Behörde gegen Verein

Beispiele aus dem Bescheid der Schulbehörde, die deutlich machen, dass die Stellungnahme des Vereins offensichtlich nicht ordentlich gelesen wurde:

Unklar sei, welche Inhalte des Lehrplanes umgesetzt werden. Der Verein hat sich den Lehrplan als Mindestmaß der Anforderungen zum Ziel gesetzt und auch die geplanten Lernbereiche dem üblichen Fachunterricht zugeordnet.

Für das Fach Ethik stehe keine Lehrkraft zur Verfügung, das Fach Musik soll fachfremd unterrichtet werden. Der Verein hat die Lehrkräfte fächerbezogen benannt, auch Ethik und Musik (letzteres durch zwei Lehrer) sind abgesichert.

Die Wochenplanung sehe eine schultägliche Öffnungszeit von zehn Zeitstunden vor. Damit erscheine eine Doppel- beziehungsweise Dreifachbesetzung pro Lerngruppe besonders mit Blick auf besonderen Förderbedarf nicht möglich. Der Verein sieht eine verbindliche Öffnungszeit der Schule von sieben ein Viertel Stunden vor, womit die Lehrkräfte ausreichend zur Verfügung stehen. 45 Minuten morgens und zwei Stunden nachmittags zusätzlich sind der Hortbetreuung vorbehalten.

Die laut Gesetz geforderten Punkte zur wirtschaftlichen Stellung der Lehrer und Vermeidung einer Sonderung von Schülern werden im Bescheid anerkannt.

Kamern l „Mit unseren fünf Säulen für das pädagogische Konzept unterscheiden wir uns von anderen Grundschulen, erst recht hier in unserer Region“, sagt Katharina Bensch. Sie will die „Freie Schule Elbe-Havel-Land“ leiten, wartet ebenso wie die weiteren Mitstreiter im Trägerverein „neugierig“ seit über einem Jahr auf die Genehmigung der Schule in Kamern. Dass das besondere pädagogische Interesse als eine wichtige Voraussetzung nicht vom Bildungsministerium anerkannt wird, ist für sie nicht zu verstehen.

Genau dieses angeblich nicht vorhandene besondere pädagogische Interesse zieht sich durch die gesamten neun Seiten des am 7. Juni (und damit sechs Tage zu spät) erlassenen Bescheides. Allerdings oftmals ohne darauf einzugehen, was der Verein im Konzept zu stehen und in seiner Stellungnahme vom Mai dieses Jahres auf den Ende April (zwei Monate zu spät) erteilten Zwischenbescheid geschrieben hat. Stattdessen wird gleich im ersten Abschnitt der Begründung der im ersten Konzept verwendete Begriff „Rahmenpläne“ kritisiert. Die Rahmenrichtlinien seien mit den neuen Lehrplänen der Grundschulen schon 2005 außer Kraft gesetzt, man wisse nicht, was mit den Rahmenplänen gemeint ist.

Der Verein hat darauf in seiner der Volksstimme vorliegenden Stellungnahme reagiert – obwohl auf dem Bildungsserver des Landes die Rahmenrichtlinien immer noch als Begriff verwendet werden. Man bräuchte nicht mal einen guten Willen, um zu verstehen, was da steht: „Gern ändern wir die in unserem Konzept fälschlich verwendeten Begriffe Rahmenrichtlinien/Rahmenpläne in Lehrpläne um... Die Lehrpläne des Landes Sachsen-Anhalt stellen für uns das Mindestmaß der Anforderungen der Schule dar.“ Damit müsste also auch klar sein, was mindestens an der Kamernschen freien Grundschule gelehrt werden soll.

