Havelberg l Der Concordia-Saal im Seniorenwohnpark „Am Camps“ in Havelberg war am Montagabend gut gefüllt. Über 30 Gäste nahmen an der Sitzung des Kultur- und Sozialausschusses teil. Darunter Mitarbeiter des Krankenhauses, die hören wollten, was der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung für den Bereich Havelberg, Dr. Karsten Gilbrich, zur Situation der medizinischen Versorgung zu sagen hat.

Der Mediziner aus Klietz berichtete, dass zurzeit im Bereich Havelberg 16 Ärzte ambulant tätig sind. Elf als Hausärzte, zudem angestellte Ärzte im MVZ des Krankenhauses im Bereich Orthopädie und Chirurgie sowie Ärzte für Neurologie und Augenheilkunde. Bezogen auf die Einwohnerzahl, die bei rund 15.000 liegt, sei dies statistisch gesehen eine gute Versorgung. „Wir sind ganz weit vorn, es gibt Regionen, wo es schlechter aussieht“, sagte Karsten Gilbrich. Deshalb gebe es bereits Anfragen aus dem Bereich Brandenburg, ob die Ärzte hier Patienten aus dem Rathenower und Rhinower Bereich mit versorgen können. Das ist bereits jetzt der Fall, Patienten aus dem Brandenburgischen suchen Ärzte im Altkreis Havelberg auf.

Aufhorchen ließ alle Zuhörer im Saal seine Auskunft, dass es von Seiten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) schon länger Gespräche zur Krankenhaussituation gibt. Bereits 2018 sei über eine Tagesklinik mit zehn Betten gesprochen worden. Das wäre ein finanzierbares Modell. Er machte darauf aufmerksam, dass es das Krankenhaus so, wie es in den vergangenen Jahren geführt wurde, nicht mehr geben könne und aus wirtschaftlicher Sicht nicht mehr zu finanzieren sei.

Verwantwortung für die Patienten

„Wir müssen eine Lösung finden. Es geht um unsere Bevölkerung“, reagierte Karola Schulze als Erste von Seiten der Krankenhaus-Belegschaft. Die Gäste klatschten Beifall. Die Krankenschwester, die in der Rettungsstelle arbeitet, berichtete von Fällen, wo Patienten in diesen Tagen Hilfe gesucht und darum gebeten haben, ins Havelberger Krankenhaus zu kommen. Zum Beispiel ein 86-Jähriger Mann, der am Montag mit einer akuten Blutung mit dem Fahrrad zum Krankenhaus gefahren kam und um Hilfe bat. „Er flehte, ,lasst mich bitte hier, ich bin allein, wer soll mich denn besuchen, wenn ich woanders bin‘. Das muss man aushalten können. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Patienten. Unser Krankenhaus hat seine Daseinsberechtigung. Das erleben wir jeden Tag.“

In der Diskussion fiel der Blick immer wieder zurück auf den kontinuierlichen Abbau des Krankenhauses in den vergangenen Jahren. Etwa in Bezug darauf, wie viele Geschäftsführer und Chefärzte gekommen und gegangen sind. „Die Alarmglocken hätten schon viel eher läuten müssen“, sagte Karsten Gilbrich auch in Bezug auf die nicht mehr vorhandene Anästhesie im Krankenhaus.

„Es ist wie es ist, wir müssen jetzt nach vorn gucken“, forderte Karola Schulze und berichtete von Ideen der Belegschaft, wie ein Krankenhaus zur Akutversorgung in Havelberg geführt werden könnte. Auch eine Privatstation wäre dabei denkbar, die zur Finanzierung beiträgt. „Wir bitten Sie darum, für die Bevölkerung einzustehen“, richtete sie sich an den KV-Sprecher. Krankenschwester Anja Graff unterstrich: „Wir brauchen keine Fehlersuche, es geht um Menschenleben.“ Sie sagte auch, dass die Mitarbeiter seit Jahren auf Missstände aufmerksam gemacht haben und stets bereit waren, sowohl zeitlich als auch finanziell Opfer zu bringen – um das Krankenhaus zu erhalten.

Betriebsratsvorsitzende Sandra Braun machte auf den Zeitdruck aufmerksam: „Wir haben vielleicht noch zwei Wochen Zeit. Wir werden gezwungen, den Sozialplan zu unterschreiben.“

Am Nachmittag hatte sie mit weiteren Mitgliedern des Betriebsrates die Chance genutzt, mit dem Bundestagsabgeordneten Eberhard Brecht (SPD) über die Situation zu sprechen. Mit dabei war auch der künftige Landrat Patrick Puhlmann. Hier zeigte sich einmal mehr, dass die Politik gefordert ist, eine Lösung aufzuzeigen, wie die medizinische Versorgung in Havelberg sicherzustellen ist.

Sonderregelungen nötig

Das verdeutlichte Stadtratsmitglied Lothar Frontzek (SPD) am Abend in der Ausschusssitzung. „Es wird ständig darüber diskutiert, dass der ländliche Raum mehr Bedeutung bekommen soll. Dafür müssen Sonderregelungen geschaffen werden.“

Dr. Dolores Hanitzsch, seit vielen Jahren Ärztin im Krankenhaus, sprach eine Kooperation von Krankenhaus und niedergelassenen Ärzten an. „Es geht darum, die medizinische Grundversorgung hier weiter zu sichern.“

Den an dem Abend gemachten Vorschlag, in einer kleineren Runde zusammen mit dem KV-Sprecher nach einem Weg zu suchen, griff die Vorsitzende des Sozialausschusses Doreen Müller (CDU) auf. Sie verdeutlichte, dass die Stadträte ebenso wie der Bürgermeister und der Landrat sehr wohl zum Krankenhaus stehen. „Wir waren am 9. Januar alle überrascht angesichts der Nachricht zur Schließung des Krankenhauses. Kurz vor Weihnachten hatten wir anderes in der Zeitung gelesen.“

Karsten Gilbrich wandte sich zum Schluss der Diskussion an die Krankenhausmitarbeiter. Mit ihnen sei eine Tagesklinik denkbar. Ein Gebäude müsste dafür gefunden werden. Wenn sie noch einen Kollegen zur Seite bekommen würden, könnten sie sich diesen Schritt trauen, zeigte er sich überzeugt. Vielleicht ein Thema für die geplante Gesprächsrunde im kleinen Kreis.