Kirchsanierung

Kriegsnarben am Turm verschwinden

Im Klietzer Kirchturm arbeiten Zimmerleute: Sie wechseln Dielen und Balken aus. Das erfolgt auch beim Glockengestühl.

Klietz l „Herr Pastor, die Kirche, die Kirche! Die kriegen wir nie wieder aufgebaut!“ Diesen Ausruf von Otto Alex vom 20. April 1945 hatte der damalige Pfarrer Heinrich Peper in seiner Chronik festgehalten. Zum letzten „Führergeburtstag“ war Klietz bombardiert worden, auch die Kirche hatte schwere Treffer erhalten. Eine Bombe traf den Chorraum, nur die Südmauer blieb stehen. Das Kirchdach war abgedeckt. Später sollte auch der Turm noch etliche Treffer erhalten, diesmal von den Amerikanern auf der anderen Elbseite. Zuletzt war der Ort über Tage umkämpft, wobei die Turmspitze abstürzte.

Die von den Bombern der Roten Armee und der Artillerie der Amerikaner geschlagenen Wunden im Turm werden nun, nach fast 76 Jahren, endlich beseitigt. Nicht nur das, auch im Innern muss einiges erledigt werden: Durch die offenen Turmfenster eindringende Feuchtigkeit ließ zahlreiche Hölzer verfaulen, so dass ein Aufstieg stellenweise schon recht gefährlich wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte hatte auch der Glockenstuhl gelitten, an welchem nun ebenfalls etliche marode Hölzer gewechselt werden. Vor allem am oftmals feuchten Boden zerbröselten dicke Balken. Zur Sanierung des Gestühls wurde die Glocke am Dienstag abgehängt und höher gezogen, um die Arbeiten nicht zu behindern. Seitdem herrscht Stille im Turm – vom Kreischen der Sägen der Zimmerleute aus dem altmärkischen Bismark mal abgesehen.

In den 1970er Jahren war die Klietzer Glocke schon mal wegen Baufälligkeit des Stuhls über längere Zeit verstummt, dieser wurde damals nur provisorisch repariert. Vorm letzten Krieg besaß der Ort zwei Glocken, eine wurde für die Waffenproduktion 1942 eingeschmolzen. Sie war erst 1924 geliefert worden, weil auch die Vorgängerin im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen wurde.

Am Montag waren die Zimmerleute am zweiten Zwischenboden im Gange, die auszuwechselnden Dielen aus Douglasien- und Lärchenholz wurden passgenau zugesägt. Ein elektrischer Aufzug beförderte die neuen Dielen nach oben, wo sie Zimmermann Ulf Rathke in Empfang nahm und einarbeitete. Die alten Hölzer wurden herabgeworfen. Eigentlich sollte in den Zwischenböden nur die Dielung gewechselt werden, aber es sind auch marode Balken zu ersetzen. Jedoch erkennt man das leider erst bei der Arbeit.

Damit die Sanierung im Innern auch längerfristig Bestand hat, werden zuletzt vier Schallluken in der Glockenstube eingebaut. Das Holz dafür hatte die Kirchgemeinde selbst gewonnen, zuschneiden lassen und eingelagert. Einer der Flügel ist so gearbeitet, dass man diesen öffnen und auch mal herausschauen kann.

Bevor die Schallluken eingebaut werden, müssen aber erst noch die Schallluken-Öffnungen saniert werden. Bei einigen fehlen auf der Unterseite mehrere Lagen Steine, so konnten die Niederschläge ungehindert ins Innere dringen. Denn normalerweise war die Unterseite nach außen abgeschrägt, so konnte das Wasser dorthin ablaufen. Bei diesen Arbeiten wird eine Hebebühne zum Einsatz kommen.

Zwecks Sanierung wird zudem die Westseite des Turmes eingerüstet. Zerschossene oder zerbröselte Mauersteine werden ausgewechselt und Risse saniert. Eine Säule in einer Schalllukenöffnung muss ebenfalls ausgewechselt werden, in ihr klafft ein großer Riss. Besonders viele Einschüsse finden sich an den Rundbögen hoch über dem Eingang – hier saßen im Krieg die Beobachter vom Feind.

Die Klietzer Christen hoffen auf einen weiteren Bauabschnitt, wobei das Umfeld der Kirche saniert werden soll. Dabei soll auch die zerschossene Apsis, welche derzeit wegen herabfallender Steine gesperrt ist, so hergerichtet werden, dass sie gefahrlos betreten werden kann. Geplant sind weiterhin ein befestigter Zugang, ein Rundweg mit Bänken und auch die alte Kirchhofsmauer soll saniert werden. Wie schon die laufenden Bauarbeiten soll auch dieses Vorhaben zum Großteil aus dem europäischen Leader-Programm bezuschusst werden. Der Fördersatz beträgt immerhin 75 Prozent.

Ist auch dies erledigt, könnte die damalige Befürchtung von Otto Alex – er wurde später übrigens Bürgermeister – dank der Initiative der Klietzer Kirchgemeinde doch noch korrigiert werden: Die Klietzer Kirche ist doch wieder aufgebaut worden – bis auf die Apsis. Doch ist dies vielleicht auch so gewollt – in ihr steht ein Mahnmal gegen Krieg und Gewalt.