Havelberg l  Nach Jahren der Vorbereitung und vor allem des Geldeinwerbens nimmt das ehrgeizige Projekt in der Stadtkirche nun Fahrt auf. Eine Voraussetzung dafür war auch die Sanierung des Orgelgewölbes, welches vom echten Hausschwamm befallen war. Sechs Gerüstleitern mit jeweils zehn Stufen steigt Domkantor Matthias Bensch hinauf in das Gewölbe, unter dem sich in der Havelberger Stadtkirche die Orgel befindet. Er zeigt das frisch verputzte Gewölbe. Im Moment steht nur noch das Holzgehäuse dort. Die Orgelpfeifen sind ausgebaut und warten, fein säuberlich aufgereiht in Regalen und an Wänden stehend, auf ihre Aufarbeitung. Die kann nun beginnen. Am Mittwoch holte der Chef der Orgelwerkstatt Wegscheider in Dresden, Kristian Wegscheider, mit seinem Mitarbeiter Stephan Adler die ersten Pfeifen ab.

Arbeiten in der Orgelempore konnten erst beginnen, nachdem die Instrumententeile im Juni 2019 ausgebaut wurden. Und da zeigte sich – wie so oft bei alten Gemäuern – das wahre Ausmaß. Echter Hausschwamm hatte statisch relevante Balken des Orgelgewölbes befallen. Von geplanten 50.000 Euro erhöhte sich die Summe für die Gewölbesanierung auf 120.000 Euro. Die Hansestadt beteiligte sich mit 25.000 Euro aus dem Städtebaulichen Denkmalschutz an der Sanierung. Zu Beginn dieses Jahres kamen 34.000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) und der Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt hinzu.

An dem Gewölbe mussten die Mitarbeiter der bauausführenden Havelberger Firma HTI einiges an Holz austauschen, bevor sie den neuen Putz aufbringen konnten. Nun sieht alles schick aus. „Diese Sanierung war Grundvoraussetzung für die Restaurierung der Orgel. Der Putz bröckelte dort schon ab. Das wäre alles in das Instrument gefallen“, sagt der Domkantor, der froh ist, dass diese Etappe auf dem Weg zu einer restaurierten Orgel geschafft ist. Jetzt geht es an die eigentliche Arbeit an der historisch wertvollen Orgel, die Gottlieb Scholtze, ein Meisterschüler des bedeutenden Orgelbauers Joachim Wagner, 1754 in der Stadtkirche gebaut hatte. Wertvoll ist sie vor allem auch deshalb, weil es heute nur noch drei zweimanualige Scholtze-Orgeln gibt – im Dom und in der Stadtkirche in Havelberg sowie in der Kirche in Lenzen – und 50 Prozent der Originalsubstanz erhalten ist.

Bilder

„Das ist ein tolles Projekt und ich bin froh, dass das Riesenproblem der Gewölbesanierung gelöst werden konnte, ohne dass es das Geld für die Orgel auffrisst“, sagt Kristian Wegscheider. Seine Werkstatt macht sich nun ans Werk und restauriert zunächst das gesamte Pfeifenwerk.

Die alten Prospektpfeifen wurden 1917 vom Staat eigezogen, da dieser das Metall für den Krieg benötigte. Es kamen dann später Pfeifen in das Prospekt, welche weit vom Original entfernt waren, weil diese eine ganz andere Bauform hatten.

Auf der Suche nach einem Foto von vor 1917

Ein Foto vor 1917 kann für die Rekonstruktion der fehlenden Pfeifen Aufschluss zu den originalen Längenverhältnisse zwischen Pfeifenfuß und Pfeifenkörper geben. „Es gibt zwar ein altes Foto der im zweiten Weltkrieg zerstörten Scholtze Orgel im Fürstenwalder Dom, welches die momentan gültige Referenz für eine Rekonstruktion ist. Aber noch besser wäre ein Foto von unserer Orgel.“ Der Domkantor hofft, dass in irgendeinem alten Fotoalbum vielleicht von einer Konfirmation eine Ansicht, auch wenn es nur ein Teil ist, von der Orgel zu finden ist. Wer etwas entdeckt, kann sich bitte bei ihm melden. Im Spätsommer/Herbst sollen die vier Blasebälge an die Reihe kommen. Einer wiegt geschätzt 240 Kilogramm. „Der Weg, sie herauszubekommen, ist kompliziert, weshalb wir die Restaurierung vor Ort vornehmen“, sagt der Fachmann. Mit den Windladen machen sich die Restauratoren dann an das Herzstück der Orgel. „Sie sind das Zentrum des Instrumentes, da läuft alles zusammen“, erklärt Kristian Wegscheider. Der Spieltisch ist eine ziemliche Ruine. Mechanik und Klaviatur werden teilweise in der Werkstatt, teilweise vor Ort restauriert. Die neuen, dann wieder aus Zinn bestehenden Prospektpfeifen sollen im Sommer 2021 eingebaut werden. 1917 waren, wie aus vielen Kirchen, die Zinnpfeifen für Kriegszwecke ausgebaut und später durch Zinkpfeifen ersetzt worden.

Die Finanzierung der Orgelrestaurierung mit gut 608.000 Euro ist zum größten Teil durch die Arbeit des Orgelvereins und vieler anderer Geldgeber gesichert. Nur etwa 30.000 Euro muss der Verein noch sammeln, um aufgenommene Darlehen zu entlasten. „Wir suchen noch Menschen, die die Restaurierung durch eine Pfeifenpatenschaft unterstützen möchten. Der Name des Paten wird dann in der Pfeife eingraviert.“ Mehr dazu unter www.orgelverein-havelberg.de

Ziel für die Einweihung der restaurierten Orgel ist der Reformationstag 2021. „Im Moment sieht alles so aus, dass wir das schaffen könnten“, sagt Kristian Wegscheider. Zwar musste die Orgelwerkstatt wegen der Corona-Pandemie auch einiges neu organisieren, doch ist er guten Mutes, den Zeitplan einhalten zu können. „Wir tun alles dafür, um eine der schönsten, wenn nicht sogar die schönste barocke Orgel der Region wieder zum Klingen zu bringen.“