Fischbeck l Erstmals hatte diese Konferenz an jener Stelle stattgefunden, an welcher das Unheil damals seinen Lauf genommen hatte: dem Plateau, wo der Deich gebrochen war. „Dieser Ort wurde mit Bedacht gewählt, auch zur Vorbeugung gegen die sogenannte ,Hochwasser-Demenz‘“, erklärte Sebastian Stoll, Beigeordneter des Landrates, eingangs.

Landrat Carsten Wulfänger (CDU) ergriff als Erster das Wort. Er erinnerte an das Tief „Frederik“, welches in Tschechien enorme Regenfälle mit sich gebracht hatte – der Mai 2013 war der nasseste seit Beginn der Wetter-Aufzeichnungen im Jahr 1881. Auf den Scheitel der Hochwasser führenden Elbe traf bei Barby die Extremflut der Saale. Am 8. Juni wurden im Fischbecker Deich erste Risse entdeckt, einer war 70 Meter lang. Alle verfügbaren Kräfte wurden heran beordert. Zu diesen 140 Einsatzkräften gesellten sich anderntags viele Freiwillige – doch sie alle konnten trotz größter Mühen das Schlimmste nicht verhindern. Erst war die Lücke zehn Meter breit, um 3.34 Uhr waren es schon 50 Meter, später dann sogar um die 100 Meter.

Rathenow wurde verschont

Unbekannt war den Verantwortlichen, wo die Wassermassen hinfließen. Der Brandenburger SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck löste deshalb auch für Rathenow Katastrophenalarm aus. Doch blieb die Kreisstadt an der Havel verschont: Ein Teil floss gen Schönhausen, der andere über Wust nach Klietz. Deshalb wurden seitdem verschiedene Deichbruch-Szenarien am Computer errechnet, erklärte der Landrat. So sei man in Zukunft besser vorbereitet: Immerhin über die Hälfte der Fläche des Landkreises wäre von Überflutungen betroffen, wurde errechnet.

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Etwas Linderung brachte am 15. Juni das Versenken zweier Schiffe vor der Bruchstelle, wobei des Innenministerium ein hohes Risiko eingegangen war. Sechs Jahre später sind bei vielen Betroffenen die Ereignisse noch immer präsent. Zwischen Fischbeck und Jerichow verläuft ein komplett neuer Deich, viele Flutschäden wurden zudem beseitigt. Enorm war die deutschlandweite Solidarität mit den Flutopfern.

Fast 5000 Feuerwehrleute im Einsatz

Im Einsatz gewesen waren unter anderem 4700 Feuerwehrleute und 472 Helfer vom THW, fasst 1000 Freiwillige wurden erfasst – was bei weitem nicht alle waren. Arg beschädigt waren 38 Wohngebäude, wovon 33 neu errichtet und zwei abgebrochen wurden. Insgesamt waren 1250 Wohnungen betroffen, davon 1000 im Altkreis Havelberg. Evakuiert wurden zudem 3000 Rinder und 2000 Schweine, Anlagen in Fischbeck und Scharlibbe wurden aufwendig gesichert.

Ein Ehrenamt im Katastrophenschutz werde künftig immer wichtiger für das Funktionieren der Hilfe, erklärte Sachsen-Anhalts oberster Katastrophenschützer Lutz Georg Berkeling. Denn Spontanhelfer bringen bei Katastrophen auch Probleme mit sich. Das Image des Katastrophenschutzes leide ohnehin darunter, dass ein solches Ereignis nur sehr selten auftritt.

Wasser wird künftig zwischengeparkt

Wie sein Betrieb künftig solche dramatischen Ereignisse verhindern will, erklärte Burkhard Henning, der Direktor des Landesbetriebes für Hochwasserschutz (LHW). Im Juni 2013 kam es zum seltenen Zusammentreffen zweier Hochwasserscheitel – nämlich von Saale und Elbe. Damit dies künftig nicht mehr geschehen kann, will man die Wassermassen zwischenlagern – und zwar in Poldern. Einer an der Mulde wird 2023 fertig. Auch im Landkreis Stendal werden derzeit vom LHW Vorhaben geprüft, weitere Überschwemmungsflächen für die Elbe sowie Polder zu schaffen.

Zudem wollen die zuständigen Länderminister den Beschluss fassen, dass das Bemessungshochwasser für die Elbe, was nach 2013 neu errechnet wurde, auch künftig Bestand haben soll. Und auch das Deichkartenwerk werde endlich aktualisiert.

Nach der Katastrophe von Fischbeck wurde die Scharte sofort verschlossen und die größten Schwachstellen beseitigt, erklärte der Genthiner LHW-Flussbereichsleiter Marco Schirmer. Ein Jahr später begannen dann die normgerechten Sanierungen der Schutzwälle. Das Neue war dabei, dass dabei immer auch eine landseitige Arbeitsberme errichtet wird, welche durchgehend befahrbar ist. Damit kann auch bei Vernässung des Hinterlandes jede Stelle des Deiches zu dessen Verteidigung erreicht werden. Zum Bemessungshochwasser – es schreibt die Höhe der Deiche vor – kommt zudem obenauf mindestens ein Meter Freibord. Bei Fischbeck sind es sogar 1,4 Meter, da hier noch ein Wellenaufschlag einberechnet wurde.

174 Kilometer Deiche im Flussbereich

Im Flussbereich gibt es 174 Kilometer Deiche, wovon allein 49 Kilometer an der Elbe verlaufen. Saniert wird derzeit in der Elb-Havel-Region in den Bereichen Neuermark-Lübars, Sandau und Havelberg. Weitere 17 Kilometer sind in Planung. Aktuell sind 73 Prozent der Wälle normgerecht, 15 Prozent sind im Bau oder in der Planung.

Zum Stand im westelbischen Bereich informierte der dortige Flussbereichsleiter Hans-Jörg Steingraf, dass seit einigen Jahren im Bereich Altenzaun und Berge gearbeitet wird. Am westelbischen Sandauer Fähranleger war am 6. Juni Abnahme eines weiteren Bauabschnittes, der vierte und letzte wird kommendes Jahr fertig. Zur geplanten Deichrückverlegung bei Wahrenberg werde jetzt die Öffentlichkeit informiert. Nach vier Jahren Bauzeit wurde im Mai das Aland-Überleitungsbauwerk übergeben. Von den 250 Deichkilometern im Osterburger Flussbereich seien aktuell 212 Kilometer normgerecht.

Über die Lehren aus dem Deichbruch berichtete Ingenieur Stefan Müller von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Nach 2002 seien erste Deichbruchszenarien entwickelt worden, beim Bruch des Fischbecker Deiches konnte die Genauigkeit der entwickelten Software getestet werden. Solche Berechnungen erfolgen inzwischen bis auf Flurstücksgröße online, früher waren dazu einige Tage vonnöten. Heutzutage werden Gewässer mit Hilfe von Echolot und Drohne vermessen – das erfolgt gerade an der Alten Elbe bei Magdeburg. So können künftig Vorhersagen bei Fluten noch mehr verbessert werden.

Eine Bilanz über die Schadensbeseitigung in der Landwirtschaft und der ländlichen Infrastruktur zog Siegfried Engelhardt vom Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Altmark. Näheres dazu folgt in Kürze.

Friedhelm Cario vom DRK Östliche Altmark informierte über die Evakuierungen im Juni 2013 und die damit verbundenen Probleme – auch dazu in Kürze mehr.