Havelberg l Es war im Jahre 1589, als der erste lutherische Domdechant des Havelberger Domkapitels, Matthäus Ludecus, das Missale herausgegeben hat, das neben dem Vesperale das erste evangelische Messbuch des Domstifts war. 1517 in Bad Wilsnack geboren – jenes Jahr, in dem Martin Luther seine 95 Thesen an die Wittenberger Kirchentür schlug – vollzog Ludecus die Reformation in Havelberg. Mit dem Missale hatte er eine Messordnung geschaffen, die die Gebete und biblischen Schriftlesungen sowie weitere liturgische Handlungen regelte. Dazu gehörte der Quempas. Der Wechselgesang, der heute noch zu Weihnachten in der Sandauer Kirche gesungen wird.

Über die Jahrhunderte hatte das Buch Schaden genommen. Der Verein der Freunde und Förderer des Prignitz-Museums unter Vorsitz von Harald Wildhagen nahm das Reformationsjubiläum 2017 zum Anlass, es als Spendenobjekt auszuwählen. Der lederne Einband und die 414 Seiten mussten von Verschmutzungen und Wasserflecken gereinigt, Knicke und Risse stabilisiert, Fehlstellen ergänzt und gelöste Heftlagen nachgeheftet werden. Die Arbeiten konnten dank vieler eingegangener Spenden erledigt werden, berichtet Museumsleiterin Antje Reichel. Um zum Beispiel ausgefressene Seiten zu stabilisieren, wird das vorhandene Papier gespalten und neu eingesetzt. Das sieht man natürlich. „Aber der Schaden kann nicht mehr weitergehen und das Buch ist bestens für die Zukunft bewahrt.“

Fragmente aus altem Heiligenlexikon

Wertvoll ist dieses Messbuch auch wegen der handschriftlichen Eintragungen des einstigen Jederitzer Kirchenvorstehers und Bauern Joachim Techel, die er von 1771 bis 1774 auf vielen Seiten vornahm. Um zu notieren, wie die Getreideernte war, wo es einen Brand gab, Hochwasser und eine Mäuseplage, nutzte er jede freie Stelle aus. Es ist zwar nicht so leicht, die Schrift zu transkribieren, doch wollen die Museumsmitarbeiterinnen bei Gelegenheit versuchen, die Eintragungen ins Hochdeutsche zu bringen.

Bilder

Das Missale ist nicht das einzige Messbuch dieser Art. Einige Exemplare befinden sich im Domstiftsarchiv in Brandenburg. Das restaurierte Werk soll künftig wieder mit in der dombaugeschichtlichen Ausstellung gezeigt werden, wenn die Siedlungsgeschichte – dafür sind Fördergelder über Leader beantragt – erneuert worden ist und die Domgeschichte komplettiert werden kann.

Weil viele Spenden eingegangen sind und auch durch den Verkauf von Publikationen Geld eingenommen wird, konnte der Förderverein weitere Exponate des Museums in der Fachwerkstatt restaurieren lassen. Insgesamt sind es sieben. Dazu gehört ein Notenblattfragment des Domstiftes auf Pergament aus dem 14. Jahrhundet.

Handfibel und Geografiebuch

Das handgeschriebene Notenblatt ist aus einem Antiphonar – einem Buch für die gregorianischen Gesänge der Stundengebete am Dom. Es enthält Melodien und Texte zum Fest des Märtyrers Clemens und zum Andreas-Fest Ende November. Das Fragment war auf Pappe aufgeklebt, weshalb die Restauratoren die Verklebungen beseitigt und das Papier geglättet haben. Für die Präsentation in der Dauerausstellung wurden Faksimiles der Vorder- und Rückseite angefertigt.

Um Fragmente handelt es sich auch bei den Texten aus der Legenda Aurea des Jacobus von Voragine, die sich einst in der Domstiftsbibliothek befand. Die Fragmente gehörten zu einem Bucheinband – Pergament war kostbar und wurde vielfach genutzt – und wurden später ebenfalls auf Pappe geklebt. „Vor ein paar Jahren hat sich der Germanist Dr. Langner von der Uni Krakau mit den Texten beschäftigt und sie der Legenda Aurea zugeordnet, einer Art Heiligenlexikon des Mittelalters“, berichtet Antje Reichel. Die lateinische Handschrift wurde vermutlich im Skriptorium kopiert. Es scheint eine der ganz frühen Abschriften zu sein. „Selbst diese Fragmente, von denen wir lange Zeit nicht wussten, wozu sie gehören, sind schon was ganz Besonderes. Noch schöner wäre es natürlich, wenn wir die ganze Legenda Aurea hätten.“

Das Skriptorium und die Bibliothek des Domstiftes befanden sich wahrscheinlich im südlichen Kreuzgang der Klosteranlage am Dom – in Brandenburg gibt es einen vergleichbaren Raum. „Im Gewölbe wurden besonders wertvolle Sachen aufbewahrt und die großen Fenster sprechen dafür, denn man brauchte viel Licht zum Schreiben“, so die Museologin.

Auch der schon lang gehegte Wunsch, eine Handfibel von 1853 zu restaurieren, ging nun in Erfüllung. Vom Einband waren nur noch Reste da. Die Restauratoren haben unter anderem einen neuen Holzdeckel angefertigt, den Buchrücken neu eingeledert und Fragmente des Bezugspapiers mit in den neuen Bezug eingearbeitet. Das Buch zum Lesen- und Schreiben-, aber auch Rechnenlernen wurde anscheinend viel genutzt, wovon der vom vielen Blättern entstandene Schmutz auf der ersten Seite zeugt. Kleine Geschichten sind ebenso enthalten wie Bilder zum Lernen der Buchstaben.

Landkarte aus dem 18. Jahrhundert

Ein anderes schönes Buch, das Antje Reichel schon immer gern in der Ausstellung zeigen wollte, trägt den sperrigen Namen „Kurze Erläuterung einer in Kupfer gestochenen Vorstellung des Erdbodens“. Die „neunte verbesserte Auflage“ stammt aus dem Jahr 1785 und war für die Realschulen in Berlin gedacht. Eingetragen als Besitzer ist Johann Friedrich Eickhoff aus Jederitz. Von einem Mann mit diesem Namen gibt es in der Biedermeier-Ecke des Museums ein Soldaten-Reiterbild. Da ist als Wohnort Vehlgast angegeben.

Das Buch war nur noch ein Haufen Papier – die Fachleute leisteten ganze Arbeit, um das Papier zu restaurieren und einen neuen Pappband als größeren Deckel zum Schutz der ausklappbaren Karten von verschiedenen Ländern und der Erdkugel anzufertigen.

Eine große Landkarte der Prignitz von 1795 gibt es jetzt in zweifacher Ausführung – das Faksimile unterscheidet sich kaum vom Original, von dem Verklebungen und Kittungen entfernt und das Papier von Knicken, Rissen und Fehlstellen befreit worden ist. Die Karte wird gern gezeigt – weil das Papier jedoch lichtempfindlich ist, war das nicht immer möglich. Mit der Nachbildung ist das nun kein Problem mehr.

Einige der Exponate werden in die Dauerausstellungen gehen, andere temporär gezeigt. Antje Reichel sagt allen Spendern im Namen des Museums und des Fördervereins ein großes Dankeschön. Das aktuelle Spendenobjekt ist ein Newtonsches Spiegelteleskop aus dem Jahre 1805, das möglichst in diesem Jahr restauriert werden soll.