufenweise erhöht werden. So um die 55 Grad Celsius werden im Inneren benötigt, um das Ziel zu erreichen. Es geht um die Bekämpfung des Schwammes und des Gescheckten sowie Bunten Nagekäfers im Holz und im Mauerwerk des historischen Bauwerkes, sagt Claudia Hennrich, Geschäftsführerin des Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg.

Das schonende Bekämpfungsverfahren soll sicherstellen, dass die historische Bausubstanz mit Balkenkonstruktion, Lehmverputz und Stuck weitestgehend erhalten werden kann.

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Auch im Innern schlängeln sich rund 250 Meter der „Krakenarme“ durch die Gebäude, schätzen die Männer von IRT. Überall in den Etagen wird die heiße Luft benötigt, um mittels Hitze alle Schädlinge zu bekämpfen.

Die Firma IRT (Innovative Restaurierungs-Technik) aus Lippstadt hat sich auf die Bekämpfung von Schädlingen per Heißluftverfahren spezialisiert.

MOCult (Monitoring and Optimization of Climate in Cultural Heritage), eine Restaurierungsberatung aus Stuttgart, kümmert sich parallel um die Dokumentation und Erfassung aller Daten. Erstmals geht es per thermischem Verfahren nicht nur den Holzschädlingen an den Kragen, sondern auch dem Mauerwerk. Darum läuft im Schloss Erxleben ein Art Pilot-und Forschungsprojekt für das ressourcenschonende Verfahren, mit dem Ziel, möglichst viele Fakten für künftige denkmalschutzgerechte Restaurierungen im ressoucenschonenden Verfahren zu sammeln.

Wie feine Spinnenbeine hängen an vielen Stellen im Inneren des Joachimsbaus Drähte aus den Mauern, die als Fühler genutzt werden. Sie wurden auf den Etagen in unterschiedlichen Tiefen von 20, 40 und 60 Zentimeter platziert, um über einen repräsentativen Kontrollmechanismus zu verfügen.

Per Monitor werden alle Daten erfasst und überwacht. Mehrmals täglich schauen die Techniker in die heiße Hölle, ausgestattet mit Scheinwerfern, denn zu sehen ist durch das Abdunkeln der Fenster und Türen drinnen nicht viel.

„Mindestens drei bis vier Stunden muss die Temperatur beständig hoch bleiben, um eine dauerhafte Bekämpfung zu erzielen“, sagt Claudia Hennrich. Dann könne von einem nachhaltigen Beseitigen von Schwamm und Schädlingen ausgegangen werden.

Zwei Wochen lang wurde der Bau auf diese Weise trocken gelegt. Parallel dazu ist Restaurator Oliver Raupach vom Fachwerkzentrum mit zwei auszubildenden Flüchtlingen dabei, den Keller des Gebäudes herzurichten. Hier hatte das Wasser zeitweise bis zu 30 Zentimeter hoch gestanden, weil der Abfluss nicht funktionierte. Ein nebenliegendes Kellergewölbe war zugemüllt und musste erstmal beräumt werden. Eine dauerhafte Trockenlegung kann nur erfolgen, wenn die Ursache dafür beseitigt worden ist, betont die Fachwerkzentrum-Chefin.

Das ressourcenschonende Heißluftverfahren kann dank Förderung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Deutsche Stiftung Umwelt und das Land Sachsen-Anhalt im Anbau von Schloss II angewendet werden.