Klötze l Gedenktage gibt es viele in der Welt. Doch bislang existierte kein Tag, der an die seit Jahren unaufhörlich steigende Bedeutung der Algen erinnern soll. Seit dem gestrigen Donnerstag hat sich das geändert: Jörg Ullmann, Geschäftsführer der Algenfarm Roquette in Klötze, rief einen solchen Welt-Algentag ins Leben. Damit setzte der Biologe, Algenforscher, -farmer und Autor von Fachbüchern zum Thema Algen eine vor drei Jahren entstandene Idee in die Tat um.

„Ich habe mich schon immer gewundert, dass es noch keinen Algen-Tag gab“, berichtete Jörg Ullmann im Gespräch mit der Volksstimme. „Deshalb habe ich diesen Weltgedenktag am heutigen Donnerstag mit der Veröffentlichung ins Leben gerufen.“ Geschehen ist das in dem Blog „Die Welt der Algen“.

Dieser „World Algae Day“, wie er auf Englisch heißt, soll alljährlich am 12. Oktober begangen werden. „Der Tag soll auf die enorme und vor allem wachsende Bedeutung der Algen für und auf unser Leben hinweisen“, begründet Ullmann. „Algen sind nämlich nicht nur verantwortlich für jedes zweite Sauerstoffmolekül in der Luft, die wir atmen, sie beeinflussen auch die Qualität unserer Trinkwasserressourcen, sind wichtige Bodenorganismen, sind Auslöser des Meeresleuchtens und gelten als Lebensmittel der Zukunft. Außerdem dienen sie als Ausgangsstoff für neuartige Medizinprodukte und werden weltweit erfolgreich zur Bekämpfung von Mangelernährung eingesetzt.“

Algen stehen am Anfang der meisten Nahrungsketten im Wasser und sind zudem wichtige Biomasseproduzenten. Sie dienen als Rohstoff für unterschiedlichste Industriezweige, informiert Jörg Ullmann. In jüngster Zeit gewinnen sie in den Küchen dieser Welt als Gemüse aus dem Meer zunehmend an Bedeutung. In asiatischen Ländern werden Algen bereits seit Tausenden von Jahren als Lebensmittel geschätzt.

Immer mehr Forschungsprojekte beschäftigen sich weltweit mit Algen. Der Einsatz von Algen wird in integrierten Aquakulturen und in Aquaponiksystemen untersucht. Letzteres bezeichnet ein Verfahren zur Verbindung der Aufzucht von Fischen mit der Kultivierung von Nutzpflanzen in Aquakulturen. Geforscht wird auch am Einsatz von Algen in der Architektur (Stichwort Urban Farming) und selbst als Quelle für Kraftstoffe, nennt der Experte Beispiele.

„Algen-Mikrofarmen zum Beispiel können in Gegenden betrieben werden, in denen Ackerbau schwer möglich ist und können Bauern weitestgehend unabhängig von steigenden Land- und Rohstoffpreisen machen“, erläutert er.

Auch in der Medizin wächst die Rolle der Algen. Sie werden nachweislich, wo sie denn verfügbar waren, schon seit 14.000 Jahren als Lebens- und Heilmittel genutzt. Einen industriellen Algenanbau gibt es allerdings erst seit den 1950er/1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Schon heute würden geschätzt in 70 Prozent aller Lebensmittel weltweit Algen stecken, meist in Form von Extrakten, vermutet der Klötzer.

Und das Potenzial ist riesig: „Wir kennen zirka 30.000 Algen, wahrscheinlich gibt es zehn Mal mehr unentdeckte Arten, und wir nutzen erst etwas mehr als 100 von ihnen“, rechnet Ullmann vor.

Algen wachsen zehn bis 30 Mal schneller als Landpflanzen und enthalten alle wichtigen Nährstoffe. Vor allem vor dem Hintergrund einer stark wachsenden Weltbevölkerung bei nahezu gleichbleibend großen Ackerflächen an Land würden Algen als eine wichtige Ressource zur Produktion von Lebensmitteln im Wasser gesehen. Und das Wasser umfasst immerhin mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche.

Um den „Welt-Algentag“ offiziell zu machen, will Jörg Ullmann diesen Gedenktag bei den Vereinten Nationen (UN) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beantragen, damit er in die offizielle Liste der Feier- und Gedenktage mit aufgenommen wird. Dafür soll der bereits vorliegende Text ins Englische übersetzt und an die entsprechenden Institutionen geschickt werden. „Wegen der Mangelernährung der Menschen in vielen Teilen der Welt, denke ich, ist ein solcher Welt-Algentag für die UN und die WHO interessant“, erklärt Jörg Ullmann.

Der „Welt-Algentag“ soll in Form von Aktionen, Messen, Medienberichten und Symposien begangen werden, „um die Bedeutung und das Potenzial dieser, für die meisten Menschen recht unbekannten Organismengruppe aufzuzeigen und sie dafür zu begeistern“. Auch Forschungsprojekte an Schulen bezieht der Algenfarmer in seine Überlegungen für diesen Tag mit ein.

„Jetzt geht es darum, den Welt-Algentag mit Leben zu erfüllen“, sagt Jörg Ullmann. Für den ersten Gedenktag am bevorstehenden 12. Oktober am kommenden Donnerstag hat er sich bereits einiges einfallen lassen. „Erste kleine Aktionen zum Thema Algen, ein Symposium im Internet“, zählt er auf. „Ich habe auch schon Firmen angesprochen deswegen.“ Das besondere Engagement für den Welt-Algentag solle nach den Vorstellungen von Jörg Ullmann in den nächsten Jahren unbedingt ausgebaut werden. Dabei hofft er auf die Mithilfe von Kollegen und Gleichgesinnten weltweit.

Ob und wann der Antrag des Biologen aus Klötze, einen weltweiten Algentag offiziell zu etablieren, behandelt und entschieden wird, vermag er nicht zu sagen. Schließlich hat er mit derartigen Anträgen auf der Ebene der Vereinten Nationen keine Erfahrung. Doch er sagt: „Ich vermute, das kann ewig dauern.“