Klötze l Fast auf den Tag genau vor 75 Jahren, am 16. Oktober 1945, wurde das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen gegründet. Für ihren Kampf gegen den Hunger erhielt die Organisation kürzlich den Friedensnobelpreis.

1945, das war auch das Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. In weiten Teilen Deutschlands herrschten Hunger und Elend. Nicht ganz so schlimm war es in der Altmark, erfuhr die Volksstimme bei einem Gespräch in der alten Feuerwehr in Klötze von einigen Seniorinnen. Die Frauen treffen sich dort jeden Donnerstag zum Spielenachmittag.

„Zum Kriegsende waren wir auf dem Land alle Selbstversorger“, erinnert Thea Hardenberg, die 1933 geboren wurde und in Apenburg aufwuchs. Im Haushalt lebten die Großeltern, eine Tante, die Mutter und fünf Kinder. Der Vater war noch nicht heimgekehrt. Dank des Gartens und der Tiere herrschte kein Mangel. „Das Nötigste war immer vorhanden“, berichtet Thea Hardenberg.

Was das Kochen angeht, hatte die Oma das Sagen. Oft gab es Eintöpfe. Oder Pellkartoffeln. Duft und Geschmack hat Thea Hardenberg bis heute in Nase und Gaumen. „Pellkartoffeln esse ich immer noch gerne“, erzählt Thea Hardenberg. „Mit Quark. Oder Losewurst.“

Nach dem Krieg wurde ein System mit Marken eingeführt. Jeder sollte ein Anrecht auf Grundnahrungsmittel haben. Wer nichts zu essen hatte, bekam Lebensmittel. Wer sich indes selbst versorgen konnte, erhielt Waschmittel oder Streichhölzer, weiß Thea Hardenberg.

Vorhandenes wurde rationiert. Wer Tiere schlachten wollte, brauchte eine Genehmigung. Thea Hardenberg muss immer noch schmunzeln, wenn sie an das „Schwein mit den acht Beinen“ denkt. Die Erklärung: „Eines wurde angemeldet, tatsächlich wurden aber zwei geschlachtet.“

Es war natürlich kein Leben im Überfluss, aber man kam zurecht, resümiert die Klötzerin. Man litt auch nicht an Vitaminmangel. Das Obst aus dem Garten wurde entweder frisch verzehrt oder vom Bäcker gedörrt. Um Obst und Gemüse den Winter über einzulagern, grub man Löcher, etwa für Kohl, Sellerie und Rüben. Keller und Steintreppen dienten als Kühlschränke. Lebensmittel zur Konservierung einzukochen, war gang und gäbe.

Mit allem knapper wurde es, als die Flüchtlinge kamen, blickt Thea Hardenberg zurück. „Da musste geteilt werden.“ Mancher tat sich damit schwer. Die Flüchtlinge gaben ihr letztes Hemd, um über die Runden zu kommen, tauschten sogar Schmuck gegen Lebensmittel ein.

Auch die Familie von Sigrid Frenzel, die 1940 zur Welt kam, musste flüchten, kam aus dem preußischen Elbing, das heute zur polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren gehört, über Höhnstedt bei Halle nach Klötze. Das war 1946. Der Vater war Arzt, die Familie lebte sich ein. Schokolade gab es nicht, nur Bonbons, erzählt Sigrid Frenzel. In Erinnerung geblieben ist ihr, dass man damals aus der Not eine Tugend machte und genügsam war. „Abends gab es öfter Milchsuppe mit Klunkermus“, ein Rezept aus der alten Heimat mit kleinen Klümpchen (Klunker) aus Eiern und Mehl.

Handeln war üblich. „Mein Opa hat Pilze gesammelt. Die hat dann der Arzt gekriegt“, erwähnt Thea Hardenberg und betont, wie sehr die Kriegsgeneration von den Gegebenheiten geprägt wurde, Bescheidenheit und Dankbarkeit lernte. „Zu Weihnachten bekam ich eine Puppe, die landete nach den Feiertagen in einem Karton. Das Jahr darauf gab es dieselbe Puppe mit anderem Kleid.“ Damit war sie zufrieden. Und überhaupt: „Wir haben im Sand gespielt, Sand gegessen und waren immer gesund.“

Kurz nach dem Krieg waren die Altmärker sparsam, gehamstert wurde aber nicht, sagt Thea Hardenberg. Dass die Supermarkt-Regale zu Beginn der Corona-Krise leer waren und nun eine zweite „Hamster-Welle“ droht, dafür hat sie kein Verständnis. „Da kommt der Egoismus durch. Jeder denkt zuerst an sich.“ Die Menschen kennen nur noch das Überangebot, sind Mangel nicht mehr gewohnt. Sie selbst wuchs in einer anderen Zeit auf, kann sich einschränken. „Wenn ich etwas nicht habe, dann ist das eben so. Das muss ich akzeptieren oder mir was einfallen lassen.“

Sigrid Frenzel sieht das genauso. „Früher wurde nichts weggeschmissen, alles aufgebraucht und verwertet. Wenn ich sehe, was heutzutage alles im Müll und Sperrmüll landet, kann ich das nicht begreifen.“

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist für Thea Hardenberg ein verdienter Nobelpreisträger. „Aber eigentlich ist es schlimm, dass es Hunger auf der Welt gibt und eine Organisation sich darum kümmern muss.“