Magdeburg l Schockierende Einzelfälle, der offene Brief der Lehrerschaft einer Harzer Grundschule und die Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage nach Gewalterfahrungen unter Lehrern bieten den Anlass für eine Anfrage der Fraktion Linke/future! an die Stadtverwaltung Magdeburg. Unter dem Titel „Gewalt an Schulen und Horten“ forderte die Fraktion bereits im Juni 2018 aktuelle Informationen über Gewalt an Magdeburger Bildungseinrichtungen und Strategien, dem Phänomen wirksam zu begegnen.

„Gewalt an Schulen scheint mehr denn je ein sehr ernstzunehmendes Problem unserer Zeit zu sein“, begründet Fraktionschef Oliver Müller den Vorstoß. Seit einigen Tagen liegt endlich die Stellungnahme der Verwaltung zur Anfrage vor; verfasst hat sie der Bildungsbeigeordnete Matthias Puhle (SPD).

Kaum Erkenntnisse bei Stadt Magdeburg

Derselbst räumt zunächst ein, nicht sonderlich viel Verwaltungswissen vorbringen zu können.

Die den Hortbetrieb koordinierende Stabsstelle Jugendhilfe-, Sozial- und Gesundheitsplanung im Magdeburger Rathaus verweist darauf, dass Träger von Kitas und Horten „besondere Vorkommnisse zu melden haben“. Für das Jahr 2018 lägen der Stabsstelle aber keine entsprechenden Mitteilungen von Hortträgern vor.

Kaum Protokolle über Vorfälle

Das Jugendamt steuert „ein besonderes Vorkommnis“ (wird nicht näher beschrieben) bei, das „in den vergangenen drei Jahren“ von einem Hortträger angezeigt worden sei. Schließlich gibt auch das Landesschulamt zu Protokoll, „dass wir darüber keine Daten erheben“. Also alles paletti? Keineswegs, glaubt der Beigeordnete und dass diese Annahme „einer Fehlinterpretation gleichkomme“.

Mangels anderer Quellen zieht Puhle sodann die Polizeistatistik zu Rate. Die bietet einigen Aufschluss mehr, auch wenn hier ausschließlich zur Anzeige gebrachte Straftatbestände ausgewiesen sind, also wohl längst nicht das ganze Ausmaß alltäglicher Gewalt auf dem Schulhof – ganz körperlich oder auch psychisch – deutlich wird.

Zahl der Rohheitsdelikte steigt

Insgesamt – das weist der Jahresbericht 2017 „Jugendkriminalität und Jugendgefährdung" aus – sind die Zahlen bekannt gewordener Straftaten an Schulen in Magdeburg leicht rückläufig (von 294 im Jahr 2016 auf 274 im Jahr 2017). Allerdings ist dementgegen die Zahl erfasster „Rohheitsdelikte“ wie Körperverletzung, Raub oder Nötigung – also Straftaten Mensch gegen Mensch – im gleichen Zeitraum von 50 auf 73 gestiegen.

Neben der Zunahme roher und körperlich ausgetragener Delikte auf Schulhöfen gibt der Anstieg der Zahl besonders junger Tatbeteiligter (unter 14 Jahre) Anlass zur Sorge. Landesweit stieg die Zahl der Tatverdächtigen im Kindesalter von 486 (2016) auf 550 (2017), in Magdeburg von 29 (2016) auf 62 (2017).

Nicht immer wird Gewalt angezeigt

Anzunehmen ist, dass die Zahlen ohnedies nur die Spitze des sprichwörtlichen Eisberges markieren und Gewalt auf dem Schulhof in längst nicht jedem Fall zur Anzeige kommt. Parallel zur Zahl der angezeigten Fälle von Rohheitsdelikten steigt auch die Zahl der als „verhaltensauffällig“ diagnostizierten Schulkinder in Sachsen-Anhalt – von 2369 im Jahr 2016 auf 2526 im vergangenen Jahr.

Auf kommunaler Ebene habe man bisher keinen Anlass für spezielle Präventionsprogramme gesehen, schreibt der Bildungsbeigeordnete. Allerdings erhoffe man sich Aufschlüsse vom angekündigten Präventionskonzept aus dem Bildungsministerium.

Alarmierende Ergebnisse hatte zu Jahresbeginn eine bundesweite Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbandes für Bildung und Erziehung unter 1200 Schulleitungen zutage gefördert. An jeder zweiten Schule wurden Lehrer Opfer psychischer Gewalt (z. B. von verbalen Bedrohungen), an jeder vierten körperlich attackiert, an jeder fünften Ziel von Cybermobbing.