Alte Kunstschule am Rande der Innenstadt strebt zu neuen Ufern

Ein Dach für kreative Köpfe

Magdeburg. 2004 hoben ein paar kulturell bewegte wie bewanderte Magdeburger das Projekt "Rückführung" aus der Wiege und weckten die Kunstschule in der Brandenburger Straße zu neuem Leben. Das "Forum Gestaltung" ist Produkt des Prozesses, der längst noch nicht am Ende ist.

"Nutzungskonzept Brandenburger Straße 9-10 als Standort der Kultur- und Kreativwirtschaft" - der Titel einer Anfang Juli im Stadtrat verabschiedeten Beschlusssache klingt spröde. Es muss sich schon vor Ort begeben und die Räume durchstreifen, wer einen Eindruck von dem bekommen will, was hier (wieder) wachsen könnte. Die zwischen 1876 und 1911 erbauten Gebäude atmen noch eine Menge von dem aus, was hier dereinst erdacht und erschaffen wurde. Bereits 1793 eröffnete am Standort eine Kunstschule, deren Geschichte nach 170 Jahren anno 1963 ein abruptes Ende fand: Schließung. Später bevölkerten junge Pädagogen in Ausbildung die eigentlich sichtlich für den Kunstbetrieb geschaffenen hohen Ateliers und Kabinette. Heute nutzen Hochschule und Universität sie nur noch zum Teil; der Auszug hat begonnen. 2016 endet der Mietvertrag für den Lehrbetrieb, der bis dahin am Standort längst gänzlich eingeschlafen sein wird. Höchste Zeit, für die Zukunft des historischen Ortes vorzubauen.

Das Forum Gestaltung hat seit 2004 seinen Fuß in der Tür, besser gesagt gute 900 Quadratmeter angemietet und äußerst ambitioniert gefüllt. Norbert Pohlmann, geistiger Kopf und zugleich Geschäftsführer des Vereins, erinnert an die Ursprünge der "Hausbesetzung", die als eine dauerhafte zunächst gar nicht geplant war: "Die ,Rückführung\' zur Geschichte dieses Ortes war ein Projekt zum 1200-jährigen Stadtjubiläum und sollte Ende 2005 enden. Aber dann kamen eine Menge Leute und sagten: Ihr könnt doch jetzt nicht einfach aufhören!" Das Forum blieb und gleichsam sein Standort, ein Ort, der sich beileibe nicht nur als einer für Kunstkonsumenten versteht. Das Forum wird seinem Namen gerecht und bietet ein solches - ein Forum - zur kulturpolitischen und zur gesamtgesellschaftlichen Debatte. Pohlmann: "Wir stellen uns zunehmend auch der wichtigen Frage: Was ist die Kultur des Wirtschaftens? Das Höher-Schneller-Weiter ist gescheitert. Hoffentlich. Was folgt dem?"

Mit solchen Gedanken umreißt Pohlmann trefflich den weiten Kulturbegriff, der sich am historischen Ort in der Innenstadt breitmachen soll. Das künftige Kultur- und Kreativzentrum "Forum Gestaltung" bietet all jenen einen Ort, die sich an solchen Denkprozessen beteiligen und dazu die Synergien des Hauses nutzen wollen. Das könnten in der Tat bildende Künstler sein, die hier Ateliers einrichten. Ein junges Filmstudio ist schon vor Ort. Werbeagenturen und Tonstudios bekunden Interesse. Verlage sind möglich, der Offene Kanal kann sich den Einzug vorstellen. Aber auch Architekten, Therapeuten, sogar "kreative" Steuerberater könnten sich einmieten, allein das Gefüge müsste zusammenpassen, harmonieren, sich gegenseitig befruchten - ideell, aber letztlich auch wirtschaftlich. An Betriebskostenzuschüsse von Seiten der Stadt als Besitzerin des Objektes ist nicht gedacht. Nicht von ungefähr ist die Entwicklung des neuen Kreativstandortes am historischen Platz verwaltungstechnisch im Wirtschaftsdezernat angesiedelt. Der Kulturbeigeordnete nennt das Vorhaben ein kulturell-wirtschaftliches Cross-Over-Projekt. Norbert Pohlmann hofft auf sein Gelingen und spinnt selbstbewusst einen gedanklichen Faden quer durch Europa bis hin zu einem "Europäischen Kulturmanifest", zu dessen Schöpfung Magdeburg den Anstoß geben und die Städte des Magdeburger Rechts vereinen könnte. Das Büro zur Bewerbung Magdeburgs um den Titel Europäische Kulturhauptstadt hat seinen Sitz unterm Dach des Forums Gestaltung, das Dynamo für die Ansiedlung kreativer Kraft in Magdeburg werden will. Das Projekt braucht langen Atem. Der Raum dafür ist gesichert. Die Basis ist gelegt.