Magdeburg l „Wenn wir jetzt wirklich aufhören zu sammeln, muss ich noch mal ein neues Buch machen“, sagt Hans Gieraths. Gemeint ist eine Art Katalog. Viele hat Gieraths inzwischen gestaltet. Darin listet der Kunstsammler auf, welche Kunstwerke er besitzt, von wem sie stammen und wie er zu ihnen gekommen ist – Fotos natürlich inklusive.

Seine Frau ahnt es schon: „Wenn du jetzt schon sagst, wenn wir wirklich aufhören, wird das doch wieder nichts.“ Der Satz „Jetzt ist Schluss“ begleitet die beiden schon seit Jahren. Doch dann kommt wieder ein Werk, dem Gieraths und seine Frau nicht widerstehen können – und das Sammeln geht weiter. Ihr Mann gesteht: „Ich könnte noch viel mehr sammeln, aber wir haben ja keinen Platz mehr.“

Wohnung voller Kunst

Die Wohnung der Gieraths ist über und über mit Kunst ausgestattet. „Skulpturen und Bilder sind die Seele unserer Wohnung, Möbel nur die Ergänzung“, lautet das Motto der beiden. Das Mobiliar dient mehr als Abstellplatz. In Regalen, auf und in Schränken, auf dem Boden, an den Wänden, selbst im Badezimmer und auf dem Küchentisch lagern die Schätze des Ehepaares – zusammengetragen in einem Leben, durch das die beiden nun schon fast 60  Jahre gemeinsam gehen.

Bilder

Insgesamt haben sie schon mehr als 100.000  Kilometer in Polen zurückgelegt, um Werke zu bekommen. Schwerpunkt ihrer Sammlung ist nämlich die „Naive Kunst“ aus dem deutschen Nachbarland. „Das ist keine Volkskunst“, betont Gieraths, sondern „die Charakterfähigkeit des Einzelnen, die Vorstellungskraft, die unseren Begriff von Fantasie noch übersteigt“. Manchmal fahren sie Hunderte Kilometer nur wegen einer Figur, erzählt Hans Gieraths. Häufig landen die beiden dann in entlegenen Gegenden Polens. „Einmal kamen wir nicht mal mit dem Auto hin und mussten die letzten zwei Kilometer zu Fuß gehen“, erzählt Hans Gieraths. Von Beruf war er Theologe. Das passt zu seinem Faible für die polnische Kunst, viele haben Bibelszenen dargestellt.

Die beiden haben die Erfahrung gemacht, dass „Künstler andere Menschen sind als wir, sie haben mehr persönliche Visionen. Sie leben auf einem anderen Planeten und machen das Gewöhnliche zum ‚Geheiligten‘“, so Gieraths. Immer wieder solche speziellen und interessanten Menschen kennenzulernen, ist für die beiden ein schöner Nebeneffekt.

700 Skulpturen von 151 polnischen Künstlern

Von 151 polnischen Künstlern hat das Paar mehr als 700  Skulpturen zusammengetragen. 53 von ihnen haben sie sogar persönlich getroffen. Darunter sind Stanislaw Apriasz, der immer wieder auch schon in Magdeburg zu Gast war, Eugeniusz Zegadlo, Roman Sledz und Stanislaw Holda – alles bekannte Holzbildhauer. „Roman Sledz wird sogar der ‚Dalì Polens‘ genannt“, erzählt Hans Gieraths mit Stolz. Aber auch etliche Gemälde hat das Paar, neben den polnischen auch Werke von deutschen Künstlern und Künstlern aus anderen Ländern.

Die Kunstwerke immer wieder anzuschauen, ist für Hans Gieraths die größte Freude am Sammeln. Der Betrachter, der zum ersten Mal in die Sammlung der Gieraths kommt, ist überwältigt. Man weiß kaum, wohin man zuerst schauen soll. Hans Gieraths selbst scheint den Überblick noch nicht verloren zu haben, steuert zielsicher durch die Zimmer und weiß viele Geschichten zu den Kunstwerken zu erzählen. Und oft erzählen die Werke auch selbst Geschichte – wie etwa die Schnitzerei von Stanislaw Apriasz, die eine Szene aus einem KZ widerspiegelt, in der der Pater Maximilian Kolbe für einen anderen Mithäftling in den Tod ging.

Die polnische Ära der Gieraths begann in einem kirchlichen Bildungszentrum in der Nähe von Frankfurt am Main. Dort kamen sie immer wieder in Kontakt mit polnischen Künstlern. Ihre sechs Kinder haben sie mit der Sammelleidenschaft angesteckt, auch schon einiges an sie abgegeben, wie sie erzählen. Der älteste Sohn ist sogar Restaurator für Kulturgut aus Holz geworden.

Magdeburger brauchen Kunst

Warum sie Kunst sammeln, darauf können die beiden kaum eine rechte Antwort finden. An einem Schrank aber haben Gieraths eine Reihe von Zitaten auf Zetteln und Postkarten gesammelt, die ein Ansatz sein könnten: „Kunst ist nicht Luxus, sondern Notwendigkeit.“ „Kunst ist die Entdeckung des Unentdeckten.“ „Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt.“ „Zu jeder Kunst gehören zwei: einer, der sie macht, und einer, der sie braucht.“ Gieraths sind Menschen, die Kunst brauchen wie die Luft zum Atmen.