Konzept besitzt Strahlkraft

„Auf unsere fünf Säulen wird gar nicht eingegangen. Das enttäuscht mich die ganze Zeit. Da ist vom Wochenplan die Rede, nach dem auch andere Grundschulen des Landes arbeiten und der somit kein besonderes pädagogisches Interesse darstelle, aber nicht vom Inhalt der Säulen“, ist Katharina Bensch verärgert. Die fünf Säulen sind: Individuelles Lernen, Inklusion, Kosmische Erziehung mit ganzheitlichem und fächerübergreifendem Lernen, Werkstätten, Naturwissenschaft und Handwerk sowie Tiergestütztes Lernen/Lehrbauernhof.

„Dieses Konzept setzt neue Akzente und besitzt Strahlkraft für die Entwicklung des gesamten Schulsystems“, ist sich Stefanie Wischer sicher. Die Diplombiologin mit päda­gogischer Ausbildung vom Vorstand des neugierig-Vereins stützt sich dabei auf zwei externe Gutachten von der Uni Halle-Wittenberg und vom Grundschulverband sowie auf ein schulfachliches Gutachten aus dem Bildungsministerium.

Katharina Bensch: „Klar gibt es einzelne Punkte, die auch staatliche Grundschulen anbieten. Wir erfinden das Fahrrad ja nicht neu. Aber in dieser Gesamtheit gibt es das nicht, schon gar nicht in unserer Region. Ansonsten hätte ich hier doch eine Arbeitsstelle, wo ich begeistert arbeiten würde.“ Stattdessen fährt sie jeden Tag ins gut 50 Kilometer entfernte Stendal, wo sie an einer Freien Schule arbeitet. Kindern ist das nicht zuzumuten.

Zensuren sind möglich

Seit 2009 ist sie im Schuldienst, hat als Grundschullehrerin mit Montessori-Diplom, Musik- und Religionsausbildung beide Schularten kennengelernt. In Hamburg arbeitete sie vier Jahre an einer reformpädagogischen Schule. „Gymnasien haben uns immer wieder bestätigt, dass unsere Kinder gut aufs Lernen in weiterführenden Schulen vorbereitet sind. Sie hätten das Lernen gelernt und würden gern zur Schule gehen. Da gab es keine Noten, aber Berichtszeugnisse. Wir haben unser Konzept für Kamern nach Vorgabe der Behörde dahingehend erweitert, dass die Kinder nach der zweiten und vierten Klasse eine Versetzungsempfehlung erhalten. Auch Zensuren sind möglich. Unser Punktesystem lässt sich dafür ganz einfach verwenden.“

Immer wieder wird im Bescheid darauf verwiesen, dass es bestimmte Sachen schon gibt. „Aber dass Lehrer mit einem Montessori-Diplom an Grundschulen arbeiten, bedeutet doch noch nicht, dass sie das ausleben können. Ich kenne viele Lehrer, die darüber klagen, dass sie den Lerndruck auf die Kinder ausüben müssen.“ In einem der Gespräche mit Schulbehörden wurde ihr mal gesagt: Dann gründen Sie doch eine Schule in einem anderem Bundesland.

Einschulung wird vorbereitet

„Das ist alles so fadenscheinig. Ich hoffe, dass wir mit dem Eilverfahren durchkommen und wir die Kinder, die darauf warten, zu Beginn des neuen Schuljahres am 10. August in unserer Schule in Kamern begrüßen können. Die Einschulungsfeier bereiten wir jedenfalls schon vor.“

Der Verein weiß viele Befürworter hinter sich. „In den vergangenen Tagen haben sich etliche Leute bei uns gemeldet, auch Firmen aus der Region. Und die Eltern zeigen sich kämpferisch“, sagt Stefanie Wischer. Sie gibt die Hoffnung nicht auf, dass die Schule eröffnen darf. Auch wenn es zurzeit eher den Eindruck macht, dass die Idee, mit einer innovativen Bildungsidee nachweislich Menschen in die strukturschwache Region zu holen, nicht gewollt ist. „Da stellt man auf der einen Seite Entwicklungskonzepte, wie momentan in der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land das Integrierte Entwicklungskonzept IEK, für viel Geld auf, um gleichzeitig vielversprechende Projekte mit aller Kraft zu verhindern. Das erschließt sich uns nicht.“