Kuhlhausen l Eine bunt bemalte Libelle tanzt auf ihrem Finger. Vor ihr liegen weitere dieser für Vietnam typischen Dragonflies in verschiedenen Farben und Größen auf dem Tisch. Bao Dung Nguyen erzählt „von Dragonflies, tauben Großmüttern und der Vorstadt der Megacity Saigon“ (heute Ho-Chi-Minh-Stadt). Ab 19 Uhr sind Besucher am Sonnabend, 19. August, im neuen Welcome Center Kuhlhausen in der Ringstraße 15 willkommen. Der Verein „Endegelände – Initiative für Kultur und Verständigung“ startet dieses Projekt hinter der Scheune an der „Blauen Moschée“.

Menschen aus anderen Ländern und Kulturen kennenzulernen, ist das Ziel des Welcome Centers, das über den Europäischen Sozialfonds im Leader-Programm gefördert wird. Bao Dung Nguyen ist die Erste, die ihr Land vorstellen wird. Die Idee ist, über das Essen des Leibgerichts zusammenzufinden und gemeinsam einen spannenden Abend zu verbringen. Chào Ga, Goi Cuon und Che Bá Ba will die Vietnamesin servieren. Gemeinsam mit Tom Korn, einem der Künstler im Verein „Endegelände“, wird sie die Hühner-Reis-Suppe, die Sommerrollen mit Erdnussbutter und den Süßkartoffel-Kokos-Pudding zubereiten. Für den Kauf der Zutaten fuhren sie am Freitag nach Berlin. Zudem zeigt, tanzt, singt und erzählt Bao Dung von ihrer Welt. Ihr Thema vor allem: Das Zusammenleben der Generationen in dem asiatischen Land.

Die 33-Jährige lebt in einem Vorort von Ho-Chi-Minh-Stadt. Früher war es ein kleines Dorf. Mit typischen Häusern, auf Stelzen gebaut, die in die Länge wuchsen, je größer die Familie wurde. Heute gehört das Dorf zur riesigen Metropole, ist urbanisiert. Doch die Menschen bewahren die Traditionen. Dafür steht die Libelle, erzählt Bao Dung. Die kleinen bunten Flieger aus Bambus symbolisieren das Zerbrechliche und bieten vor allem Balance. „Als Kind habe ich mit echten Libellen gespielt. Die Dragonflies stehen für die von der Stadt verschluckte Natur und erinnern mich an die Natur früher in meinem Dorf“, erzählt die junge Frau. Balanciert sie eine der Libellen auf einem Finger, findet sie Ruhe, Balance.

Fünf Jahre die Großmutter gepflegt

Erzählen will die studierte Theaterregisseurin, Drehbuch- und Bühnenstückschreiberin sowie Autorin, die für Film, Theater, Zeitungen und Online-Portale arbeitet, vor allem über das Zusammenleben der Generationen. „Ich lebe in Saigon mit meinen Eltern und meinem Bruder. Bis meine Großeltern gestorben sind, lebten auch sie mit in dem Haus. In Vietnam leben alle Generationen zusammen.“ Die Nähe der Familien wird möglichst aufrecht erhalten, auch in solchen modernen Mega-Metropolen wie Ho-Chi-Minh-Stadt. Vom Baby bis zum Greis bleiben möglichst alle beieinander. Das führt natürlich auch zu Konflikten in einer modernen Welt. „Doch es kommt keiner auf die Idee, das zu brechen.“

Bao Dung hat ihre Großeltern fünf Jahre gepflegt. Pflegepersonal wäre möglich gewesen. „Aber sie haben keine solche Verbindung zu den alten Menschen wie wir als Familie.“ Am Anfang war es sehr schwer für sie, Stunden am Bett der Großmutter zu sitzen und trotzdem alles zu erledigen. „Ich war aber mental in der Lage dazu, sie zu pflegen. Und diese Aufgabe hat mich sehr glücklich gemacht. Ich habe sehr viel über die Psychologie von alten Menschen gelernt“, sagt Bao Dung und berichtet, dass sie aus dieser Zeit, in der ihre künstlerische Arbeit in den Hintergrund trat, viel Positives für sich geschöpft hat.

Wo sie einmal selbst ihre familiäre Zukunft sieht, weiß sie noch nicht. Ob mit Ehemann und Kindern? Da ist sie noch im Zwiespalt mit sich selbst. Fakt ist, sollte es erforderlich sein, wird sie sich auch um ihre Eltern kümmern.

Von Europa weiß sie, dass meist jeder eine eigene Wohnung hat und die Familien oft weit voneinander entfernt leben. Als sie Thomas Harzem von „Endegelände“ in Vietnam kennenlernte, wo er für Videoproduktionen arbeitete, und erfuhr, dass er sich in Kuhlhausen um seinen dementen Vater kümmert, erstaunte sie das und machte sie neugierig. So wurde die Idee geboren, nach Deutschland zu kommen.

Sehr an ethnologischen Themen interessiert – zum Beispiel beschäftigt sie sich in Vietnam mit den Lebensgewohnheiten von Minderheiten – will Bao Dung auch hier Menschen kennenlernen. Sie will Interviews führen und über das Erlebte in Vietnam in einem Film berichten. Auch eine Ausstellung plant sie.

Doch erst einmal erzählt sie am Samstagabend in Kuhlhausen von ihrem Leben, von Land und Leuten. Dafür wird nicht nur gekocht. Sie zieht auch traditionelle Kleidung an, singt Volkslieder, zeigt einen Volkstanz. Willkommen sind alle Interessierten. Der Eintritt ist frei, ebenso Essen und Getränke. Im Anschluss zeigt Thomas Harzem Videostudien von leerstehenden Gebäudestrukturen in einem zerstörten Mangrovengebiet von Ho-Chi-Minh-City. Jan Zimmermann sorgt für den passenden Klang.

Natürlich hält Bao Dung auch Libellen parat. Sie werden von Menschen mit Behinderung hergestellt. Der Erlös aus dem Verkauf kommt diesen Initiativen zugute. Noch heute werden Kinder mit Behinderungen geboren – Spätfolgen des Gifteinsatzes durch die US-Luftwaffe im Vietnamkrieg.