Havelberg l „Angedeutet hatte sich die Schließung der Arztpraxis von Diplommedizinerin Angelika Schönijahn schon länger. Die plötzliche Schließung hat uns dann aber doch überrascht“, sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) für den Altkreis Havelberg Dr. Karsten Gilbrich im Gespräch mit der Volksstimme. Ein Hausarzt weniger macht sich nicht nur in den anderen Praxen bemerkbar, sondern auch beim Bereitschaftsdienst, für den er den Dienstplan schreibt.

„Doch im Großen und Ganzen ist die medizinische Versorgung für unsere Menschen hier gesichert, auch wenn gerade in der Grippezeit die Wartezimmer sehr voll waren. Mit drei Hausärzten in Havelberg ist die Besetzung noch recht gut. Da gibt es ganz andere Regionen mit Notsituationen. In Rathenow zum Beispiel ist die Situation katastrophal“, sagt der Klietzer, der seine Praxis in der Seegemeinde betreibt. Allerdings werden sich die Patienten auch in Zukunft auf längere Wartezeiten und womöglich weitere Wege einstellen müssen.

Das betrifft auf jeden Fall Eltern, die mit ihren Kindern zum Kinderarzt wollen. Denn Angelika Schönijahn war auch Fachärztin für Kinderheilkunde. Etliche Eltern sind zur Kinderarztpraxis im brandenburgischen Bad Wilsnack gewechselt. Andere gehen mit ihren Kindern zum Hausarzt. „Das ist durchaus legitim. Jeder Allgemeinmediziner kann Kinder versorgen und auch die wichtigen U-Untersuchungen vornehmen. Sollte eine spe­zielle Untersuchung erforderlich sein, wird eine Überweisung zum Facharzt oder in die Kinderklinik ausgestellt“, erklärt Karsten Gilbrich.

Förderung des Nachwuchses

Bislang ist es immer wieder gelungen, Ärztenachwuchs zu gewinnen. Als vor einigen Jahren in Havelberg Arztpraxen aus Altersgründen geschlossen worden sind, war für Nachfolge gesorgt. Doch gestaltet sich das immer schwieriger. „Wir haben das seit langem im Blick und konzentrieren uns auf Medizinstudenten und junge Ärzte, die hier groß geworden sind. Hier haben wir eine Chance, sie für unsere Region zu gewinnen. Jemand anders bekommen wir hier nur schwer her“, weiß der kassenärztliche Sprecher aus Erfahrung. „Gute Beispiele sind dafür Alexandra Schäfer in Havelberg und Ben Güldenpfennig in Schollene. Sie haben ihre Facharztausbildung hier mit absolviert und haben sich dann niedergelassen.“ Auch jüngst der nahtlose Übergang der Frauenarztpraxis von Dr. Eberhard Müller an Dr. Denise Möwing in Havelberg ist ein Glückstreffer. „Auch sie ist hier in der Region aufgewachsen.“

Die Ärzteschaft ist interessiert an der Nachwuchsförderung und unterstützt die jungen Mediziner auch, wenn es um die Praxissuche geht. Dennoch wird es nicht leichter und bei den jetzt praktizierenden Allgemeinmedizinern ist mittelfristig davon auszugehen, dass ein Teil von ihnen innerhalb der nächsten zehn Jahre in den Ruhestand geht. „Wir werden hier auch Ausländer integrieren, um die Versorgung sicherstellen zu können“, sagt Karsten Gilbrich und berichtet von Calin Carmaciu aus Rumänien, der derzeit bei ihm seine Facharztausbildung absolviert und sich dann niederlassen will. Doch will sich nicht jeder Allgemeinmediziner mit einer Praxis selbstständig machen. Dafür gibt es Lösungen. So verstärkt die Allgemein- und Arbeitsmedizinerin Anastasija Schwab zum Beispiel seit gut einem Jahr die Praxis von Dr. Gilbrich.

Bezogen auf die Einwohnerzahlen – Havelberg hatte zum Jahresende 2017 6553 Einwohner, das Elbe-Havel-Land 8280 – könne nicht von einer medizinischen Unterversorgung gesprochen werden. Laut KV wird pro 1800 bis 2000 Einwohner ein Hausarzt gerechnet, erklärt der Klietzer. In der Elb-Havel-Region sind es insgesamt acht niedergelassene Hausärzte, die sich um die Patienten kümmern.

Auf Fachgebiete spezialisiert

Im Elbe-Havel-Land praktizieren Ben Güldenpfennig als Facharzt für Innere Medizin in Schollene, Dr. Carola Lüke als Fachärztin für Innere Medizin und Diabetologie sowie Dr. Sabine Nehrig als Fachärztin für Allgemeinmedizin in Schönhausen, Barbara Graszka-Pospiech als Fachärztin für Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Pneumologie in Sandau und Dr. Karsten Gilbrich als Facharzt für Allgemeinmedizin und Chirotherapie in Klietz. In Havelberg sind es Heidemarie Thiele und Alexandra Schäfer als Fachärztinnen für Allgemeinmedizin sowie Dr. Gregor Thiele als Facharzt für Innere Medizin, Diabetes und Reisemedizin. „Wir haben uns auf Fachrichtungen spezialisiert, um den Patienten weitere Wege zu ersparen. So übernimmt Ben Güldenpfennig die kardiologische Schiene, Herr Thiele ist ebenso wie Dr. Lüke auf Diabetes spezialisiert und macht Röntgenaufnahmen. Wir bieten die Chirotherapie und Magenspiegelungen an“, berichtet Karsten Gilbrich, dass versucht wird, medizinische Lücken zu schließen. Doch bleibt abzuwarten, wie die Berechnung von Hausarztstellen angesichts der zurückgehenden Bevölkerungszahl künftig von Seiten der KV sein wird.

Froh sind die Ärzte, dass es das Krankenhaus in Havelberg noch gibt. Allerdings macht der Ärztemangel auch darum keinen Bogen und es ist nicht leicht, frei werdende Stellen neu zu besetzen.

Letztendlich ist auch die Politik gefragt, dafür zu sorgen, dass in ländlichen Bereichen eine gute medizinische Versorgung gesichert ist und nicht nur Statistiken und Wirtschaftlichkeit eine Rolle spielen. Es muss attraktiv sein, auf dem Land Arzt zu sein – trotz weiter Wege zu Patienten und einer höheren Anzahl an Bereitschaftsdiensten als in Ballungsgebieten. Viele Faktoren spielen dabei ein Rolle. Dennoch zeigt sich der 55-Jährige optimistisch, dass es auch in Zukunft gelingen kann, den einen oder anderen Arzt für die Elb-Havel-Region zu gewinnen.